Zwischen Pflegekatastrophe und Hoffnungsschimmer: Beim ersten Pflegegipfel im Landkreis Konstanz diskutierten mehr als 100 Vertreter der ambulanten und stationären Pflege, der Ausbilder, der Versicherungen und Dienstleister auf diesem Gebiet sowie der Politik über Wege, mehr Mitarbeiter für die Pflege zu gewinnen. Bernd Eberwein, Vorsitzender des Kreisseniorenrats, sprach vielen im Fachpublikum aus Seele, als er forderte, es müsse auch darum gehen, die schon ausgebildeten Kräfte in der Pflege durch bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung zu halten. "Sonst geht menschliches Kapital verloren." Bei der Frage, wie sinnvoll es ist, auf Kräfte aus dem Ausland zu setzen, gingen die Meinungen auseinander.

Der Markt für Pflegekräfte im Kreis Konstanz ist völlig ausgetrocknet. Jutta Driesch, Geschäftsführerin der Argentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg, sagte, sie habe auf Landkreisebene keine einzige vermittelbare Kraft für die Alten- und Krankenpflege, aber 107 gemeldete offene Stellen. Tatsächlich sei der Personalbedarf aber deutlich höher, weil längst nicht alle Stellen gemeldet werden. Und die, die in der Pflege arbeiteten, schmissen die Arbeit im Schnitt nach zwölf Jahren und sieben Monaten hin. Um dies zu verhindern, seien die Betriebe gefordert. Driesch sagte, die Arbeitsagentur habe Geld für Umschulungen und Qualifizierungen für Menschen, die den Pflegeberuf wollen, es fehle aber an Kandidaten. "Am Geld scheitert es bei uns nicht." Es gebe Förderungen zum Altenpflegehelfer und zum Altenpfleger. In diesem Jahr hätten schon 82 Menschen im Landkreis so ein Programm durchlaufen.

Mit Blick auf die Finanzmittel der Agentur sagte sie, es könnten sehr viel mehr sein. Aus dem Kreis der 3500 Flüchtlinge könnten sich sicher auch einige sich für die Pflege qualifizieren. Man müsse den Neubürgern aber noch Zeit geben. Zudem gebe es Möglichkeiten, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen.

Uwe Daltoe, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Hochrhein-Bodensee, sieht ein gewaltiges Pflege-Problem auf den Landkreis zukommen. Nach seiner Rechnung fehlen hier bis im Jahr 2030 rund 1300 Pflegeplätze, für die 600 zusätzliche Mitarbeiter benötigt würden. Es sei Aufgabe der gesamten Gesellschaft Lösungen zu finden. "Pflege geht uns alle an." Ulrich Schmolz, Referatsleiter Pflege und Quartier beim Ministerium für Soziales und Integration in Baden-Württemberg, zweifelte diese Zahlen an. Die Menschen würden immer später pflegebedürftig, auch das müsse eingerechnet werden. Zudem gebe es auch noch andere Möglichkeiten, dem Pflegeproblem zu begegnen, etwa durch eine bessere Präventionsarbeit. Es gehe darum, frühzeitig Unterstützungsbedarf zu erkennen. Dabei spielten Hausärzte, die am nächsten am Patienten sind, eine große Rolle. Jedes Krankenhaus in Baden-Württemberg sollte weiter bei Patienten im Alter von mehr als 70 Jahren abklären, ob es sich um einen Fall für die Altersmedizin handelt.

Die grüne Kreisrätin Ines Happle-Lung, die selbst in der Krankenpflege arbeitet, plädierte dafür, die Gelder, die offenbar im System sind, für die Entlastung des Pflegepersonals einzusetzen. Denn diese müssten sich einfach um zu viele Pflegebedürftige gleichzeitig kümmern. Caritas-Chef Andreas Hoffmann forderte, die geplante Imagekampagne des Landes zum Thema Pflege durch Einsatzkräfte vor Ort zu ergänzen. Diese sollten an die Schulen gehen und für den Beruf werben. Landrat Frank Hämmerle übte Kritik an der Heimbauverordnung des Landes, die das Aus für Mehrbett-Zimmer bedeutet. Durch die Regelung seien dem Kreis nicht nur Pflegeplätze verloren gegangen, sie ziehe eine ganz neue Problematik nach sich. Weil die Einzelzimmer teurer sind, könne eine zunehmende Zahl an Menschen die Pflegekosten nicht mehr allein tragen. Es müsse der Sozialhilfeträger einspringen. Schon im Kreishaushalt 2018 werde sich das bemerkbar machen.

Die Veranstaltung

Die kommunale Gesundheitskonferenz im Landkreis mit ihrer Arbeitsgruppe Altersmedizin hatte den ersten Pflegegipfel initiiert, weitere sollen folgen. Zum Auftakt kamen Vertreter der stationären und ambulanten Pflege, den Dienstleistern auf diesem Feld sowie den Ausbildungsstätten, den Fachkräften der Medizin, der Versicherungen und der Politik zusammen. Der Gipfel hat sich zum Ziel gesetzt, konkrete Handlungsempfehlungen zu formulieren, und dann schrittweise umzusetzen. Daran muss er noch arbeiten.