Der Mangel an Pflegeplätzen für alte Menschen und der Mangel an ausgebildeten Kräften, die die Senioren betreuen und pflegen, ist ein seit Jahren viel diskutiertes Thema im Landkreis Konstanz. Doch offenbar verändern sich die Perspektiven nur langsam oder gar nicht zum Guten. Das zeigte am Mittwoch eine Bestandsaufnahme des Kreisseniorenrats. "Die Pflegesituation ist im Landkreis Konstanz nach wie vor dramatisch", bilanzierte Kreisseniorenratsvorsitzender Bernd Eberwein bei einer Vorstandssitzung, an der routinemäßig auch Vertreter der Heimleitungen, Pflegedienste und Wohlfahrtsverbände teilnehmen. Von Entspannung könne überhaupt keine Rede sein, befand Eberwein. Widerspruch erntete er nicht.

Prognose bis 2025 fortgeschrieben

Erörterten die Lage im Bereich der Altenpflege (v. l.): Kreisseniorenratsvorsitzender Bernd Eberwein, die Radolfzeller Sozialbürgermeisterin Monika Laule und Xaver Müller, Vorstand des Radolfzeller Stadtseniorenrats.
Erörterten die Lage im Bereich der Altenpflege (v. l.): Kreisseniorenratsvorsitzender Bernd Eberwein, die Radolfzeller Sozialbürgermeisterin Monika Laule und Xaver Müller, Vorstand des Radolfzeller Stadtseniorenrats. | Bild: Domgörgen, Franz

Faktenbasis bleiben im Wesentlichen Zahlen und Prognosen des Kreissozialdezernats aus dem Jahr 2015. Ausgehend von einem Bestand von 1980 Heimplätzen in der stationären Altenpflege sollte der Bedarf bis zum Jahr 2020 um 782 auf 2762 Plätze steigen, so die Ansage. Inzwischen wurde die Prognose bis 2025 fortgeschrieben, wie der Vorstand des Kreisseniorenrats ausführte. Demnach geht man im Landratsamt für 2018 überraschenderweise von einem Bestand von 2696 Heimplätzen aus. Der Bedarf steige bis 2025 auf 2852. Hat sich aber tatsächlich der Fehlbedarf auf 156 Plätze verringert? Das könne man so nicht interpretieren, hieß es am Mittwoch. Denn in die neuen Berechnungen sind nun nicht nur stationäre Heimplätze, sondern auch ambulant betreute Seniorenwohngemeinschaften einbezogen.

200 Vollzeitstellen nötig

Matthias Frank, der als Vertreter der Heimleiter im Landkreis Konstanz im Vorstand der Seniorenvertretung gehört wird, warnte davor, nur den Mangel an Pflegeplätzen in den Blick zu nehmen. Zur Rechnung zähle auch der Mangel an Pflegekräften hinzu. Laut Frank werden 2018 bis 2020 kreisweit in fünf Einrichtungen 405 neue Pflegeplätze geschaffen. Doch um die Betreuung der Menschen zu garantieren, seien 200 Vollzeitstellen in der Altenpflege vonnöten. Und es sei derzeit unmöglich, kompetentes Personal zu finden, so Frank. Er sieht Anlass zur Besorgnis.

"Glauben Sie das Märchen nicht"

"Wo nehmen wir das Personal her", fragte auch Tobias Volz. Nach Einschätzung des SPD-Kreisrats, der beruflich selbst einen ambulanten Pflegedienst betreibt, ist der Druck auf die stationäre Pflege so hoch, weil es in der ambulanten Pflege nicht besser aussieht. Viele Pflegebedürftige könnten daheim versorgt werden, aber es gebe dafür keine Kapazitäten der Hilfsdienste. Volz widersprach im Übrigen energisch der Auffassung, dass viele gut ausgebildete Pflegekräfte zu Arbeitgebern in der Schweiz wechseln: "Es gibt keine belastbaren Zahlen dafür, dass ausgebildete Pflegekräfte in die Schweiz abwandern. Glauben Sie dieses Märchen nicht." Für Reinhard Zedler, Geschäftsführer des AWO-Kreisverbands, hängt vieles mit vielem zusammen. Warum bleibe ausgebildetes Personal nur so kurz im Pflegeberuf, nämlich statistisch gesehen sieben bis zehn Jahre? "Wir werden sehen, dass man mit Geld nicht pflegen kann, wir brauchen die Menschen dazu", so Zedler.

Das Beispiel Radolfzell

  • Mehr Sozialwohnungen bauen: Wenn der Wohnraum knapp ist und die Mieten steigen, wird es schwerer, Fachkräfte an einen Ort zu binden, das gilt auch für Pflegepersonal. Die Entwicklung trifft auch für Radolfzell zu, wie Sozialbürgermeisterin Monika Laule in der Veranstaltung des Kreisseniorenrats erläuterte. Laule stellte als Gastgeberin die Situation in der Großen Kreisstadt dar. Radolfzell ist ein attraktives Ziel am Bodensee, der Zuzug hoch. Zielsetzung der Stadtentwicklung sei es, bei neuen Bauprojekten einen Anteil von 30 Prozent für Sozialwohnungen sicherzustellen.
  • Die Prognosen: In Radolfzell gibt es nach Angaben der Bürgermeisterin derzeit 277 Plätze in der stationären Pflege. Der Bedarf bis 2025 wird auf 356 Plätze geschätzt. Die städtische Spitalstiftung könne das Delta nicht auflösen, so Laule. Hier werde Enagement privater Investoren benötigt.
  • Die Pflegeausbildung: Künftig wird die Ausbildung in der Pflege einheitlicher. Sie ermöglicht, nach der Ausbildung in allen Versorgungsbereichen zu arbeiten: in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege oder Altenpflege. Bisher waren die Bereiche getrennt. Der Kreisseniorenrat befürchtet, dass zwischen Kliniken und Pflegeheimen ein Konkurrenzkampf um das Fachpersonal ausbrechen könnte. Interessenvertreter aus dem Pflegebereich und Politik wollen über das Thema am 6. November diskutieren.