Boiler montieren in Engen, Spülmaschine anschließen in Konstanz, Gasheizung reparieren in Radolfzell: Im Internet warten die Aufträge auf Handwerker. Und Kunden auf die Handwerker. Statt in den Gelben Seiten nach einem Klempner oder Fliesenleger zu suchen, gehen Kunden heute vermehrt ins Internet und inserieren auf Portalen wie Myhammer, Blauarbeit oder auch in den Ebay Kleinanzeigen ihre Aufträge. Die Handwerker machen ein Angebot, der Kunde sucht sich aus, was ihm gefällt, besonders welcher Preis ihm gefällt. Für Einzelkämpfer wie Ljubisa Lazarevic aus Radolfzell-Markelfingen eine Chance, für große Betriebe wie Schäuble Sanitär aus Radolfzell gerade noch kein Thema. "Wir beobachten noch, was auf solchen Portalen passiert", sagt Geschäftsführer Martin Schäuble. "Aber ein Preisvergleich findet dort natürlich statt."

Ljubisa Lazarevic hat auf myhammer nur positive Bewertungen für seine Maler- und Putzarbeiten bekommen, in der digitalen Welt eine handfeste Währung. "Das freut mich natürlich", erzählt er. Die monatlichen Gebühren von knapp 60 Euro, die für Handwerker anfallen, lohnen sich für ihn, teilweise kommen mehrere Anfragen täglich, natürlich führen nicht alle zu einem Auftrag. Handwerker-Alltag eben. Fast drei Millionen Nutzer sind nach Angaben des Unternehmens inzwischen registriert, über fünf Millionen Aufträge wurden schon eingestellt. Ljubisa Lazarevic bedient Kundenwünsche in einem Umkreis von fast 100 Kilometern, die wenigsten kommen aus Radolfzell. Er sagt: Ein Auftrag im Schwarzwald ist besser als kein Auftrag. Und den Kunden ist in der derzeitigen Hochkonjunktur eher gleich, woher der Maler kommt – Hauptsache es kommt jemand.

Denn tatsächlich führt die gute Auftragslage aktuell zu Engpässen bei den Handwerksbetrieben – quer durch alle Branchen, wie der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz, Georg Hiltner, bestätigt. Auch bei der Traditionsfirma Schäuble mit 32 Mitarbeitern liege man bei der Auslastung im oberen Bereich, erklärt Geschäftsführer Martin Schäuble. Kunden müssten allerdings immer Vorlauf einkalkulieren, allein die Lieferzeiten von vier bis sechs Wochen sind ein Faktor – wer das bedenkt, bekommt seine gewünschte Dienstleistung. "Wir wollen auch keine Überkapazitäten aufbauen – wer weiß, was in zwei Jahren ist."

Das deckt sich mit der grundlegenden Vorsicht, die im Konjunkturbericht der Handwerkskammer ebenfalls zum Ausdruck kommt: Etwas skeptischer als noch vor einem Jahr gehen die Betriebe im Kammerbezirk Konstanz in die Zukunft. 69,2 Prozent rechnen mit einer positiven Geschäftsentwicklung, vor einem Jahr waren es noch 74 Prozent. Dabei ist die Auftragslage gut: Fast 40 Prozent der Handwerker durften sich über ein höheres Auftragsaufkommen freuen. Und auch die Betriebsauslastung zeichnet ein ähnliches Bild: Ein Fünftel der Unternehmen in der Region musste sogar über die Kapazitätsgrenzen gehen, fast jedes zweite hat einen Auslastungsgrad zwischen 81 und 100 Prozent. Ganz ohne Zahlen und Prozente ausgedrückt: Dem Handwerk geht es gut, Geschäft gibt es genug.

Wenn bloß die Nachwuchssorgen nicht wären. Die nach Ansicht von Martin Schäuble auch mit dem Imageproblem des Handwerks zu tun haben. "Es gibt ein verfälschtes Bild der Berufe – der alte Spruch von wegen Handwerk geht immer zählt nicht mehr. Die Anforderungen an die Berufe werden von den Bewerbern häufig unterschätzt. Mit der Rohrzange kommst du heutzutage nicht mehr weit." Bei der Ausbildung können vor allem die kleinen Handwerksbetriebe aber nur schwer mit der Industrieausbildung in gut ausgestatteten Lehrwerkstätten konkurrieren. Gerade kleine und Kleinstbetriebe haben dann das Problem, zuerst Auszubildende zu finden und somit auch potenzielle Nachfolger heranzuziehen. Eine Entwicklung, die der Kammer ebenfalls Sorgen bereitet. "Wir haben inzwischen eine deutliche Zunahme von Ein-Mann-Betrieben und großen Betrieben. Aber familiengeführte kleine Betriebe bekommen Nachfolgeprobleme. Hier geht eine ganze mittelständische Kultur verloren", sagt Handwerkskammer-Geschäftsführer Georg Hiltner.

Dabei kann gerade jetzt im Handwerk gutes Geld verdient werden – da muss gar nicht erst das alte Bild vom goldenen Boden aus der Kiste der geflügelten Worte gekramt werden. Fast die Hälfte aller zum Konjunkturbericht befragten Betriebe meldete zum Ende des Jahres 2016 steigende Umsätze. Die Hälfte der Betriebe will zudem in Ausrüstung und Maschinen investieren, zehn Prozent wollen ihren Mitarbeiterstab vergrößern. Besonders gut ist die Laune beim gewerblichen Bedarf, also bei Maschinen- und Metallbauern, außerdem im Bauhauptgewerbe (Maurer, Zimmerer, Dachdecker) und dem Ausbauhandwerk (Maler, Klempner, Installateure).

Gleichzeitig werden die Kunden anspruchsvoller. Beispiel Notdienst, Unterbeispiel überraschender Kälteeinbruch. "Die Kunden machen in T-Shirt und kurzer Hose die Türe auf und sagen, sie frieren. Der Notdienst ist für den Notfall und muss auch etwas wert sein", sagt Martin Schäuble. Ähnliches berichtet Karin Vögele von Manz Immobilien, die unter anderem Häuser verwalten. "Vom Kunden wird viel erwartet und die Leute haben oftmals wenig Geduld." Sie hat ihren festen Stamm an Handwerkern, die auch am Wochenende ans Telefon gehen und eine Heizung wieder in Gang bringen. Denn gerade bei einer Heizung ist mit der Zange auch nichts mehr auszurichten – "die Betreuung und der Unterhalt technischer Einrichtungen ist anspruchsvoll", weiß Martin Schäuble, der selbst Gas- und Wasserinstallateur und Klempner-Meister ist, außerdem Obermeister der Innung Sanitär, Heizung und Klima. Aber auch wenn die Betriebstreue abnimmt, die Kunden flexibler werden und inzwischen auch im Internet nach einem Maler oder Dachdecker suchen: "Eine gute Dienstleistung wird immer geschätzt. Und das bezahlt der Kunde auch gern."


"Die Kunden müssen Geduld zeigen – die Auftragsbücher sind voll"

Weiter gute Auslastung, aber die Betriebe gehen mit Skepsis in die Zukunft. Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz, Georg Hiltner, erläutert die Hintergründe.


Die Auftragslage der Handwerksbetriebe ist aktuell sehr gut, die Umsätze steigen: Was sind die Gründe für das anhaltende Hoch?

Wir haben aktuell eine gute Binnenkonjunktur und konsumfreudige Endkunden – man gönnt sich was. Die Tiefzinsphase löst zudem weiter Investitionen aus, es wird saniert, modernisiert und neu gebaut.


Dennoch gehen die Betriebe im Kammerbezirk laut ihrem Konjunkturbericht skeptischer als früher in die Zukunft. Warum?

Es stellen sich für die Betriebe natürlich viele Fragen: Wie geht es weiter innerhalb der Europäischen Union, wie lange hält die Niedrigzinsphase, welche Auswirkungen hat die leicht steigende Inflation? Allen Branchen ging es zuletzt gut, aber man traut dem Glück nicht so ganz. Ich gehe aber mittelfristig von einer weiter stabilen Binnenkonjunktur aus – gerade hier im wirtschaftlich starken Südwesten.


Der Effekt der guten wirtschaftlichen Lage sind Engpässe wegen voller Auftragsbücher. Bekommen Kunden zeitnah ihre gewünschte Dienstleistung?

Die Betriebe arbeiten ihre wirklich vollen Auftragsbücher mit maximaler Geschwindigkeit ab. Sie wollen ja ihre Kunden bedienen. Aber der Fachkräftemangel über alle Branchen hinweg lässt sich nicht einfach beheben, obwohl eine hohe Einstellungsbereitschaft besteht. Die Kunden müssen momentan teilweise etwas Geduld zeigen.


Internetportale wie myhammer bieten laut eigener Werbung schnelle Vermittlung und direkten Preisvergleich: Ist das eine Konkurrenz für Handwerksbetriebe in der Region?

Das Handwerk wird sich darauf einstellen müssen. Über kurz oder lang wird es sicher noch Bewertungsportale geben. Das hat auch Vorteile: Die Betriebe können über Empfehlungsmarketing neue Kundenkreise erschließen und zielgruppengerecht agieren. Das versuchen wir als Kammer auch in unseren Beratungen zu vermitteln. Wer sich von den Betrieben schon länger auf die Digitalisierung eingestellt hat und diese auch prozesshaft in die Abläufe integriert, ist damit in der Regel schon sehr erfolgreich.


Wie bewertet die Handwerkskammer solche Dienstleistungsportale?

Gerade myhammer haben wir am Anfang sehr kritisch gesehen, da ging es zum Beispiel um Probleme mit Preisdumping. Das Portal hat aber reagiert und wurde umgebaut. Momentan sind die Auswirkungen dieser Angebote noch schwer zu bewerten. Mittelfristig müssen sich die Betriebe dieser Konkurrenz aber stellen.


Fragen: Anja Arning