Manchmal sind es Zufälle, die Herausforderungen ins Blickfeld rücken. Irgendwo in Deutschland fällt ein Mann in einen Bach, beinahe ertrinkt er. Im Krankenhaus finden Mediziner multiresistente Keime in seiner Lunge. Der Mann stirbt. Die Todesursache bleibt offen. Aber Untersuchungen weisen anschließend in diversen niedersächsischen Gewässern Erreger nach, gegen die Antibiotika kaum noch etwas ausrichten können. Lauern am Ende auch im Bodensee multiresistente Keime? Wie groß ist die Gefahr, dass der Badegast zu Schaden kommt? Und wenn schon Befürchtungen um die Belastungen für den großen Trinkwasserspeicher in Europa kreisen, wie steht es um die Gefährdung der Wassergüte durch Mikroplastik und durch Spurenstoffe wie Rückstände von Medikamenten sowie Chemikalien, die von Kläranlagen noch gar nicht oder nicht umfassend herausgefiltert werden können?

Anlass für Hysterie wegen Bakterien sehen Wissenschaftler zweier Forschungseinrichtungen am Bodensee eher nicht. “In einem einigermaßen naturnahen Gewässer gibt es natürlich eine Vielzahl von Bakterien, Viren und Parasiten, bei denen man zunächst denkt, damit möchte ich nichts zu tun haben, sie sind aber ein enorm wichtiger Bestandteil des Ökosystems“, stellt Martin Wessels fest. Der Mitarbeiter am Seenforschungsinstitut Langenargen erläutert aber auch, dass multiresistente Erreger natürlicherweise nicht zum Ökosystem gehören und darum „ein nicht erwünschter Fremdorganismus im See sind“. Für das Ökosystem seien die Keime aber unbedenklich, da es „ohne Antibiotika funktioniert und Resistenzen gegen die Wirkstoffe im See keine Rolle spielen“. Und wie gefährdet ist der Mensch? „Eine hundertprozentige Sicherheitsgarantie gibt es nicht“, sagt der Mikrobiologe Bernhard Schink, der am Limnologischen Institut der Universität Konstanz forscht. Eine Infizierung in Freigewässern sei nicht ausgeschlossen. Ein Krankheitserreger könne zum Beispiel durch eine Wunde in den Körper gelangen. Sicher ist: Wenn Gesundheitsämter am Bodensee die Wasserqualität testen, geht es um Verunreinigungen durch Fäkalien, nicht um multiresistente Keime. Systematische Kontrollen auf resistente Erreger in offenen Gewässern gibt es bisher nicht.

Weniger unbesiegbare Monsterbakterien als vielmehr der Eintrag von sogenannten Spurenstoffen beschäftigt derzeit die Hüter des sauberen Bodensees. Es geht zum Beispiel um Rückstände von Medikamenten und Haushaltschemikalien. Spurenstoffe oder Mikroverunreinigungen werden die Substanzen genannt, weil sie in Gewässern (noch) in nur geringen Konzentrationen vorkommen. Korrosionsschutzmittel, Schmerzmittel, Süßstoffe: 35 Einzelstoffen aus verschiedenen chemischen Substanzgruppen haben Wissenschaftler zuletzt 2015 bei Untersuchungen im Bodensee nachgespürt. In der Bilanz für die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee ist von durchweg niedrigen gemessenen Konzentrationen im Freiwasser des Bodensees die Rede, die für einen guten chemischen Zustand sprechen. Ob die Stoffkonzentration auf dem Niveau der Unbedenklichkeit bleibt? Das hängt nach Einschätzung von Martin Wessels letztlich auch vom Verbraucherverhalten ab. Wer Medikamente im Klo entsorgt, kurbelt den Transport von Spurenstoffen Richtung Trinkwasserspeicher an. „Grundsätzlich altert unsere Gesellschaft und darum wird auch der Einsatz von Medikamenten wie Antidiabetika oder Röntgenkontrastmitteln eher zunehmen“, heißt es in einer Stellungnahme des Seenforschungsinstituts.

Mitarbeiter einer Kläranlage bauen einen Spezialfilter zur Absorption von Mikroplastik aus dem Abwasser ein. Auf dem herkömmlichen Weg können die winzigen Partikel nicht vollständig aus dem Abwasser beseitigen werden. Foto: Ingo Wagner/Archiv
Mitarbeiter einer Kläranlage bauen einen Spezialfilter zur Absorption von Mikroplastik aus dem Abwasser ein. Auf dem herkömmlichen Weg können die winzigen Partikel nicht vollständig aus dem Abwasser beseitigen werden. (Archiv) | Bild: Foto: dpa

Am Ende landen Medikamentenreste, Korrosionsschutzmittel und etliche andere Spurenstoffe im Abwassersystem und damit in Kläranlagen. Und die sind mit dem bestehenden dreistufigen System von mechanischer und biologischer Reinigung sowie der weitergehenden Nährstoffelimination als dritter Reinigungsstufe nicht auf die systematische Herausfilterung der Substanzen eingestellt. Auch wenn es der Konstanzer Anlage, dem für 215 000 Einwohner ausgelegten, größten Klärwerk am Bodensee, bereits heute gelingt, das Schmerzmittel Ibuprofen zu 100 Prozent abzubauen, wie Ulrike Hertig versichert. Die Leiterin der Entsorgungsbetriebe Konstanz sagt: „Das Problem bei den Spurenstoffen ist: Es gibt unendlich viele.“ Hertig sieht hier das große Thema der kommenden Jahre und sie plädiert für ein ganzheitliches Konzept, das Industrie und Verbraucher mit in die Pflicht nimmt und die Verantwortung nicht allein den Klärwerken zuweist. Wann Konstanz seine vierte Reinigungsstufe zündet, ist offen. „Wir halten es für verfrüht, in eine großtechnische Anlage zu investieren, da sind noch viele Dinge unklar“, sagt Hertig. Die Konstanzer Anlage entspricht dem Stand der Anforderungen. 2015 ist die Einleiterlaubnis bis über das Jahr 2030 hinaus verlängert worden. Der Genehmigung gingen Analysen voraus – einschließlich einer Dokumentation über die Spurenstoffe. Fazit laut Hertig: „Der Einlauf aus der Kläranlage verändert die Wasserqualität im Seerhein praktisch nicht.“ Unterdessen befindet sich der deutlich kleinere Abwasserverband Stockacher Aach, der auch in den Bodensee einleitet, in einer gewissen Vorreiterposition. Er betreibt nach Angaben des Kompetenzzentrums Spurenstoffe Baden-Württemberg bereits seit September 2011 eine zusätzliche Verfahrensstufe zur Elimination von Spurenstoffen. Auch die Klärwerke in Kressbronn und Ravensburg wenden bereits eine Behandlung von Mikroschadstoffen an und setzen dabei Pulveraktivkohle ein.

Vor Wochen erst richtete die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg den Blick auf eine weitere Facette einer neuen Verunreinigungsgefahr. Anlässlich der Vorstellung einer Studie zur Gewässerbelastung durch Mikroplastik sprach Roland Schick, Laborleiter des Verbands der Bodensee-Trinkwasserversorgung, von einer ökologischen Herausforderung. „Wir müssen uns bewusst sein, dass unser Lebensstandard Auswirkungen hat. Null Belastung gibt es nicht mehr.“ Bei der Untersuchung waren auch an den zwei Messstellen im Bodensee Plastikteilchen im Spurenbereich nachgewiesen worden. Als Mikroplastik gelten Partikel, die kleiner als fünf Millimeter groß sind. Die Teilchen stammen unter anderem aus Kosmetikprodukten und geraten über Abwasser und Kläranlagen in Flüsse und Seen. Bis Grenzwerte festgelegt sind und Gesetze greifen, dürfte noch viel Wasser den Rhein hinunter fließen.

Keine Gefahr, aber Forschungsbedarf

  • Spurenstoffe bezeichnen laut Definition der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) Inhaltsstoffe von Gewässern in geringer Konzentration. Damit wird keine Aussage über Art und Wirkung der Stoffe gemacht. Häufig wird auch der Begriff Mikroverunreinigungen verwendet, der andeutet, dass diese Stoffe natürlicherweise nicht im Gewässer vorkommen. Zuletzt wurden der Bodensee und 13 Zuflüsse im Jahr 2015 auf Mikroverunreinigungen untersucht. Die Proben entnahm das Institut für Seenforschung in Langenargen. Im Bodensee wurden bei einem Suchprofil von 35 Substanzen 25 davon in mindestens einer Probe nachgewiesen. Am Ende bescheinigt die Untersuchung dem Freiwasser einen guten chemischen Zustand. In der Trinkwasseraufbereitung garantiert die Ozonbehandlung die Eliminierung der Spurenstoffe. Bei einer Reihe von deutschen Kläranlagen im Bodenseegebiet werden bereits Verfahren mit Aktivkohlefiltern erprobt oder sind sogar bereits dauerhaft im Betrieb. Der Zweckverband Abwasserbeseitigung Überlinger See wird voraussichtlich 2020/21 eine neue Reinigungsstufe in Betrieb nehmen.
  • Multiresistente Erreger sind Bakterien, die unempfindlich sind gegenüber der Wirkweise der meisten Antibiotika. Provoziert wird die Multiresistenz etwa durch einen sehr großzügigen Einsatz von Antibiotika. "Die Bakterien konnten immer etwas dazulernen", sagt der Konstanzer Mikrobiologe Bernhard Schink. Zuletzt wurden multiresistente Erreger bei Proben in niedersächsischen Flüssen und Seen nachgewiesen. Die niedersächsischen Ministerien sehen keinen Handlungsbedarf.
  • Mikroplastik bezeichnet kleine und kleinste Kunststoffpartikel. An der jüngsten Untersuchung zum Nachweis von Mikroplastik in Gewässern beteiligten sich neben Baden-Württemberg fünf weitere Bundesländer. Zwei Messstellen lagen am Bodensee: vor Romanshorn und Friedrichshafen. Kunststoffpartikel wurden im Spurenbereich nachgewiesen. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg sieht keine Gefahr, aber Forschungsbedarf. Auch beim Zweckverband der Bodensee-Trinkwasserversorgung sieht man keine Gefahr. Mit einem selbstentwickelten Verfahren auf Basis von Sandfiltern werden Partikel ab einem tausendstel Millimeter herausgefiltert.