Es war eine hochkarätig besetzte, aber nur von wenigen Zuschauern begleitete Podiumsdiskussion zur Frage, welche Schulen das Land braucht. In einem waren sich die Experten aus den Feldern Wissenschaft, Handwerk, Schule und Elternschaft einig: Sie wünschen sich mehr Freiheiten, weniger Bürokratie und weniger Dauerreformen. Der FDP-Stadtverband Konstanz hatte zur Debatte geladen. Die Moderation mit sechs Leitfragen hatte Manfred Hensler übernommen, der frühere geschäftsführende Leiter der beruflichen Schulen im Landkreis.

Nimmt die Akademisierung überhand?

Hensler weist auf die hohen Übertrittsquoten auf die Gymnasien (in Konstanz 56 Prozent) hin und fragt, ob da etwas schief laufe. Timm Kern, bildungspolitischer Sprecher der FDP im Landtag, bemängelt eine teilweise verschobene Wahrnehmung. Manche betrachteten es als Bildungsabstieg, wenn einer in Ausbildung statt ins Studium gehe. Er spricht sich für ausdifferenzierte Angebote und mehr Freiheiten für die Schulen aus.

Stephan Schumann, Professor der Wirtschaftspädagogik an der Universität Konstanz, geht davon aus, dass sich das Rad nicht mehr zurückdrehen lässt. Wenn die Akademisierung eine bestimmte Reputation in der Gesellschaft erreicht habe, sei schwer dagegen anzukommen. Die Schweiz sei andere Wege gegangen. Durch ein rigides Zulassungssystem erreichten dort nur wenige ein Studium. Raimund Kegel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz, sagt: „Wir haben keine Angst vor Abiturienten.“ Man sei dabei, die Ausbildungsangebote für Gymnasiasten attraktiver zu machen, und auch die Betriebe hätten inzwischen die Berührungsängste verloren. In Konstanz haben 17 Prozent der Auszubildenden in Handwerksbetrieben Abitur, auf Landkreisebene sind es elf Prozent. Vor fünf Jahren seien es noch um die neun Prozent gewesen.

Andreas Hipp, geschäftsführender Schulleiter der Grund-, Werkreal- und Realschulen, kritisiert, die Abschaffung der verbindlichen Empfehlung habe Real- und Werkrealschulen geschwächt. Alexandra Bek, die für den Gesamtelternbeirat Konstanz die Debatte als Besucherin verfolgte, widerspricht: Schon zu Zeiten der verbindlichen Empfehlung seien gut 60 Prozent der Schüler aufs Gymnasium gegangen.

Hier ist der Schulunterricht auf dem Weg in die Zukunft: Die Lehrer Josef Läufle (l.) und Oliver Scharnefski (3. v. l.) und die angehenden Mechatroniker Frieder Kegel (2. v. l.) und Kevin Rötelbach (r.) beschäftigen sich im Oktober 2017 in der Hohentwiel-Gewerbeschule Singen mit moderner Robotertechnik. Bild: Sabine Tesche
Hier ist der Schulunterricht auf dem Weg in die Zukunft: Die Lehrer Josef Läufle (l.) und Oliver Scharnefski (3. v. l.) und die angehenden Mechatroniker Frieder Kegel (2. v. l.) und Kevin Rötelbach (r.) beschäftigen sich im Oktober 2017 in der Hohentwiel-Gewerbeschule Singen mit moderner Robotertechnik. | Bild: Tesche, Sabine

Was macht den guten Lehrer aus?

Für den Wissenschaftler Schumann ist klar: Der gute Unterricht, der die Bedürfnisse der Kinder achtet, sei wichtiger als der strukturelle Rahmen. An dem werde von der Politik aber so gern geschraubt, weil dies leichter sei als langfristig in gute Lehrer zu investieren. Er bemängelt, wissenschaftliche Erkenntnisse kämen bei den Praktikern nicht an. Untersuchungen zeigten: Viele Lehrer entwickelten subjektive Theorien, was den guten Lehrer ausmache. Hipp stellt klar: „Es gibt sehr viele gute Lehrer und Schulen“, die Ausbildung sei aber noch stark bezogen auf das theoretische Fachwissen. Dabei übernehme ein Lehrer heute mehr Erziehungsaufgaben und müsse als Lernbegleiter den Kindern das eigenständige Lernen vermitteln.

Martin Pohlmann-Strakhoff, geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen, weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig das praktische Austesten ist. Er sagt, er habe nie Lehrer werden wollen, bis er bei Praktika sein Talent dafür entdeckte. Die Anforderungen seien riesig, ein Lehrer solle Werte authentisch leben, die Schüler mit seiner Begeisterung für die Fächer mitreißen, er solle durchsetzungsfähig und verlässlich sein. Pohlmann-Strakhoff geht davon aus, dass auch eine gezielte Förderung in den Schulen (Personalentwicklung) hilfreich sein kann.

Daniela Aberle-Heine, Vorsitzende des Gesamt­elternbeirats der beruflichen Schulen, weiß wie wichtig ein motivierender Lehrer für die Frage ist, wie gern ein Kind in die Schule geht. Sie regt an, mit Lehrern, die den Draht zu den Kindern nicht finden, offen darüber zu sprechen, zu analysieren, woran es liegt und eventuell Wege in alternative Berufe zu weisen. Sie fordert zudem gleiche Bedingungen für alle Schularten.

Welche Bedeutung hat die Digitalisierung?

"Wir rennen der Entwicklung hinterher“, stellt Schulleiter Andreas Hipp fest. Viele Haushalte seien besser vernetzt als Schulen. Trotz der Notwendigkeit zur digitalen Ausrichtung sei für ihn klar: Die Pädagogik müsse immer vor der Technik stehen. FDP-Kreisrat Georg Geiger warf als Gast die Frage auf, wer die Kosten der Digitalisierung tragen solle. Der Landkreis, der schon jetzt 100 Millionen Euro in Schulen investiere, sei dazu nicht in der Lage.

FDP-Sprecher Timm Kern plädierte für eine Finanz-Beteiligung des Bundes, was wegen der Länderstruktur in der Bildung umstritten ist. Es gilt das Kooperationsverbot, nach dem der Bund keinen Einfluss auf die Bildungspolitik der Länder nehmen darf. Kern spitzt zu: Es könne nicht sein, dass der Bund eine Schule in Burundi unterstützen darf, nicht aber die im eigenen Land. Wissenschaftler Schumann regt an, nicht die Schule die Nutzungsgeräte wie Tablets anschaffen zu lassen, sondern die Schüler, und dafür eventuell Förderungen aufzulegen. Berufsschul-Vertreter Pohlmann-Strakhoff hat mit so einem Modell schon schlechte Erfahrungen gemacht. Manche Kinder hätten für die Arbeit untaugliche Geräte gehabt. Auch er sieht die Notwendigkeit, die Schüler auf die digitalisierte Arbeitswelt vorzubereiten.