Der Sommer ist eine gute Zeit für Kulturliebhaber. Open Air Konzerte, Open Air Kino, Open Air Theater: Kultur bekommt im Freien den besonderen Geschmack nach Sommer und bringt zudem Leben an sonst verwaiste Plätze oder selten bespielte Bühnen. Im Sommer wird Kultur sichtbarer und zugänglicher auch für jene, die kein Theaterabo haben oder nicht gerne still im Konzert sitzen. Draußen wird Kultur noch mehr zum Event – und dieser Charakterzug steht ihr wahrlich nicht schlecht. Was Kultur auf der anderen Seite gar nicht gut steht, ist Kirchturmpolitik. Neben dem Oberzentrum Konstanz mit Stadttheater, Philharmonieorchester und vier Museen haben sich die kleineren und größeren Städte und Gemeinden im Landkreis erfolgreich ihre Nischen gesucht und bespielen diese mit Kreativität und Herzblut (und natürlich auch Steuergeldern).

Dass zum Beispiel die Allensbacher seit fast 20 Jahren ein attraktives Programm zwischen Jazz und Kabarett machen, wissen inzwischen auch die Konstanzer und Radolfzeller. Wenn deutlich mehr als 3000 Besucher zu einem Konzert der Sängerin Bê im Seegarten strömen, kommt das Publikum aus dem ganzen Landkreis, teilweise auf dem Seeweg und ankert mit einem Kaltgetränk in der Hand das Segelboot vor Allensbach. Ähnlich funktioniert der Export von Kultur innerhalb des Landkreises: Die Südwestdeutsche Philharmonie zum Beispiel spielt seit einigen Jahren mit Vergnügen in Radolfzell, was nicht nur an der guten Akustik im Milchwerk liegt, sondern auch am ungebrochenen Interesse des Publikums jenseits der Konstanzer Gemarkungsgrenze.

Der Landkreis Konstanz ist ein eng verwobener Kulturraum, in dem ein selbstbewusstes, anspruchsvolles und zahlungskräftiges Publikum lebt. Die Angebote der Nachbarstädte sollten daher auch von den Kulturmachern nicht als direkte Konkurrenz zum eigenen Veranstaltungskalender gesehen werden, sondern als Ergänzung des Büffets. Natürlich wird genau beobachtet, was links und rechts der eigenen Bühnen passiert, aber der Ansatz, als gemeinsame Kulturregion zu denken und zu agieren, ist der einzig richtige.

Es bestehe zur Zeit absolut kein Überangebot an Veranstaltungen, ist zum Beispiel die Einschätzung von Kulturbüroleiterin Sarah Müssig für Konstanz, sondern eher noch Luft nach oben. Auch die Radolfzeller haben aktuell in ihrem Jubiläumsjahr, das mit neuen Formaten wie dem Seefestival viel Publikum lockt, keine Probleme mit leeren Zuschauerrängen oder mangelnder Nachfrage. "Es gibt nie genug Kultur", sagt Radolfzells Kulturmacherin Angélique Tracik mit dem Überschwang, der Kulturschaffenden zu eigen ist. Wenn es Angebote mit Qualität und Esprit sind, kommt der geneigte Kulturfreund auch weiterhin gerne vorbei – egal woher.