Eine dicke Mappe mit braunem Umschlag. Darin bis zu 100 Seiten: Arztbriefe, Befunde, Notizen, alte Röntgenbilder. Und davor Mitarbeiter, die bisweilen Hieroglyphen-Kenntnisse brauchen sowie Patienten, die darauf vertrauen, dass Ärzte und Schwestern alles über sie und ihre Krankheitsgeschichte wissen. Das ist die Realität in den Krankenhäusern des Gesundheitsverbunds Landkreis Konstanz. In weiten Teilen ist die Dokumentation wichtiger Informationen auf dem technischen Stand von vor Jahrzehnten, erst in ganz wenigen Teilbereichen wie bei neueren Aufnahmen aus Röntgen- oder Magnetresonanztomographie-Geräten hat das Digitalzeitalter Einzug gehalten. Das soll sich jetzt ändern. Möglichst schnell und für ziemlich viel Geld.

Krankheitsgeschichte zwischen Aktendeckeln: In weiten Teilen ist die Dokumentation wichtiger Informationen auf dem technischen Stand von vor Jahrzehnten.
Krankheitsgeschichte zwischen Aktendeckeln: In weiten Teilen ist die Dokumentation wichtiger Informationen auf dem technischen Stand von vor Jahrzehnten.

Landrat Frank Hämmerle als Aufsichtsratsvorsitzender des Gesundheitsverbunds und der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt drücken dabei aufs Tempo. Hämmerle berichtete jüngst von ziemlich vorsintflutlichen Zuständen beim Thema Krankenakte. Er betont: Digitale Daten, die an allen Standorten gleichzeitig verfügbar sind, von allen Berechtigen jederzeit gelesen werden können, die keine Missverständnisse durch schwer lesbare Handschriften aufkommen lassen: Das alles dient der Qualität der Behandlung ebenso, wie es die Arbeitsbedingungen des Personals verbessert. Die Einführung der digitalen Patientenakte soll ein großer Fortschritt werden.

Aus dem Gesundheitsverbund wird dazu kein Widerspruch laut. Einen gewaltigen Modernisierungsstau räumt Geschäftsführer Rainer Ott offen ein, verweist aber darauf, dass die Krankenhäuser aus eigener Kraft eine so gewaltige Investition nicht stemmen könnten. Wo eine schwarze Null schon die begeistert gefeierte Ausnahme ist, ist nach seinen Worten schlicht kein Spielraum für eine Ausgabe von 14,5 Millionen Euro. So viel soll die Umstellung auf digitale Akten und die nötigen Anzeigegeräte kosten. Die Kosten sind auch deshalb so hoch, weil Datenschutz und Sicherheit vor Angriffen von außen extrem wichtig sind.

Verlegte Akten oder unleserliche Eintragungen, die Hämmerle jüngst beim Treffen der Bürgermeister aus dem Landkreis ansprach, sieht Ott nicht als Kernproblem. Er räumt aber ein: "Insofern wandert die Patientenakte mit dem Patienten und ist daher nicht immer für die Mitarbeiter, die einen Einblick in die Krankenakte nehmen müssen, zum gewünschten Zeitpunkt greifbar. Der Ort der Akten ist bekannt und diese sind daher auch auffindbar. Da die Einträge in die Akten vielfach handschriftlich erfolgen, sind diese nicht für alle Personen gut lesbar. Das liegt in der Natur der Sache." Auch Ott sieht in der zeitgemäßen Technik die vom Landrat erwarteten Vorteile. Auf SÜDKURIER-Anfrage erklärt der Klinik-Geschäftsführer: "Durch die Digitalisierung können die am Patienten arbeitenden Mitarbeiter auf die für die Behandlung erforderlichen Daten jederzeit zurückgreifen. Damit ist eine schnellere Diagnosestellung möglich. Dadurch kann die Therapierung des Krankheitsbildes gezielter und schneller begonnen werden." Dadurch steige etwa die Qualität der Behandlung. Zudem gewännen die Mitarbeiter Zeit für die direkte Patientenbetreuung, auch weil sie nicht nachträglich noch Vermerke machen müssten.

Dass Hämmerle und Burchardt das Thema bei einem Bürgermeister-Treffen so prominent ansprachen, hat einen Grund: Wie die Investition zu stemmen ist, ist noch unklar. Landrat und OB sprachen sich dafür aus, die nach Abzug eines Landeszuschusses noch offenen zwölf Millionen Euro aus der Kreisumlage zu finanzieren. Es müssten also alle Kommunen im Kreis Konstanz mitbezahlen, während sonst Krankenhaus-Investitionen allein bei den Standort-Gemeinden Konstanz, Radolfzell, Singen, Engen, Gailingen und Stühlingen (Kreis Waldshut) verortet sind. Radolfzells Oberbürgermeister Martin Staab, für dessen Stadt die Variante Kreisumlage deutlich teurer wäre, würde die Lösung trotzdem mittragen: "Es kommt allen Bürgern im Landkreis zugute, nicht nur denen, die an einem Klinik-Standort wohnen", sagte er. Die Stadt Stockach dagegen, deren kommunales Krankenhaus nicht dem Gesundheitsverbund angehört, müsste dagegen mitbezahlen, ohne in der eigenen Klinik eine Gegenleistung zu erhalten. Bürgermeister Rainer Stolz ließ Anfragen dazu bisher unbeantwortet.

Krankheitsgeschichte zwischen Aktendeckeln: In weiten Teilen ist die Dokumentation wichtiger Informationen auf dem technischen Stand von vor Jahrzehnten.
Krankheitsgeschichte zwischen Aktendeckeln: In weiten Teilen ist die Dokumentation wichtiger Informationen auf dem technischen Stand von vor Jahrzehnten.

Klinik-Investitionen

Die Finanzierung eines Krankenhauses ist eine ziemlich verzwickte Sache. Rainer Ott, einer der beiden Geschäftsführer des Gesundheitsverbundes Landkreis Konstanz (GLKN), erklärt es so: "Das Krankenhausfinanzierungsgesetz sieht vor, dass die Betriebskosten von den Kosten der Krankenkassen und die Investitionskosten von den Ländern finanziert werden." 

Das heißt: Die Erlöse aus der Krankenhausbehandlung über die Fallpauschalen sind bestensfalls kostendeckend enthalten keinerlei Anteile, die das Haus in Technik oder Gebäude stecken könnte. Die Folge ist laut Ott, "dass die Eigenfinanzierungskraft der Krankenhäuser, was Investitionen, betrifft minimal ist."

Am Beispiel Neubau in Konstanz lässt sich das gut zeigen. Für eine Großinvestition wie die 100 Millionen Euro für den neuen Funktionstrakt am Klinikum Konstanz reichen weder die vom Land gewährten Fördermittel (47 Millionen Euro) noch die Überschüsse des Klinikums aus. Deshalb geben Stadt und Spitalstiftung zusammen 44 Millionen Euro, der Rest kommt im Prinzip aus dem Verkauf des bisherigen Geländes des Vincentius-Krankenhauses, das im Verbund aufgeht. Obwohl Patienten aus vielen Teilen des Landkreises in den neuen Operationssälen behandelt werden, tragen deren Kommunen nicht zur Finanzierung bei.

Die Digitalisierung der Krankenakten samt elektronischem Archiv wird eines der nächsten großen Investitionsvorhaben des GLKN. Wenn die Finanzierung geklärt ist, folgen die Ausschreibungen für Geräte und Programme (Hard- und Software). 2018 könnte mit der Realisierung begonnen werden, hofft Geschäftsführer Rainer Ott. Wie lange sich die Verhandlungen im Landkreis ums Geld hinziehen, ist völlig offen.

Die schwierige Sicherung von Klinik-Investitionen

  • Die Finanzierung eines Krankenhauses ist eine ziemlich verzwickte Sache. Rainer Ott, einer der beiden Geschäftsführer des Gesundheitsverbundes Landkreis Konstanz (GLKN), erklärt es so: "Das Krankenhausfinanzierungsgesetz sieht vor, dass die Betriebskosten von den Krankenkassen und die Investitionskosten von den Ländern finanziert werden." Das heißt: Die Erlöse aus der Krankenhausbehandlung über die Fallpauschalen sind bestenfalls kostendeckend und enthalten keinerlei Anteile, die das Haus in Technik oder Gebäude stecken könnte. Die Folge ist laut Ott, "dass die Eigenfinanzierungskraft der Krankenhäuser, was Investitionen betrifft, minimal ist."
  • Am Beispiel Neubau in Konstanz lässt sich das gut zeigen. Für eine Großinvestition wie die 100 Millionen Euro für den neuen Funktionstrakt am Klinikum Konstanz reichen weder die vom Land gewährten Fördermittel (47 Millionen Euro) noch die Überschüsse des Klinikums aus. Deshalb geben Stadt und Spitalstiftung zusammen 44 Millionen Euro, der Rest kommt im Prinzip aus dem Verkauf des bisherigen Geländes des Vincentius-Krankenhauses, das im Verbund aufgeht. Obwohl Patienten aus vielen Teilen des Landkreises in den neuen Operationssälen behandelt werden, tragen deren Kommunen nicht zur Finanzierung bei.
  • Die Digitalisierung der Krankenakten samt elektronischem Archiv wird eines der nächsten großen Investitionsvorhaben des GLKN. Wenn die Finanzierung geklärt ist, folgen die Ausschreibungen für Geräte und Programme (Hard- und Software). 2018 könnte mit der Realisierung begonnen werden, hofft Geschäftsführer Rainer Ott. Wie lange sich die Verhandlungen im Landkreis Konstanz ums Geld hinziehen, ist völlig offen. (rau)