Wie ist es um die Energiewende im Landkreis Konstanz bestellt? Kommt der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen wie Biomasse, Sonne und Wind voran? Wie steht es um notwendige Einsparungen beim Energieverbrauch, zum Beispiel im Verkehr, beim Stromverbrauch der Menschen und beim Beheizen der Wohnungen? Antworten auf diese Fragen gibt jetzt eine neue Bestandsaufnahme des Kompetenzzentrums Energiewende Region Konstanz. Die Forschungsgruppe der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) hat die Lage für den Landkreis Konstanz zum zweiten Mal untersucht und in einem Energiewende-Monitor zusammengefasst. Das Fazit: Orientiert an den Zielwerten des Landes Baden-Württemberg sind am westlichen Bodensee die Ziele bei der Reduktion des Energieverbrauchs und der Erzeugung erneuerbarer Energien schwerlich zu schaffen.

Laut Vorgabe des Landes soll in einer ersten Etappe bis 2020 der Energieverbrauch gegenüber den Werten von 2010 um 16 Prozent reduziert werden. Bis 2050 soll der Verbrauch sogar halbiert werden. Die Analyse des Kompetenzzentrums Energiewende zeigt auf, dass kreisweit der Verbrauch von 2012 auf 2013 gerade mal um ein Prozent zurückgegangen ist. Auf der anderen Seite geht auch der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht so rasch vorwärts, wie die Zielvorgaben der Politik es vorsehen. So will die nun in der zweiten Legislaturperiode von den Grünen geführte baden-württembergische Landesregierung den Anteil von erneuerbaren Energien an der Gesamtproduktion von Strom und Wärme bis 2020 auf 25 Prozent steigern. 2050 sollen sogar 80 Prozent des Bedarfs aus Öko-Energie gedeckt werden. Der Energiewende-Monitor zeigt, dass 2013 der Anteil der Erneuerbaren gerade sieben Prozent betrug. 2016 könnten es vielleicht acht Prozent werden, schätzt Sven Simon. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der HTWG hat die Analyse mit erstellt.

Weder die angestrebte Verbrauchsreduktion noch der Ausbau der umweltfreundlichen Energien seien für den Landkreis Konstanz realistisch, sagt Thomas Stark. Der Professor an der Fakultät für Architektur und Gestaltung leitet zusammen mit seiner Kollegin Maike Sippel (Fakultät Bauingenierwesen) das Untersuchungsprojekt. Stark sieht die Aufgabe des Kompetenzzentrums darin, die Datenbasis zu verbreitern. Das bietet für Stark eine Grundlage für die Beantwortung der Frage: „Wie kann man die Energiewende beschleunigen.“ Als wichtige Erkenntnis hält er fest: „Wirtschaftlichkeit und Energiewende sind kein Gegensatz.“

Der Blick auf die Daten zeigt unter anderem, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien wie Wasserkraft, Biomasse und Solarstrom spätestens seit 2012 stagniert. Die Wissenschaftler sehen hier die neue Bundesgesetzgebung als Grund. Dass der Landkreis bei der Erzeugung von Öko-Energie weit unter dem Bundesdurchschnitt liegt, geht laut Sven Simon darauf zurück, dass es am westlichen Bodensee immer noch keine einzige Windkraftanlage gibt.

Für den neuen Energiewende-Monitor hat das Team viel Detailarbeit auf kommunaler Ebene geleistet. „Wir haben die Stellschrauben mehr in den Fokus genommen“ sagt Markus Szaguhn, wissenscaftlicher Mitarbeiter der Konstanzer HTWG und Co-Autor der Bestandsaufnahme.

Impulse setzen für die Wende

  • Die Ergebnisse: Die Forscher der HTWG haben ermittelt, dass der Endenergieverbrauch innerhalb eines Jahres um ein Prozent gesunken ist, obwohl etwa 3000 Neubürger in den Landkreis zugezogen sind. Eine Interpretation des Sachverhalts: In der Region mit knappem Wohnraum hat sich ein Gutteil der Zuzügler auf vorhandenen Wohnraum verteilt. Der ist damit dichter belegt, womit sich im Bereich Wohnen den Energiebedarf pro Kopf reduziert. Kreisweit hat das HTWG-Team 100 Projekte der Energiewende identifiziert. Der Selbstversorgungsanteil mit erneuerbaren Energien lag im Untersuchungszeitraum bei sieben Prozent.
  • Das Einsparpotenzial: Die ermittelten Energieeinsparungen lassen sich laut Energiewende-Monitor zu 80 Prozent auf Effizienzsteigerungen im motorisierten Straßenverkehr und beim Wärmebedarf von Gebäuden zurückführen. Allein im Wohnungsbereich reduzierte sich der Wärmebedarf pro Quadratmeter Wohnfläche um 22 Prozent. Warum aber fallen dann die Verbrauchseinsparungen insgesamt nicht größer aus? Die Forscher verweisen auf das Konsumverhalten der Menschen: Was auf der einen Seite dank technischer Fortschritte eingespart wird, wird auf der anderen Seite durch gesteigerten Konsum kompensiert.
  • Das Kompetenzzentrum Energiewende Region Konstanz ist an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung angesiedelt. Im Rahmen des Projekts unter Leitung der Professoren Maike Sippel (Bauingenieurwesen) und Thomas Stark (Architektur und Gestaltung) sollen Impulse zur Beschleunigung der Energiewende gesetzt werden. 26 Unternehmen und Organsationen sind als Partner mit dabei. Dazu zählt die Solarcomplex AG, das Bürgerunternehmen für erneuerbare Energien, ebenso wie die Konstanzer Stadtwerke. Weitere Partner sind willkommen. Das Kompetenzzentrum wird mit Mitteln des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums gefördert.
  • Der Energiewende-Monitor zur Energiewende im Landkreis Konstanz 2016 wird zum Tag der Energiewende am Freitag, 17. Juni, sowie nochmals am Aktionstag „Open Campus“ an der HTWG Konstanz (Samstag, 18. Juni) an der Hochschule der Öffentlichkeit vorgestellt. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter Sven Simon und Markus Szaguhn halten am 17. Juni (Gebäude F, Hörsaal 022, 14.20 Uhr) und am 18. Juni (Treffpunkt Infostand vor dem Gebäude O, 12.45 Uhr und 14.30 Uhr) Kurzvorträge zum dem Thema.
Weiter Informationen im Internet: www.energiewende-konstanz.de