Maria sitzt im Bus. Die Schülerin liest eine Pferdezeitschrift. Plötzlich setzt sich ein fremder Jugendlicher neben das Mädchen und legt den Arm um sie. Maria blickt ihn schockiert an, lehnt sich weg. Das Verhalten des Fremden ist ihr sichtlich unangenehm. Aber zum Glück sitzt Maria nicht im Bus, sondern im Theaterraum der Grundschule Sonnenhalde in Konstanz. Maria ist auch keine Schülerin, sondern Schauspielerin und heißt Maria Vrijdaghs. 

Sie und ihr Kollege Jan Opderbeck führen vor den vierten Klassen der Grundschule das Theaterstück „Mein Körper gehört mir“ auf. Das Stück der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück soll Grundschulkindern erklären, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen. Dass es in Ordnung sei, „Nein“ zu sagen.

In jeder Schulklasse ist ein Kind von sexuellen Missbrauch betroffen

Ist es nicht zu früh, mit Neun- oder Zehnjährigen über sexuellen Missbrauch zu sprechen? „Nein“, sagt Mona Schilkowski, Leiterin der Grundschule Sonnenhalde. Ihre Kollegin Tina Reinheimer, Sozialarbeiterin an der Grundschule, wisse, dass Kinder und Eltern froh sind, wenn über das Thema in der Schule gesprochen werde. Regelmäßig würden Kinder, Eltern und Freunde die Hilfe der Sozialarbeiterin suchen: „In den 18 Jahren, in denen ich im Landkreis an allen Schularten als Schulsozialarbeiterin arbeite, ist das leider häufiger der Fall gewesen“, sagt sie.

Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigt das. Die WHO geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Statistisch gesehen sitzen damit in jeder Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder.

 

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Förderverein unterstützt Projekte finanziell

Diese Statistik kennt auch Ulrich Schwarz. Er war bis 2014 Leiter der Polizeidirektion Konstanz und bis 2016 Chef des Polizeipräsidiums Tuttlingen. Bereits 2007 gründet er, zusammen mit dem damaligen Konstanzer Landrat Frank Hämmerle, den Förderverein Sicherer Landkreis Konstanz. Ziel des Vereins: „Wir wollen verhindern, dass überhaupt etwas passiert. Wir wollen vorbeugen“, erklärt Schwarz.

Deshalb unterstützt der Förderverein Schulen, Vereine und andere Einrichtungen finanziell bei Aktionen, Programmen und Initiativen zur Prävention von Kriminalität und Verkehrsunfällen. „Wir wünschen uns, dass möglichst viele unsere finanzielle Unterstützung annehmen“, sagt Schwarz.

Die Grundschule Sonnenhalde hat die Finanzspritze gerne angenommen. „Der Förderverein hat die kompletten Kosten übernommen. Das sind immerhin fast 2000 Euro“, sagt Schulleiterin Schilkowski. Die Beantragung des Fördergeldes sei sehr unkompliziert und schnell gewesen.

Förderverein Sicherer Landkreis Konstanz

Gibt es messbare Erfolge, dass Programme wie das Theaterstück über sexuellen Missbrauch zu weniger Vorfällen führen? „Was nicht passiert, kann man nicht messen“, sagt Ulrich Schwarz. Aber es helfe auf jeden Fall. Auch die Schauspieler Jan Opderbeck und Maria Vrijdaghs sind überzeugt von ihrer Arbeit. „Die Kinder nehmen unsere Arbeit gut an und machen mit. Vor allem lernen die Kinder, dass sie keine Schuld haben, wenn Erwachsene böse Dinge mit ihnen machen“, sagt Schauspielerin Maria Vrijdaghs.

Kinder sollen lernen, sich zu wehren

Damit es gar nicht erst soweit kommt, setzten sich die Schauspieler Jan Opderbeck und Maria Vrijdaghs spielerisch mit den Kindern und dem schwierigen Thema auseinander. „Es gibt Ja-Gefühle, dabei fühlen wir uns gut“, sagt Vrijdaghs in einem kindlich-fröhlichen Ton. „Und es gibt Nein-Gefühle, die uns nicht gefallen“, sagt Opderbeck und verzieht das Gesicht. Die Kinder nicken. Sie wissen, was die Erwachsen dort auf der Bühne meinen.

Stück für Stück werden die Kinder spielerisch durch das Theaterstück über sexuellen Missbrauch aufgeklärt und wie sie sich dagegen wehren können. „Im ersten Stück geht es um eine Umarmung eines Fremden im Bus. Im zweiten Stück wird es schon deutlicher“, erklärt Maria Vrijdaghs. Es gehe um Exhibitionismus und Chats mit einem vermeintlich anderen Kind, welches sich aber als Erwachsener herausstellt.

Präventionsarbeit macht Kinder stärker

Die Schüler sollen sich in den gespielten Situationen wiedererkennen, sagt Maria Vrijdaghs. Das Ziel dieser Präventionsarbeit sei es, Kinder und Jugendliche stark werden zu lassen, bevor andere ihre Schwächen ausnutzen können. Das ist auch die Absicht des Fördervereins Sicherer Landkreis Konstanz. „Jedes Kind, dass wir stärker machen, ist ein Gewinn“, sagt Ulrich Schwarz.