Der Schritt aus der angelernten Mitarbeit in die Facharbeit war bisher sehr schwierig. Oft haben betroffene Mitarbeiter keine Möglichkeit, eine mehrjährige Ausbildung nachzuholen. Durch das seit diesem Jahr bestehende Qualifizierungschancengesetz wird erstmals die Weiterbildung Beschäftigter unabhängig von Lebensalter, Ausbildung und Betriebsgröße gefördert. Ein Unternehmen, bei dem mehrere Mitarbeiter diese Chance genutzt haben, ist das Singener Pharmaunternehmen Bipso.

Die Produktionsstätten des Singener Pharmaunternehmens Bipso ähneln einem Hochsicherheitstrakt. So müssen die Mitarbeiter Schutzkleidung tragen, wie an diesem Kessel. In dem Singener Werk der international tätigen Bracco-Gruppe werden sterile Kontrastmittel hergestellt, wie sie beispielsweise bei Untersuchungen in Computertomographen verwendet werden. Um ausreichend Fachkräfte für die Produktion zu haben, nutzt die Firma die Möglichkeiten des neuen Qualifizierungschancengesetzes.
Die Produktionsstätten des Singener Pharmaunternehmens Bipso ähneln einem Hochsicherheitstrakt. So müssen die Mitarbeiter Schutzkleidung tragen, wie an diesem Kessel. In dem Singener Werk der international tätigen Bracco-Gruppe werden sterile Kontrastmittel hergestellt, wie sie beispielsweise bei Untersuchungen in Computertomographen verwendet werden. Um ausreichend Fachkräfte für die Produktion zu haben, nutzt die Firma die Möglichkeiten des neuen Qualifizierungschancengesetzes. | Bild: Bipso GmbH

An der Eingangspforte der Firma herrscht ein hoher Sicherheitsstandard. Fotos sind tabu. Nur mit Besucherausweis, Laufzettel und nach Einweisung in die Vorschriften darf man das Gelände betreten. Dort warten bereits die 23-jährige Natascha Münzer (gelernte Friseurin), ihre 32-jährige Kollegin Bianca Lüttke (gelernte medizinische Fachangestellte) sowie der 32-jährige Falko Schulz (gelernter Brauer und Mälzer). Alle haben eines gemeinsam: Sie wollten sich beruflich verändern, sind über eine Leiharbeiterfirma zum Singener Pharmaunternehmen gekommen und dort als Produktionsmitarbeiter tätig.

„Das Lernen macht Spaß und über den Tellerrand der eigenen Abteilung zu schauen, ist interessant und öffnet auch neue Perspektiven.“Bianca Lüttke, Teilnehmerin bei der betriebsinternen Qualifizierung
„Das Lernen macht Spaß und über den Tellerrand der eigenen Abteilung zu schauen, ist interessant und öffnet auch neue Perspektiven.“Bianca Lüttke, Teilnehmerin bei der betriebsinternen Qualifizierung | Bild: Nicola M. Westphal

Offensichtlich üben sie ihre Tätigkeit äußerst gewissenhaft und engagiert aus, denn sie sind drei von 15 Personen, die von ihren Vorgesetzten für eine Qualifizierung vorgeschlagen wurden. Das Angebot der Bipso GmbH, gemeinsam mit der Agentur für Arbeit, für die berufsbegleitende Fortbildung zur „Fachkraft Pharmaproduktion“ füllt, nach Einschätzung der Beteiligten, auf dem Arbeitsmarkt eine entscheidende Lücke. Damit sei ein erster Schritt in Richtung qualifizierte Facharbeit möglich, denn durch das Qualifizierungschancengesetz wird die Weiterbildung Beschäftigter auf eine breitere Basis gestellt.

Schulung durch interne und externe Dozenten

Vier Wochen lang werden die Teilnehmer von ihrer Arbeit freigestellt, lernen fünf Tage pro Woche und acht Schulstunden täglich alles über Arzneimittel, ihre Herstellung, Abfüllung, Verpackung, über Sterilität und Qualitätsmanagement. Die Schulungen werden durch interne und externe Dozenten durchgeführt. Das Ziel ist es, gute Mitarbeiter weiterzubilden, sodass sie den Abschluss zur Fachkraft Pharmaproduktion und weiterführend zum Pharmawerker machen können.

Chance auf beruflichen Aufstieg

Den Pharmakanten kann diese Ausbildung jedoch nicht ersetzen, hier ist nach wie vor eine Lehre von 3,5 Jahren notwendig. Aber es wird von den Initiatoren als ein erster und wichtiger Baustein zur fachlichen Weiterbildung betrachtet. Auf diese Weise ist es engagierten Mitarbeitern möglich Positionen zu erlangen, die hochwertiger sind und besser bezahlt werden.

„Dass man mich für die Weiterbildung ausgewählt hat, freut mich und ich sehe das als Wertschätzung“, sagt Natascha Münzer, die jüngste der Lerngruppe. So sieht das auch Bianca Lüttke, die mittlerweile einen unbefristeten Vertrag bei Bipso bekommen hat: „Das Lernen macht Spaß und über den Tellerrand der eigenen Abteilung zu schauen, ist interessant und öffnet auch neue Perspektiven. Jeder interessierte Mitarbeiter hat die Chance, sich weiterzuentwickeln, auf Wunsch auch in anderen Abteilungen.“

Kollegen halten Schulungsteilnehmern den Rücken frei

Auch Falko Schulz bereut es nicht, seinen alten Job aufgegeben zu haben. Er sagt: „Über die Leiharbeitsfirma habe ich einen Fuß in dieses Unternehmen setzen können und mich von Anfang an als Teil des Teams gefühlt. Und die Tatsache, dass unsere Kollegen uns für die vierwöchige Qualifizierungsmaßnahme den Rücken freihalten, sehe ich nicht als selbstverständlich an.“

„Unser Bildungssystem kann uns einfach keine fertigen Fachkräfte liefern, dazu ist das notwendige Wissen in den einzelnen Sparten viel zu komplex.“Stefan Kaupp, Schulungskoordinater bei Bipso
„Unser Bildungssystem kann uns einfach keine fertigen Fachkräfte liefern, dazu ist das notwendige Wissen in den einzelnen Sparten viel zu komplex.“Stefan Kaupp, Schulungskoordinater bei Bipso | Bild: Nicola M. Westphal

Personalleiter Bernhard Retter und sein Kollege Stefan Kaupp, der die Inhalte der Schulungen koordiniert hat, freuen sich, dass das Pilotprojekt so gut gestartet ist. Stefan Kaupp erklärt: „Unser Bildungssystem kann uns einfach keine fertigen Fachkräfte liefern, dazu ist das notwendige Wissen in den einzelnen Sparten viel zu komplex. Daher wollen wir in unserem Unternehmen eine Infrastruktur für das Lernen schaffen und intern schulen.“

„Ein Fachkräftemangel lässt sich nicht wegdiskutieren, daher haben wir uns zum Anfang des Jahres vorgenommen, ein Gesamtpaket für eine Qualifizierungsoffensive zu schnüren.“Bernhard Retter, Personalleiter bei Bipso
„Ein Fachkräftemangel lässt sich nicht wegdiskutieren, daher haben wir uns zum Anfang des Jahres vorgenommen, ein Gesamtpaket für eine Qualifizierungsoffensive zu schnüren.“Bernhard Retter, Personalleiter bei Bipso | Bild: privat

Bernhard Retter bemerkt: „Ein Fachkräftemangel lässt sich nicht wegdiskutieren, daher haben wir uns zum Anfang des Jahres vorgenommen, ein Gesamtpaket für eine Qualifizierungsoffensive zu schnüren. Die Bezuschussung über die Agentur für Arbeit unterstützt uns dabei, Leute aus den eigenen Reihen zu fördern, sodass wir qualifizierte Fachkräfte für unser Unternehmen ausbilden können.“

„Die Zuschüsse für die Weiterbildungskosten und das Arbeitsentgelt können bis zu 100 Prozent betragen. Kleinere Betriebe erhalten mehr Förderung, größere weniger.“Walter Nägele, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg
„Die Zuschüsse für die Weiterbildungskosten und das Arbeitsentgelt können bis zu 100 Prozent betragen. Kleinere Betriebe erhalten mehr Förderung, größere weniger.“Walter Nägele, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg | Bild: Agentur Für Arbeit

Bei der Firma Bipso ist man sich einig, dass – neben vielen weiteren Maßnahmen – das Pilotprojekt in Kooperation mit der Agentur für Arbeit weitergeführt werden wird.

Walter Nägele im Interview: „Qualifizierte Mitarbeiter bringen Unternehmen voran“

Walter Nägele ist Pressesprecher der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg. Er beantwortet Fragen zum neuen Qualifizierungschancengesetz.

Herr Nägele, was genau besagt das Qualifizierungschancengesetz?

Es ermöglicht die Weiterbildung von Beschäftigten, unabhängig von Alter, Qualifikation und Betriebsgröße. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf Tätigkeiten gelegt, die durch Digitalisierung und neue Technologien wegfallen oder einem starken Wandel unterliegen. Das Gesetz will die Lücke zur modernen Arbeitswelt 4.0 schließen. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt werden zunehmend sichtbar. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) geht davon aus, dass in Zukunft rund 1,5 Millionen Jobs durch Digitalisierung wegfallen werden. Gleichzeitig wird allerdings auch die gleiche Menge an Arbeitsstellen neu geschaffen – ebenfalls durch die Digitalisierung. Dass im Zuge der technologischen Entwicklung Arbeitsplätze verschwinden, ist kein neues Phänomen. Entscheidend ist, dass gleichzeitig auch neue Arbeitsplätze entstehen.

Welche Firmen können davon profitieren, welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen?

Die Förderung können Firmen aller Branchen beantragen. Die jeweilige Höhe der Förderung hängt von der Betriebsgröße ab. Es werden nicht nur die Weiterbildungskosten übernommen, sondern auch Lohn und Gehalt, während der Mitarbeiter die Qualifizierung durchläuft.

Welche Rückmeldung haben Sie bisher von Unternehmen und Teilnehmern?

Das Interesse der Betriebe ist groß, wir erhalten viele Anfragen. Allerdings stehen gerade kleinere Unternehmen vor einer Herausforderung: Die Auftragsbücher sind voll und jeder Mitarbeiter wird gebraucht. Gleichzeitig wissen sie, dass sie sich für die Arbeitswelt der Zukunft rüsten müssen. In größeren Firmen lässt sich dieser Spagat sicher leichter bewältigen.

Wie groß ist der bisherige Effekt auf den Fachkräftemangel in der Region?

Derzeit sind bei uns 7000 offene Stellen gemeldet, gut 5500 für Fachkräfte und Spezialisten. Dies zeigt, wie gefragt gut ausgebildete Mitarbeiter sind. Qualifizierte Mitarbeiter bringen Unternehmen voran. Die richtigen Mitarbeiter, mit zeitgemäßen Kenntnissen und Fähigkeiten, sichern die Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft.

Wie hoch sind die Zuschüsse für interessierte Unternehmen und wo kann man diese beantragen?

Die Zuschüsse für die Weiterbildungskosten und das Arbeitsentgelt können bis zu 100 Prozent betragen. Kleinere Betriebe erhalten mehr Förderung, größere weniger. Es lohnt sich für alle Unternehmen, sich hierüber beraten zu lassen. Neben den Zuschüssen erhält man vor allem eines: qualifizierte Mitarbeiter, die für den Arbeitsmarkt der Zukunft fit sind und somit auch über mehr Wissen und Fertigkeiten verfügen. Das ist auf lange Sicht unbezahlbar. Interessierte Arbeitgeber können unter der kostenlosen Rufnummer (0800) 455 55 20 einen Beratungstermin vereinbaren. Beschäftigte, die sich über ihre Weiterbildungsmöglichkeiten informieren möchten, können in jeder Geschäftsstelle der Agentur für Arbeit einen Beratungstermin erhalten.