Kreis Konstanz Im Landkreis Konstanz soll die Kfz-Zulassung per Smartphone Wirklichkeit werden

Zeitraubende Behördengänge ade: Im Kreis Konstanz sollen Bürger Autos und Boote künftig rein digital zulassen und abmelden können. Das Ziel: Auto zulassen soll sich anfühlen wie im Online-Versandhandel.

Bisher läuft es so: Wer sein neues Auto zulassen will, muss es irgendwie so organisieren, dass er sich während der Arbeitszeit eben mal kurz eine Pause nimmt, um zur Zulassungsstelle zu fahren. Wenn er Pech hat, steckt er dabei im Berufsverkehr fest. Und wenn er noch mehr Pech hat, muss er sich bei der Zulassungsstelle in eine Warteschlange einreihen. Nicht schön. Nicht für die Bürger und auch nicht für die Landkreis-Mitarbeiter, denn in Warteschlangen verwandeln sich Bürger oft auch mal in gestresste Bürger. Und junge Leute fragen sich: Warum kann man ein Auto eigentlich nicht von überall und zu jeder Zeit via Smartphone zulassen?

In Zukunft soll es so laufen: Wer sein neues Auto zulassen will, klappt irgendwann nach Feierabend auf dem Sofa seinen Laptop auf oder zückt sein Smartphone, gibt Fahrgestellnummer und weitere Daten des Wagens ein, zahlt die Gebühren online, bekommt dann Nummernschilder und Fahrzeugschein per Post nach Hause und nimmt entspannt noch einen Schluck Bier. Und junge Leute freuen sich, dass die Verwaltungsbehörden jetzt auch so digitalaffin sind wie sie.

"Auto zulassen ist wie Einkaufen bei Amazon" – mit diesem Motto umschreiben die Initiatoren der Verwaltungshochschule in Kehl und vom Landratsamt Konstanz ihre Pläne für ein rein digitales Zulassungsverfahren. Der Kreis Konstanz will es jetzt als erste Kommune ausprobieren. Es soll für Autos und Boote möglich sein, für die Zulassung genauso wie für die Abmeldung. Wann genau das System in Betrieb gehen soll, ist noch nicht klar. Bis mindestens Sommer 2018 jedenfalls müssen die Bürger noch warten: Die federführende Verwaltungshochschule Kehl hat für Juli 2018 das fertige Konzept für die Umsetzung angekündigt.

Der Landkreis Konstanz ist dabei eine von fünf Kommunen, die gemeinsam zu Vorreitern für digitale Verwaltung werden wollen. Bis zum Jahr 2023 wollen sie in einer sogenannten Digitalisierungsoffensive ausprobieren, was geht: Karlsruhe engagiert sich in einem Programm namens "Digitale Schule", Tuttlingen bringt Digitalisierung in die Gesundheitsverwaltung ("E-Health"), Böblingen feilt an einem Mobilitätskonzept und Biberach will mit der elektronischen Akte ("eAkte") mit deutlich weniger Papier auskommen.

Der Verwaltungs- und Finanzausschuss des Kreistags hat sich nun dafür ausgesprochen, im Landratsamt zwei neue Stellen für Fachleute zu schaffen, die die Pläne mit umsetzen sollen. Pro Jahr würde das Personalkosten von rund 110 000 Euro bedeuten. Die Beiden sollen unbefristet angestellt werden, denn auch nach dem Anschieben des Projekts würden sie für andere Arbeiten gebraucht, wie es vom Landratsamt heißt. Ungewöhnlich in Zeiten des Fachkräftemangels in Rathäusern: Der Landkreis hat schon zwei Interessenten an der Hand, die er für besonders geeignet hält. Beide sind Absolventen der Verwaltungshochschule in Kehl. Zwar monierte die CDU-Fraktion, dass sie es gern sähe, wenn unter dem Strich letztlich keine zusätzlichen Stellen entstünden, zum Ausgleich also andernorts eingespart werden solle. Aber auch sie trägt die beiden Stellen mit. Man werde sich bei den Haushaltsberatungen in puncto Stellen sicherlich einigen können, meinte Landrat Frank Hämmerle. "Wir müssen den Beiden, wenn sie so gut sind, das Okay geben, sonst sind die weg.

" Auch Günter Beyer-Köhler (Grüne) riet, die Chance auf rare Fachkräfte zu nutzen: "Wir sehen in unseren Stellenausschreibungen, dass wir höchste Probleme haben, Leute zu bekommen." Natürlich wäre es gut, im Stellenplan am Ende keine Mehrkosten zu haben, aber sichere man sich die Beiden Fachleute jetzt nicht, "dann haben wir uns in den Arsch gebissen, die Leute gibt's nicht auf dem Markt".

Zum sogenannten Projektteam im Landratsamt gehören neben den beiden neuen Vollzeitkräften dann noch fünf weitere altgediente Mitarbeiter, die jeweils einen Teil ihrer Arbeitszeit für das Projekt aufwenden sollen. Zudem sollen hier und da weitere Mitarbeiter eingebunden sein. In den Jahren der Entwicklung bis 2023 verursacht das Vorhaben laut Hochschulprofessor Kientz circa 500 000 Euro an Personal- und Sachkosten, letztere für Dinge wie Computerprogramme, Softwareupdates und Dienstleistungen einer Fremdfirma für elektronisches Rechnungswesen. Dafür aber werde in der Zulassungsstelle auf Sicht Personal eingespart, da die Mitarbeiter viele Routine- und Fleißaufgaben vom Computersystem erledigen lassen könnten. Nach Projektende könnten beim Personal in der Zulassungsstelle – dort sind derzeit 28 Mitarbeiter beschäftigt – mindestens 400 000 Euro pro Jahr eingespart werden, sagt Kienzle. Hinzu kämen größere Einnahmen: Den Schilderverkauf könne das Landratsamt selbst machen, und das digitale Bezahlen werde den Effekt haben, dass es weniger Zahlungsausfälle gebe. Auch hoffe man, dass das Land das Projekt mit insgesamt 220 000 Euro fördere.

Kientz sieht weitere Vorteile: Autohäuser können für ihre Kunden die Zulassung gleich digital und in wirtschaftlicher Weise übernehmen. Das steigere die Zufriedenheit ihrer Kunden und sei ein Standortvorteil. Und für Kunden der Verwaltung sei das digitale Verfahren deutlich komfortabler.

Der Kreistag hatte sich unlängst bereits für die Teilnahme an der Digitalisierungsoffensive mit den fünf anderen Kommunen ausgesprochen. Der Finanzausschuss trug nun die Schaffung der beiden neuen Personalstellen einmütig mit. Kientz betonte, angesichts des zu erwartenden Stellenabbaus in der Zulassungsstelle "braucht von den Beschäftigten niemand Angst haben"; denn in Zeiten des Fachkräftemangels in den Verwaltungen werde sich die Möglichkeit ergeben, an anderer Stelle eingesetzt zu werden.

Komfort via Internet

  • Die Zulassungsstelle: 67 000 Zulassungsvorgänge bei Autos und Booten liegen beim Landratsamt Konstanz pro Jahr an. Ein Politikum war jüngst, dass die Zulassungsstelle am Brückentag vor Reformationstag und Allerheiligen geschlossen war. Brückentage nutzen Bürger gern für derartige Behördengänge. Laut Kreishandwerksmeister Hansjörg Blender hätten auch Autohäuser an jenem Montag viele Zulassungen zu bearbeiten gehabt.
  • Das Projekt: Die Europäische Union will die kommunalen Verwaltungen digitaler machen. Deutschland habe da Nachholbedarf, erklärt Jürgen Kientz, Professor an der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl. Das Ziel von Hochschule und Landratsamt: Im Kreis Konstanz soll bei der Digitalisierungsoffensive der Nachweis erbracht werden, "dass öffentliche Servicedienstleistungen auf einem Dienstleistungslevel wie ihn beispielhaft Amazon und viele andere Online-Warenhäuser anbieten, rechtssicher und kundennah erbracht werden kann". (ebr)

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