Sie heißen Shakeela, Kinan oder Nassan. Sie sind 22, 28 oder 39 Jahre alt. Sie kommen aus Afghanistan, Eritrea oder Gambia. Sie sind ledig oder verheiratet und haben Kinder. In ihrer Heimat haben sie in der Landwirtschaft oder in einer Tischlerei gearbeitet. Sie alle sind in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, um hier ein neues, sicheres Leben zu beginnen. Und nun sitzen 25 Migranten im Alter zwischen 21 und 40 Jahren in einem Raum des Berufsschulzentrums Radolfzell. Sie wollen sich fit machen für einen Hauptschulabschluss und eine Ausbildung und akzeptieren dafür ein Unterrichtsprogramm, das zeitlich einem Arbeitstag entspricht. 38 Wochenstunden hat der pädagogische Leiter Manfred Hensler eingeplant. Weil für die 22 Männer und drei Frauen nicht mehr die Berufsschulpflicht gilt, ist die Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises Konstanz Träger des Projekts und der Kreis finanziert es.

Erst einmal zuhören

An diesem Morgen erwarten die Flüchtlinge einen Besucher. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Jung, der in Berlin die baden-württembergischen CDU-Abgeordneten anführt, will mit den Flüchtlingen diskutieren. "Ich bin interessiert, wie Sie die Schule wahrnehmen. Ich habe Respekt vor dem Stundenplan", sagt Jung. Doch dann hört er erst einmal zu. Die Schüler sind gut vorbereitet. Einer nach dem anderen steht auf und stellt sich in deutscher Sprache vor, berichtet kurz von seiner Lebenssituation und seinen Zielen. Alle, die sich zu Wort melden, wollen später einmal in Deutschland beruflich Fuß fassen – als Koch oder Erzieher zum Beispiel. Und sie haben Fragen an den Politiker. Dabei geht es zunächst um den Gast selbst. "Ist Abgeordneter ein schöner Beruf?", fragt die junge Frau, die Hebamme werden möchte. "Man kommt mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammen", antwortet der Gast. An diesem Morgen sind dies die Schüler in der Flüchtlingsklasse.

Ein Land, das nicht sicher ist

Weitere Fragen heben die Gesprächsrunde mitten in die aktuelle politische Diskussion. Warum werden die Eltern einer Flüchtlingsfamilie in ihr Heimatland Afghanistan zurückgeschickt und warum dürfen die Kinder bleiben? Warum werden Asylanträge unterschiedlich entschieden? Jung verspricht, den Fall prüfen zu lassen. Und überhaupt, warum würden so viele Afghanen ausgewiesen, obwohl die Lage dort in vielen Landesteilen nicht sicher sei? Der Politiker erläutert Details zum Asylrecht, das für politisch verfolgte Menschen gemacht sei. "Wenn jemand verfolgt wird, muss er aufgenommen werden", so Jung. Er fügt an: "Wer hier Straftaten begeht, soll zurückgeschickt werden." Der CDU-Wahlkreisabgeordnete erläutert auch die Pläne für ein Einwanderungsgesetz. Das solle auch Menschen ermöglichen ins Land zu kommen, die in ihrer Heimat wegen Hunger und Armut keine Perspektive sehen.

Den Menschen eine Chance geben

Kinan, Mahdhi und den anderen Schülern macht der Bundespolitiker Mut. "Es ist gut, dass Sie sich anstrengen", sagt er. Und er verweist auf die Regelung, wonach Flüchtlinge, die eine Ausbildung beginnen, für mindestens fünf Jahre sicher sind und nicht ausgewiesen werden. Das Zertifikat über den Schulbesuch werde den Schülern nützlich sein. Denn für Firmen sei die Verlässlichkeit wichtig. Der pädagogische Leiter Manfred Hensler hatte schon vorab eine besondere Dimension des Unterrichtsprojekts deutlich gemacht: Hier hätten sich Freundschaften gebildet über religiöse Grenzen und Landesgrenzen hinweg. Werner Leber, der einmal Schulleiter in Eigeltingen war und sich heute als Lehrer in der Flüchtlingsklasse engagiert, sagt nach dem Politikerbesuch: "Wir müssen den Menschen eine Chance geben." Er setzt sich dafür ein, dass nicht nur Auszubildende von der fünfjährigen Bleiberegelung profitieren, sondern auch die, welche aus den Vorbereitungsklassen direkt in einen Job wechseln.