Konstanz Hüter der Regionalgeschichte: Kreisarchivar Wolfgang Kramer geht in den Ruhestand

Wolfgang Kramer (65) ist der dienstälteste Kreisarchivar in Baden-Württemberg. Zum Jahresende gibt er die Aufgabe ab und tritt in den Ruhestand.

Wenn in der Hauptregistratur der Kreisverwaltung im Keller des Landratsamts der Platz knapp wird, denn entscheidet Wolfgang Kramer, welche Akten es wert sind, archiviert zu werden. Für gewisse staatliche Schriftstücke gilt eine Aufbewahrungspflicht, bei anderen Materialien ist es eine Frage fachlicher Einschätzung und Bewertung. Wolfgang Kramer nennt diese Abwägung "das Königsrecht des Archivars". Das Königsrecht folgt dabei gewissen Vorgaben. Bewahrt werden Dinge, die die Zeitgeschichte dokumentieren. Dabei soll das Spezifische einer Region dargestellt werden. Im Landkreis Konstanz zählen dazu beispielsweise das Verhältnis zur Schweiz, die Umweltbedingungen am Bodensee und auch der Tourismus.

Kramer ist der dienstälteste Kreisarchivar in Baden-Württemberg

40 Jahre hat Wolfgang Kramer als Kreisarchivar dem historischen Gedächtnis Struktur gegeben, die ersten 15 im Landkreis Tuttlingen, die folgenden 25 im Landkreis Konstanz. Damit ist er der dienstälteste Kreisarchivar in Baden-Württemberg und zugleich der einzige, der in dieser Funktion von einem in einen anderen Landkreis gewechselt hat. Bei diesen Marken wird es bleiben. Denn Wolfgang Kramer, der sein 65. Lebensjahr bereits im Frühjahr vollendet hat, macht Schluss. Er geht zum Jahresende in Ruhestand.

Klischeehaft mag dem Beruf des Archivars die Vorstellung einer von Menschen abgewandten Tätigkeit und von Aktenstaub anhängen. Wer mit dem scheidenden Kreisarchivar spricht, merkt rasch, dass die Dinge anders liegen. Kramer definiert seinen Auftrag als "historische Bildungsarbeit". "Was nützt das Material, wenn es nicht genutzt wird?", fragt er. Ihm ist es wichtig, mit Publikationen, Vorträgen und Ausstellungen den Nutzen eines breiten Publikums zu mehren: "Wir müssen die Dinge in der Sprache von heute darlegen und Beziehungen zur heutigen Zeit herstellen." Dabei sind für den Archivar die Bürger die Zielgruppe und nicht das Uni-Seminar. Apropos Uni – da übt Kramer Kritik: "Ich bedaure, dass sich die Universität stark aus der Regionalgeschichte zurückgezogen hat."

Kramer, der neben dem Kreisarchiv auch Gemeindearchive und Adelsarchive betreut, hat seine Rolle als Vermittler regionalgeschichtlichen Wissens stets offensiv interpretiert. Er ist Festredner, wenn am 18. November des 50. Jahrestags der Ratifizierung des Büsinger Staatsvertrags zwischen der Schweiz und Deutschland gedacht wird. In seiner Zeit als Konstanzer Kreisarchivar hat er viele regionalgeschichtliche Ausstellungen organisiert. Und er hat Pfade zur Kunst beschritten: So arbeitet er als Geschäftsführer der Kunststiftung des Landkreises Konstanz, die 2003 gegründet wurde und deren Zweck die Förderung zeitgenössischer Kunst ist.

Wichtig ist dem gebürtigen Donaueschinger der Hinweis, dass beide Konstanzer Landräte, zunächst Robert Maus, dann Franz Hämmerle, der Arbeit des Kreisarchivars stets Wertschätzung entgegengebracht hätten. Maus habe zudem damals den Zündfunken für Kramers Berufswahl gelegt. Der Altlandrat war Bürgermeister in Gottmadingen, dem Heimatort Kramers. Nach einem sozialwissenschaftlichen Grundstudium an der Universität Konstanz schwenkte Wolfgang Kramer dann in die Ausbildung zum Diplom-Archivar in Stuttgart und an der Archivschule in Marburg/Lahn ein. Was nun folgt? Kramer geht noch nicht so ganz. Er bleibt in der Kunststiftung des Landkreises aktiv, ebenso als Vorstand des Hegau-Geschichtsvereins. Und die historische Landschaft reizt ihn weiterhin. Deshalb hat er auch einen Auftrag der Stiftung Schloss Langenstein angenommen. Der 65-Jährige soll den Fundus von 2000 Urkunden und vielen Meter Akten für die Öffentlichkeit besser zugänglich machen. "Ein großes Archiv für den Hegau", sagt Kramer.

Ein Nachfolger für den scheiden Kreisarchivar ist übrigens noch nicht gefunden. Wo ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegen wird, ist aber schon klar. Der Neue muss die Digitalisierung des Kreisarchivs voranbringen. Der Landkreis will sich im nächsten Jahr einem digitalen Magazin-Projekt anschließen, das vom Regierungspräsidium Freiburg betrieben wird. Das Zeitalter der Papierakten geht dem Ende entgegen.

Aktionsfeld Kunst: In der Kunststiftung des Landkreises wird Wolfgang Kramer (r.), hier mit dem Kuratoriumsvorsitzenden Manfred Sailer und dem Engener Museumschef Velten Wagner (l.), weiter mitarbeiten. Die Aufnahme entstand 2015 anlässlich einer Ausstellung in Engen, wo die Kunststiftung Werke aus ihrem Bestand zeigte.
Aktionsfeld Kunst: In der Kunststiftung des Landkreises wird Wolfgang Kramer (r.), hier mit dem Kuratoriumsvorsitzenden Manfred Sailer und dem Engener Museumschef Velten Wagner (l.), weiter mitarbeiten. Die Aufnahme entstand 2015 anlässlich einer Ausstellung in Engen, wo die Kunststiftung Werke aus ihrem Bestand zeigte. Archivbild: Christel Rossner | Bild: Archivbild: Christel Rossner

Auch für Gemeinden im Einsatz

  • Der Kreisarchivar: Wolfgang Kramer (65) ist in Gottmadingen aufgewachsen. Nach dem Abitur am Singener Hegau-Gymnasium absolvierte er ein sozialwissenschaftliches Grundstudium an der Uni Konstanz. Daran schloss er eine Ausbildung zum Diplom-Archivar an. Von 1977 bis 1992 führte Kramer Kreisarchiv und Stadtarchiv in Tuttlingen. 1986 avancierte der Gottmadinger zusätzlich zum ersten Leiter des neu gegründeten Freilichtmuseums Neuhausen ob Eck. Seit 1993 ist Kramer Chef das Kreisarchivs Konstanz. Zum Jahresende beendet Wolfgang Kramer seine berufliche Laufbahn.
  • Das Kreisarchiv: Die Magazine des Kreisarchivs sind in der Konstanzer Wessenbergschule untergebracht. Sie umfassen rund 1700 Regalmeter. Die ältesten Unterlagen stammen aus dem 19. Jahrhundert. Es gibt aber auch ein Adelsarchiv, dessen Zeitzeugnisse bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Das Kreisarchiv betreut auch die Archive von 20 Kreisgemeinden, die über kein eigenes Archivpersonal verfügen. Hinzu kommen ein halbes Dutzend Adelsarchive auf den Schlössern des Hegaus. Das Kreisarchiv Konstanz ist das älteste im badischen Landesteil. Es wurde 1959 eingerichtet. Erster Kreisarchivar war Franz Götz (1959 bis 1992). (fdo)

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