Arbeitnehmer, die neben dem Job ein Studium beginnen, haben eigentlich alle ein Ziel: Aufstiegschancen – so auch beim Studienstart der Steinbeis Business Academy (SBA) im April in Stockach. Die Ausbildungs- und Erwerbsbiografien, die die Studienanfänger dort mitbringen, verlaufen beispielsweise so: Mittlere Reife, Gesellen- und Industriemeister-Prüfung. Oder: Mittlere Reife, Fachhochschulreife über das Berufskolleg, Ausbildung. Das eröffnet zwar den Weg in die Berufstätigkeit. Doch mehr Möglichkeiten sind in vielen Fällen ohne Hochschulabschluss nicht zu bekommen: "Wenn im Unternehmen Stellen ausgeschrieben sind, stehen auch die Voraussetzungen dabei", sagt etwa die 23-jährige Sabrina Glocker aus Radolfzell – weswegen auch sie ihren ersten Hochschulabschluss anstrebt.

Die Bewährung im Job genügt für einen Aufstieg also nicht unbedingt. Das hat nicht nur etwas mit einem gesellschaftlichen Hang zu Beglaubigungen zu tun, sagt Roland Luxemburger, der seit 1991 den Bereich Weiterbildung bei der Hochschule Technik, Wirtschaft, Gestaltung (HTWG) in Konstanz verantwortet. Es gehe auch um Kompetenzen in einer sich rasch wandelnden Arbeitswelt. Für Arbeitnehmer kann der Karriereweg durch eine Hochschule führen. Dafür investieren sie nennenswerte Beträge. In der Region reicht das von etwa 10 000 Euro bis etwa 25 000 Euro pro Studiengang.

Hier konkurrieren mehrere Institutionen um die Berufstätigen. Neben den staatlichen Hochschul-Supertankern HTWG und Universität in Konstanz, für die das berufsbegleitende Studium nur ein kleiner Teil ihrer Aktivitäten ist, gehören dazu etwa die SBA mit dem Präsenzstudium in Stockach, die Zeppelin Universität in Friedrichshafen oder die Allensbach University. Die letztere betreut zwar, weil sie als Fernhochschule viel mit dem Internet arbeitet, Studenten aus dem ganzen Bundesgebiet. Zu Präsenzphasen kommen diese allerdings nach Konstanz, wo die Hochschule Räume hat, erklärt Kanzler Timo Keppler. Der Name Allensbach University leitet sich davon ab, dass die Trägergesellschaft ihr Büro im Allensbacher Innovationszentrum hat. Die meisten berufsbegleitenden Studienangebote in der Region wenden sich an Arbeitnehmer, die einen Bachelor-Abschluss mitbringen – zum Beispiel bei der Zeppelin Universität und noch auch bei der Allensbach University. Die SBA hingegen spezialisiert sich im Kreis Konstanz auf Bachelor-Angebote.

Alle, die an den Hochschulen für das berufsbegleitende Studium verantwortlich sind, sprechen davon, dass sie sich in einem Markt bewegen – wenn dieser mit dreistelligen Studentenzahlen auch klein ist. Zum Vergleich: Die Universität Konstanz hat etwa 11 000 Studierende. Was im klassischen Vollzeitstudium die Ausnahme ist, ist bei den Berufstätigen die Regel: Die Angebote sind gebührenpflichtig. Dass private Hochschulen sich in der Regel selbst tragen müssen, überrascht nicht. Aber auch staatliche Hochschulen müssen in der Weiterbildung laut Gesetz kostendeckend arbeiten, wie Ulrich Wacker, an der Uni Konstanz zuständig für Weiterbildung, erklärt. Dadurch wird aus akademischer Ausbildung automatisch auch ein Geschäftsmodell.

Deswegen unterliegen berufsbegleitende Angebote an Hochschulen auch anderen Gesetzmäßigkeiten als das Studium. Angebote entstehen tendenziell schneller, sind stärker spezialisiert und haben eine kürzere Lebensdauer. Ulrich Wacker von der Universität Konstanz bezeichnet Weiterbildung als Innovationslabor. Und Mark Mietzner von der Zeppelin Universität berichtet, dass im nächsten Jahr einer der sechs derzeitigen berufsbegleitenden Studiengänge aus dem Programm genommen werde. Der Allensbacher Kanzler Timo Keppler: "Private Hochschulen bieten nur Studiengänge an, die nachgefragt sind." Und Ekkehard Biller von der SBA sagt: "Wenn die Qualität nicht stimmen würde, wäre man nach ein paar Jahren weg vom Markt."

Das schnelle Geld kann man in diesem Markt allerdings sicher nicht machen. Denn Bildung unterliegt zahlreichen gesetzlichen Regelungen, und über die staatliche Anerkennung von Hochschulen und Studiengängen entscheidet das Landeswissenschaftsministerium. Auf dessen Internetseite wird die Dauer des Verfahrens mit mindestens einem Jahr angegeben. Kosten: 2500 bis 7500 Euro.

"Die Idee des lebenslangen Lernens ist noch nicht richtig angekommen"
Hochschulforscher Ulf Banscherus von der Humboldt-Universität Berlin, einer der wenigen Experten für private Hochschulen in Deutschland, über Studiengebühren und die Einstellung zu Bildung
"Die Idee des lebenslangen Lernens ist noch nicht richtig angekommen" Hochschulforscher Ulf Banscherus von der Humboldt-Universität Berlin, einer der wenigen Experten für private Hochschulen in Deutschland, über Studiengebühren und die Einstellung zu Bildung


Herr Banscherus, wenn man mit Menschen spricht, die neben dem Beruf studieren, bekommt man den Eindruck, dass Karriere immer mehr über Bildungspatente führt. Ist das richtig?
Deutschland ist eine sehr zertifikatsorientierte Gesellschaft. Das war früher auch schon so. Dass die Verpflichtung zum Nachweis zugenommen hat, würde ich deshalb nicht unbedingt sagen. Es ist eher so, dass Arbeitskräfte heute viel mobiler sind und ihre Qualifikationen dann auch häufiger belegen müssen.

Lohnt es sich für einen Arbeitnehmer, in einen Studienabschluss zu investieren?
Das hängt von vielen Faktoren ab. Grundsätzlich gilt, dass das berufsbegleitende Studium im Vergleich zum klassischen Vollzeitstudium sehr selten ist, weniger als fünf Prozent der Studierenden in Deutschland studieren in solchen Studiengängen. In dieser Marktnische spielen die privaten Hochschulen eine wichtige Rolle. Im Durchschnitt ist es so, dass Hochschulabsolventen mehr verdienen als Menschen mit einer Berufsausbildung, das ist vielfach belegt. Es gibt aber je nach Branche extreme Gehaltsunterschiede, und das gilt natürlich auch für die Absolventen von berufsbegleitenden Angeboten. Im Bereich Krankenpflege beispielsweise ist die Stellenstruktur an Krankenhäusern in der Regel gar nicht darauf ausgelegt, dass zwischen Ärzten und Pflegern noch eine Ebene von Akademikern liegt – da bringt einem der schönste Abschluss nichts fürs Gehalt. Der Business-Bereich ist da völlig anders aufgestellt. Wer an einer etablierten privaten Hochschule neben dem Job studiert, investiert vielfach eher in Netzwerke, die dann beispielsweise den Einstieg in ein international agierendes Großunternehmen ermöglichen.

Das berufsbegleitende Studium ist gebührenpflichtig, das klassische Vollzeitstudium wird in der Regel vom Staat bezahlt. Ist das gerechtfertigt?
Einerseits ist das natürlich eine Ungleichbehandlung, andererseits lautet das Argument, dass man bei der Weiterbildung einen sehr viel größeren Aufwand hat – zum Beispiel durch individuelle Beratung, die Dozenten, die man extra bezahlen muss, und ähnliches. Dahinter steckt immer auch die politische Frage, ob man mehr Teilhabe erzeugen oder den Hochschulen primär die Möglichkeit zum Geldverdienen geben will. Im politischen Raum ist es weit verbreitet, berufliche Weiterbildung als Eigenverantwortung jedes einzelnen zu betrachten, der dann selbst dafür aufkommen muss. Vielen sind dann aber die Kosten zu hoch. Ein wichtiger Faktor sind aber auch die Arbeitgeber, die nur selten Interesse daran haben, dass ihre Mitarbeiter ganze Studiengänge absolvieren. Schließlich ist für sie auch klar, dass derjenige, der studieren will, nachher auch mehr Geld verdienen oder sich beruflich verändern will. Unternehmen wollen daher eher kurze Weiterbildungen. Wenn bei Unternehmen wirklich die langfristige Personalentwicklung im Vordergrund stünde, würden sie vermutlich anders handeln. Zusammenfassend würde ich sagen, dass die Idee des lebenslangen Lernens weder bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch beim Staat richtig angekommen ist. Gerade im Hinblick auf die Wissensgesellschaft ist es aber sehr kurzsichtig, Bildung als reine Privatsache zu betrachten.
Wie ist es zu beurteilen, dass so viele private Hochschulen in der Weiterbildung aktiv sind?
Welche Rolle private Anbieter in der Bildung spielen sollen, ist zunächst einmal eine Wertefrage, die die Politik beantworten muss. Grundsätzlich kann man festhalten, dass bei den privaten Hochschulen die Aufbruchstimmung vor zehn Jahren einer gewissen Skepsis gewichen ist. Das liegt teilweise an der Qualität einzelner Anbieter, aber sicher auch an einer Serie von Konkursen – auch die Steinbeis-Hochschule hat manche frühere Konkurrenten aufgekauft. Allen wird klar: Das berufsbegleitende Studium ist kein Selbstläufer, man muss aktiv um die Studenten werben, die Veranstaltungen flexibel organisieren – und ähnliches. Die Frage, die dahinter steht, ist aber: Wie hält man es mit der Bildung als öffentlichem Gut? Und wenn die staatlichen Hochschulen ihren Weiterbildungsauftrag ernst nähmen und der Staat aktiv das Ziel verfolgen würde, die Teilhabe an Bildung auch im Bereich der Hochschulweiterbildung auszuweiten, müsste man sicher auch über die Gebührenfrage reden. Wie das bei den Privathochschulen im einzelnen ausgestaltet wird, müsste man sich dann überlegen.