Viele kommen, weil sie sich erschöpft und hilflos fühlen. Vor zwei Jahren wurde im Landkreis die Informations-, Beratungs- und Beschwerdestelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörige eingerichtet. Bisher nutzten vor allem Eltern heranwachsender Betroffener das Angebot der Tandem-Teams, sagt Kreis-Sozialplanerin Susanne Mende. Dabei ist die Beratung breit angelegt. Neben Fachpersonal aus der Psychiatrie und Patientenfürsprechern stehen je nach Fallkonstellation auch frühere Erkrankte mit Psychiatrieerfahrung sowie Angehörige von psychisch Erkrankten zur Verfügung.

Ein Heranwachsender kapselt sich ab, kümmert sich nicht um die Ausbildung, die Wohnung und sich selbst. Eine Krankheit ist diagnostiziert, doch die Einsicht, sich behandeln zu lassen, fehlt. Fälle wie dieser sind es nach Angaben von Michael Hess, Patientenfürsprecher für psychisch Kranke im Landkreis, die Eltern heranwachsender Erkrankter in die Beratungsstelle treiben. Manche seien nach Jahren im Alltag mit einem Erkrankten zermürbt. Sie machten sich große Sorgen um dessen Zukunft. "Es gibt einen hohen Bedarf an Beratung", bestätigt Rita Henderson, die als Mitarbeiterin des Zentrums für Psychiatrie Reichenau zum Team der Informationsstelle gehört.

Eltern junger Erkrankter fühlen sich oft überfordert

Dorothea Wieser, die als Angehörige eines Erkrankten und Leiterin einer Selbsthilfegruppe in der Informationsstelle Unterstützung anbietet, weiß aus eigener Erfahrung, wie überfordert sich Eltern Erkrankter fühlen können. Oftmals sei es hilfreich zu hören, dass andere Väter und Mütter ähnliches durchmachten. Für manche sei die Anlaufstelle die erste Möglichkeit, überhaupt über die Problematik zu sprechen. "Viele Familien trauen sich nicht einmal in der Verwandtschaft darüber zu reden. Eine psychische Erkrankung, das ist immer noch ein Tabu-Thema. Auf dem Land ist es ganz schlimm."

Die Eltern wollten wissen, welche Perspektiven für eine selbstständige Entwicklung es für ihr Kind nach der Diagnose der Krankheit noch gibt. "Wir können Mut machen." Es gebe ein breites Netz an Hilfsmöglichkeiten, beispielsweise betreute Wohngemeinschaften, ambulante Dienste oder eine rechtliche Betreuung, die die Verwaltungsangelegenheiten, etwa die Korrespondenz mit den Behörden, für den Erkrankten übernehmen kann. Zudem gebe es Alternativen zu den klassischen Ausbildungs- und Berufswegen.

Betroffener erzählt von seinem Weg zurück ins Leben

Klaus Gerhard (Name von der Redaktion geändert) war selbst von einer psychischen Krankheit betroffen. Auch er gehört zu den Beratern in der Informationsstelle, möchte aber aus privaten und beruflichen Gründen nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Er hat den langen Weg von der Psychiatrie zurück in die Berufswelt geschafft. Er berichtet, wie schwierig es für ihn war, mit der Krankheit umzugehen. "Man weiß nicht, was los ist." Die Einsicht, krank zu sein, schwinde mit zunehmender Krankheit.

Er habe erst lernen müssen, dass Medikamente die Lage verbessern können, und wie viele Belastungen er sich zumuten darf, ohne einen Rückfall fürchten zu müssen. "Man muss da ehrlich zu sich selbst sein", rät er. Sein früherer Beruf sei zu stressig gewesen, das habe er sich irgendwann eingestanden. Über eine Behindertenwerkstatt, die seinen Tagen Struktur gab, habe er zurück ins Arbeitsleben gefunden, auch wenn eine Stelle in Vollzeit nicht mehr möglich sei. Er und alle anderen in der Beratungsstelle würden sich wünschen, dass mehr Erkrankte die Möglichkeiten nutzen, sich Orientierung über Patientenrechte, Unterstützungs- und Wiedereingliederungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Die Bedeutung der psychischen Erkrankungen steigt

Susanne Mende macht anhand von Zahlen zu den Eingliederungshilfen im Landkreis deutlich, dass die Bedeutung der psychischen Erkrankungen steigt. In den vergangenen sieben Jahren seien die Zahlen um mehr als 40 Prozent gewachsen. Dabei sind über die Eingliederungshilfen in der Regel nur die Patienten erfasst, die längere Psychiatrieaufenthalte hinter sich haben.