Der Bodensee-Geschichtsverein ist etwas ganz Besonderes. Der internationale Verein betrachtet den Bodenseeraum nämlich als Ganzes, weshalb er seine Aktivitäten in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein entfaltet. Sein Vereinsgebiet nimmt seit seiner Gründung vor exakt 150 Jahren keine Rücksicht auf moderne Staats- und Verwaltungsgrenzen. Die jährlich veröffentlichten Vereinsschriften behandeln Geschichte und Natur des Bodensees gleichermaßen. In seinem Vereinsleben hielt und hält er konsequent Verbindungen über die Grenzen aufrecht – gerade auch in den schwierigen Jahren während und unmittelbar nach den beiden Weltkriegen.

Von der Idee zur Vereinsgründung

Wie alles begann? Am Pfingstmontag 1868 wanderte der junge Lateinlehrer und spätere Stadtpfarrer Gustav Reinwald von Lindau zusammen mit einigen Schülern zum ehemaligen Deutschordensschloss Achberg. Dort traf er den Amtsarzt Albert Moll aus Tettnang. Beide Männer waren sich vorher nie begegnet; sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie beide „mit historischen Nerven fühlten“, eine Leidenschaft für die Geschichte des Bodenseeraums besaßen – und dass es einen Verein von Gleichgesinnten geben müsse, der sich eben dieser Geschichte widmen solle. Sie zogen weitere Geschichtsfreunde ins Vertrauen, darunter Hans Freiherr von und zu Aufseß, den Schöpfer des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, oder den Arzt und Palästinaforscher Titus Tobler. Zur Gründungsversammlung fanden sich am 19. Oktober 1868 über 70 Männer und zwei Frauen im Gasthaus „Zur Krone“ in Friedrichshafen ein. Zum Jahresende hatte der Verein bereits 200 Mitglieder, bald waren es über 700. Die Gründer bewegte insbesondere die Sorge um Denkmäler der Vergangenheit, die der Fortschritt im Zuge der Industrialisierung auch am Bodensee zu zerstören drohte.

Hochherrschaftliche Unterstützer

Freilich waren die Vereinsgründer keine weltfremden Nostalgiker. Sie bauten nützliche politische Verbindungen auf, zunächst zum Hof und zur Regierung des Königreichs Württemberg. König Karl verbrachte jeden Sommer in Friedrichshafen und war an der Vereinsarbeit persönlich interessiert. Die Vereinszeitschrift wurde mit Unterstützung Kaiser Franz Josephs I. von Österreich und König Ludwigs II. von Bayern auf den Weg gebracht und fortan durch namhafte Beiträge der großherzoglichen Familie von Baden bezuschusst. König Karl und Großherzog Friedrich I. empfingen den Verein gelegentlich in ihren Schlössern Hofen und Mainau. Deren Rückendeckung erlaubte dem Verein die Verwirklichung ambitionierter Ziele: die Herausgabe einer jährlich erscheinenden Zeitschrift, der Aufbau einer Vereinsbibliothek und eines Vereinsmuseums in Friedrichshafen.

Mehr als 1000 Mitglieder im Verein

Und heute, nach 150 Jahren? Das Museum und das Vereinsarchiv sind im März 1944 bei einem Luftangriff zerstört worden, die Bodensee-Bibliothek besteht in Trägerschaft der Stadt Friedrichshafen bis heute fort. Doch hat der Bodensee-Geschichtsverein im 20. Jahrhundert den herausragenden gesellschaftlichen Stellenwert, den er in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens zweifellos genießen durfte, verloren – und das trotz weit über 1000 Mitgliedern rund um den Bodensee. Seine Arbeit wird von der öffentlichen Hand der Bundesländer, Kantone, Städte und Gemeinden am See geschätzt und unterstützt. Seine internationalen Vereinsziele setzt der Bodensee-Geschichtsverein Jahr für Jahr um: So finden in allen vier Staaten rund um den See neben der jährlichen Hauptversammlung spannende Exkursionen, informative Vortragsveranstaltungen und vor allem ein Austausch von historisch und naturwissenschaftlich Interessierten aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein statt. Das ist wahrlich eine seit 150 Jahren praktizierte Internationalität jenseits nationaler Egoismen, die ihresgleichen in Mitteleuropa sucht.

Sie leiten heute den Verein: der Vorstand (v.l., vorne): Katharina Maier, Jörg Heiligmann, Susanne Hölzer, Jürgen Klöckler; dahinter (v.l.) Bernd M. Mayer, Alois Niederstätter, Jürgen Oellers, Eveline Dargel, Andreas Schwab, Yvonne Istas, Wolfgang Scheffknecht.
Sie leiten heute den Verein: der Vorstand (v.l., vorne): Katharina Maier, Jörg Heiligmann, Susanne Hölzer, Jürgen Klöckler; dahinter (v.l.) Bernd M. Mayer, Alois Niederstätter, Jürgen Oellers, Eveline Dargel, Andreas Schwab, Yvonne Istas, Wolfgang Scheffknecht. | Bild: Petra Reichle

Zum 150. Geburtstag des Vereins erscheint im Oktober ein Jubiläumsband mit 150 Beiträgen zu Natur und Geschichte des Bodensees.

Der Jubiläumsband und die Herausgeber

  • Die Herausgeber des Jubiläumsbands sind Jürgen Klöckler und Harald Derschka. Das Buch "Der Bodensee. Natur und Geschichte aus 150 Perspektiven" mit 320 Seiten und vielen zumeist farbigen Abbildungen wird im Oktober im Jan Thorbecke-Verlag erscheinen; Kosten: 25 Euro.
  • Jürgen Klöckler (Jahrang 1965) hat mit einer Arbeit zur Neugliederungsdiskussion im französisch besetzten Südwestdeutschland nach 1945 promoviert und hat sich 2011 an der Universität Konstanz im Fachbereich Geschichte und Soziologie habilitiert. 2014 ist er zum außerplanmäßigen Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz berufen worden. Jürgen Klöckler leitet seit 2001 das Stadtarchiv Konstanz.
  • Harald Derschka (Jahrgang 1969) hat mit einer Arbeit über die Ministerialen des Hochstiftes Konstanz promoviert. 2011 habilitierte er sich für das Fach mittelalterliche Geschichte. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geistesgeschichte des hohen Mittelalters, südwestdeutsche Landesgeschichte, Rechts- und Verfassungsgeschichte sowie Fundnumismatik und Geldgeschichte. Seit 2013 ist er der Leiter des Forschungsprojekts „Das Reichenauer Lehenbuch Abt Friedrichs von Wartenberg (1428-1453)“.