Kreis Konstanz Hagel, Sturm, Frühlings-Frost: Winzer spüren den Klimawandel

Die Weinernte fällt diesmal geringer aus als sonst. Diverse Unwetter machen Weinbauern einen Strich durch die Rechnung – und diese glauben nicht mehr an Zufälle.

Starker Frost im April? Der Hagnauer Winzer Fabian Dimmeler muss in den Annalen schon mächtig weit zurückblättern, um einen ähnlich heftigen Frühlings-Kälteeinbruch zu finden, der in den Weinreben solchen Schaden anrichtete wie in diesem Jahr. Bis ins Jahr 1957. „Seitdem hatten wir am Bodensee nie mehr solche Spätfrostschäden.“ Bis jetzt.

Das könnte eine Episode sein, eine Wetterkapriole halt, die zwar selten ist, aber früher eben auch schon mal vorgekommen ist. Das Ding ist nur: So viel Starkregen in Verbindung mit Sturm wie in diesem Jahr ist auch ziemlich selten. Und ein so häufiger und heftiger Hagel auch. Es sind einfach merkwürdig viele Zufälle auf einmal in diesem Wetterjahr. Zu viele. Da sei eben in den Weinbergen mittlerweile der Klimawandel zu spüren, sagen Dimmeler und sein Winzerkollege Hubert Böttcher, der Betriebsmitinhaber beziehungsweise Mitpächter der Spitalkellerei Konstanz ist.

Rekordverdächtiger Frost

Die beiden Winzer arbeiten sich gerade durch die letzten Tage der Weinlese, und ebenso wie für so viele andere Weinbauern in der Bodenseeregion zeichnet sich für sie dabei ab: Die Erntemenge fällt in diesem Jahr geringer aus als in Vorjahren. Sie sind damit beileibe nicht allein. Im Hegau zum Beispiel verzeichnen das Weingut Vollmayer und das Staatsweingut Meersburg spürbare Mengeneinbußen im Vergleich zum Vorjahr, und auch im Kanton Schaffhausen, wo ebenfalls Frost und Hagel wüteten, stellen laut Schaffhauser Nachrichten Winzer bei der Weinlese geringere Erträge fest.

Bei der Weinlese im Weingut Vollmayer am Elisabethenberg am Hohentwiel erntet Erntehelfer Bernardo Gerardo Spätburgunder-Trauben.
Bei der Weinlese im Weingut Vollmayer am Elisabethenberg am Hohentwiel erntet Erntehelfer Bernardo Gerardo Spätburgunder-Trauben. | Bild: Christel Rossner

„Die Unwetterereignisse haben in den letzten 15 Jahren zugenommen“, sagt Dimmeler. Zum Beispiel „kam in diesem Jahr jeder Regen zusammen mit Sturm“. Der Hilzinger Winzer Georg Vollmayer fasst es so zusammen: „So ein verrücktes Wetterjahr habe ich noch nie erlebt.“ Bei ihm am Elisabethenberg am Hohentwiel erreichten die Frostgrade im April minus sieben. Rekordverdächtig war an manchen Orten auch der Hagel: In Immenstaad durchschlug er an einigen Stellen sogar die Hagelnetze, schildert Dimmeler.

"Ein verrücktes Wetterjahr"

Der ausgiebige Regen im Spätsommer wiederum führte in der Bodenseeregion zudem dazu, dass Trauben sehr groß wurden. Was gut klingt, wird zum Problem: „Die Trauben drücken sich dann gegenseitig ab, platzen auf, Fäulnis entsteht, und die zieht dann Fliegen an“, sagt Dimmeler. Zum Beispiel die schädliche Kirschessigfliege oder Wespen. Und einen solch heftigen September-Hagel wie diesmal „gab es früher auch nicht“, sagt Böttcher. Dabei hatte schon der im Juli Schlimmes angerichtet, auf der Konstanzer Fläche der Spitalkellerei habe es streckenweise bis zu 40 Prozent Ertragsausfälle gegeben, schätzt Böttcher.

Die Erntemenge in der Bodenseeregion passe noch so weit, dass die Winzer „den Markt bedienen“ könnten, sagt Dimmeler in seiner Eigenschaft als Bereichsvorsitzender Bodensee des Badischen Weinbauverbands. „Es ist aber auch keine Menge, bei der wir etwas zur Seite legen können.“ Auch wenn es für ein endgültiges Fazit im Moment noch etwas früh sei. Immerhin: Es zeichne sich ab, dass es von der Qualität her „einen durchschnittlichen Jahrgang gibt – wir sind aber auch verwöhnt aus den Vorjahren.“ So gebe es zum Beispiel beim Müller-Thurgau 74 bis 76 Oechslegrade. „Bei 76 fängt der Kabinett an, da muss man dann auch mal zufrieden sein.“

Hagelnetze am Weinberg?

Sie sind nicht gerade eine Schönheit: die silbergrauen Hagelnetze, die viele Obstbauern im Kreis Konstanz über ihre Bäume spannen, zum Schutz vor den Eiskörnern. Vor allem in der Region rund um Bodman-Ludwigshafen drängen sie sich im Landschaftsbild in den Vordergrund. In diesem Jahr waren nun auch Weinbauern stark von Hagelschäden betroffen – werden künftig also auch Weinberge von Netzen überspannt sein und einen optischen Fremdkörper in der Landschaft bilden? Wohl kaum, sagt der Hagnauer Winzer Fabian Dimmeler vom Badischen Weinbauverband: Ich glaube nicht, dass wir das großflächig machen werden.“ Zum einen hätten Hagelnetze einen stolzen Preis: 20 000 Euro pro Hektar müsse man investieren, so Dimmeler. Und in Immenstaad halfen stellenweise noch nicht einmal die teuren Netze: Dort stellte sogar unter Netzen Hagelschäden fest. Zudem würden die meisten Winzer Netze nur an den Seiten spannen: Oben drüber müssten sie nämlich im Sommer mit maschinellen Laubschneidern arbeiten, um Triebe zu kappen, und da würden die Haltepfosten der auf den Reben aufliegender Netze stören. Außerdem würden Netze Sonnenstrahlen abhalten. 

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