Es war der 2. November 2016, als im Tropenhaus Wolhusen bei Luzern ein Insektendinner serviert wurde. Damals zählte Frank Burose zu den geladenen Gästen. Der Agrarwissenschaftler und Leiter des Kompetenznetzwerks Ernährungswirtschaft in Weinfelden im Kanton Thurgau war angetan von dem Mahl. Es habe eigentlich keine Überwindung gekostet, und am Ende stellte Burose fest, dass viele Teller in der Runde leer gegessen worden waren. Das Dessert "Insektengarten" hat Burose damals selbst fotografiert: Heuschrecken im Schokoladenmantel, Grillen und nussiger Mehlwurm.

Schon zu Zeiten dieses Insektendinners im exotischen Ambiente und heute noch mehr stellt sich die Frage, ob Insekten auch in Europa das Lebensmittel der Zukunft werden können. Nach Prognosen der Welternährungsorganisation FAO müsste sich die Fleischproduktion (die für ein Fünftel der weltweiten Treibhausgase verantwortlich gemacht wird) verdoppeln, sollte die wachsende Weltbevölkerung im Jahr 2050 nach der jetzigen Art ernährt werden. Sind Insekten vielleicht die bessere Alternative, um Menschen mit wichtigen Proteinen zu versorgen? Dieser Frage geht das Weinfelder Kompetenznetzwerk Ernährungswirtschaft mit seinen deutschen Kooperationspartnern beim Bürger- und Expertenforum "Lebensmittel von morgen" nach, das am Samstag, 10. März, Beginn 15 Uhr, im Rahmen der Konstanzer Gesundheitstage im Bodenseeforum (Reichenaustraße 21) stattfindet.

Was die Akzeptanz und Vermarktung von Insekten zur Ernährung der Menschen angeht, sind die Schweiz und einige andere euopäische Länder bereits weiter als Deutschland. So sind Mehlwürmer und Co. bei den Eidgenossen seit Mai 2017 als Lebensmittel zugelassen. "In der Schweiz werden eine Produktion aufgebaut und ein Markt erschlossen", sagt Frank Burose. In der Schweiz wirbt zum Beispiel der Anbieter Essento für den Wechsel vom Tabu zur Delikatesse. Die Botschaft lautet: Insekten essen ist lecker. Auch in Österreich, den Niederlanden, Belgien und Frankreich kann man entsprechende Produkte schon legal kaufen, wie das Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen des Landkreises Konstanz feststellt. Doch auch hierzulande tut sich was. Eine neue EU-Verordnung stuft Insekten als neuartige Lebensmittel ein. Und daran orientiert sich Deutschland. Damit können seit Jahresbeginn Produkte aus verarbeiteten Insekten in der Bundesrepublik verkauft werden. Das war zuvor verboten.

Beim Bürger- und Expertenforum "Lebensmittel von morgen" sind Gegenstand des Gesprächs allerdings nicht ausschließlich die geschmacklichen Vorzüge von Insekten. Es geht eher um die Frage: Sind Insekten die Proteinquelle von morgen? Zwei Experten äußern sich im Podiumsgespräch. Der Betriebswirtschaftler Christopher Zeppenfeld will mit seinem Kölner Start-up-Unternehmen Swarm Insekten-Fitnessriegel am Markt etablieren. Zeppenfeld wirbt für die proteinreiche Zutat: Grillen werden getrocknet und zu Pulver verarbeitet. Die Insekten werden in Thailand gezüchtet. Adressaten des Angebots sollen vor allem Sportler sein.

Setzt auf Grille im Fitnessriegel: Unternehmer Christopher Zeppenfeld.
Setzt auf Grille im Fitnessriegel: Unternehmer Christopher Zeppenfeld.

Bei der Veranstaltung wird auch der Schweizer Hochschullehrer Jürg Grunder seine Einschätzungen zum Thema Insekten als Eiweißquelle abgeben. Der Agronom ist Leiter der Forschungsstelle Phytomedizin und Dozent für Pflanzenschutz an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). "Das Thema Insekten als Nahrungsmittel fasziniert und polarisiert zugleich", so wurde Grunder im vergangenen Jahr nach einem Kongress in der Schweiz zitiert.

Spricht von einem polarisierenden Thema: der Zürcher Forscher Jürg Grunder.
Spricht von einem polarisierenden Thema: der Zürcher Forscher Jürg Grunder.

Insekten essen und Milch verwerten

  • "Lebensmittel von morgen": Das Forum findet seit 2012 im jährlichen Rhythmus statt. Getragen wird die Veranstaltung vom Thurgauer Kompetenznetzwerk Ernährungswirtschaft (Weinfelden), dem Verbund der Lebenswissenschaften Biolago, dem baden-württembergischen Netzwerk bioaktive pflanzliche Lebensmittel sowie dem Amt für Bildung und Sport der Stadt Konstanz. Die Veranstaltung am Samstag, 10. März, im Bodenseeforum Konstanz beginnt um 15 Uhr. Dabei gibt es neben "Insekten als Lebensmittel" einen zweiten Themenbereich: Manfred Huss, Betriebsleiter der Forschungs- und Lehrmolkerei an der Uni Hohenheim. spricht über ganzheitliche Verwertung von Milch. Die Veranstaltung ist in die Konstanzer Gesundheitstage eingebunden. Dort präsentiert sich das Forum mit einem Gemeinschaftsstand. Weitere Infos: www.ernaerungswirtschaft.ch
  • Die Gesundheitstage Bodensee finden am 10. und 11. März im Bodenseeforum Konstanz (Reichenaustraße 21) statt. Nach Veranstalterangaben werden über 70 Anbieter aus der Gesundheitsbranche Antworten auf drängende Fragen anbieten. Besucher können sich an Ausstellungsständen informieren, Vorträge anhören und mit Fach- und Klinikärzten direkt Kontakt aufnehmen. Mehr Infos im Internet: www.gesundheitstage-bodensee.com