Es ist ziemlich genau sechs Jahre her, da sorgte man sich im Landkreis Konstanz um das Landschaftsbild am Überlinger See. Auf der Suche nach Alternativen zu Strom aus Kernkraft und Kohle hatte der RegionalverbandBodensee-Oberschwaben eine Fläche oberhalb von Überlingen als Standort für Windkraftanlagen vorgeschlagen. Die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamts fasste ihre Kritik an dem Vorhaben damals in einen sperrigen Satz: „Der Standort bewirkt aufgrund seiner Fernwirkung einen erheblichen Eingriff durch technische Überformung der Bodenseelandschaft“. Einfacher wäre es gewesen zu sagen: Wir denken, dass weithin sichtbare, über 200 Meter hohe Windräder die Landschaft verschandeln und das wollen wir nicht.

Bis zu 140 Meter Nabenhöhe, dazu kommt der Rotor

Die Pläne für Windräder auf dem Höhenrücken bei Überlingen-Nesselwangen wurden damals aus naturschützerischen Gründen nicht weiter verfolgt. Geblieben aber ist der Konflikt, ob man neben vielen anderen möglichen fachlich-sachlichen Einwänden im Interesse des Landschaftsbildes auf Windkraftanlagen verzichten sollte. Im Winter 2017/18 kann diese Frage aus aktuellem Anlass wieder ganz neu gestellt werden. Der Kanton Thurgau hat sechs potenzielle Standorte für große Windkraftanlagen ausgewiesen und holt derzeit Stellungnahmen von all jenen ein, die sich betroffen fühlen. Die Erschließung des Energiepotenzials könne nur mittels Großwindanlagen erfolgen, so ist in der kantonalen Richtplanänderung Windkraft nachzulesen: Das bedeutet, die Masten der Windräder haben eine Nabenhöhe von 120 bis 140 Meter und einen Rotordurchmesser von 100 bis 140 Meter.

Einer der im Kanton Thurgau vorgesehenen Standorte für die Windriesen liegt oberhalb von Steckborn bei Salen-Reutenen auf dem Unterseerücken. Eine zweite Option ist der Ottenberg oberhalb von Kreuzlingen. Windräder bei Salen-Reutenen dürften am Untersee im direkten Blickfeld von Reichenau, Allensbach und einigen Hörigemeinden liegen. Hier das Reichenauer Unesco-Welterbe, das jedes Jahr Hundertausende Besucher anlockt, dort die Exponenten der Erzeugung erneuerbarer Energien? Verträgt sich das? Schreckt die Aussicht Touristen ab? Das Forum Erneuerbare Energien Hegau Bodensee, das dem Bau von Windrädern in der Region ablehnend gegenüber steht und das die Nutzung von Solarstrom empfiehlt, hat die Windrad-Kulisse bei Salen-Reutenen schon in einer Montage visualisiert. Zu übersehen wären Anlagen von der Reichenau und von Gaienhofen aus nicht. Das Forum, das die Interessen von Bürgerinitiativen bündelt, sieht durch die Projekte den Landschaftsschutz stark beeinträchtigt und befürchtet eine Gefährdung des Unesco-Welterbestatus der Insel Reichenau.

Hoffen auf starke Argumente

Philipp Gärtner, der Umweltdezernent des Landkreises Konstanz, hat eine kritische Eingabe zu den Thurgauer Plänen angekündigt. Er verweist auf die große Fernwirkung der Windräder auf das Landschaftsbild. Er verweist auch auf den Welterbe-Status der Reichenau und auf Tourismusinteressen. „Ich habe die Hoffnung, dass unsere Argumente so stark sind, dass sie gehört werden“, sagt er.

Auch die Gemeinde Gaienhofen will sich kritisch äußern. Bei den Reichenauern dürfte es nicht anders sein. Bis zum 24. Januar 2019 können Interessierte beim Thurgauer Amt für Raumentwicklung in Frauenfeld eine Stellungnahme abgeben. So wolle sich der Kanton ein Stimmungsbild verschaffen, schreibt das Forum Erneuerbare Energien Hegau Bodensee. Am Ende aber entscheiden die Thurgauer wohl allein.