Heiko Thamm hat alles gegeben, um auf den Bodensee-Friedensweg aufmerksam zu machen. Der Sachbearbeiter aus Ravensburg war schon vor einer Woche von Konstanz aus zum 340-Kilometer-Marsch um den Bodensee aufgebrochen. In drei Etappen legte der Extremwanderer mit der Pace-Regenbogenflagge, die für Frieden steht, jeweils 100 Kilometer zurück und an Ostermontag die letzten 40 Kilometer. Er startete um ein Uhr nachts, um pünktlich zum Auftakt des Bodensee-Friedenswegs wieder in Konstanz zu stehen. Er reihte sich ein in die nach Schätzung der Veranstalter rund 1000 Demonstranten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in Konstanz und der Schweizer Nachbarstadt Kreuzlingen grenzüberschreitend Geschäfte von 18 Rüstungsbetrieben am Bodensee als blutig anprangerten. Sie forderten den Umbau in zivile Produktion. Die Rüstungsregion solle Friedensregion werden.

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"Ich bin bereit, für Abrüstung und Frieden an persönliche Grenzen zu gehen", sagt Heiko Thamm über seinen langen, strapaziösen Weg zum Friedensweg.

"Ich bin bereit, für Abrüstung und Frieden an persönliche Grenzen zu gehen", sagt Heiko Thamm. Er ging für den Bodensee-Friedensweg in vier Etappen einmal rund um den Bodensee (inklusive Inseln). Er legte so 340 Kilometer zurück.
"Ich bin bereit, für Abrüstung und Frieden an persönliche Grenzen zu gehen", sagt Heiko Thamm. Er ging für den Bodensee-Friedensweg in vier Etappen einmal rund um den Bodensee (inklusive Inseln). Er legte so 340 Kilometer zurück. | Bild: Claudia Rindt

Einer, der ebenfalls keinen noch so schweren Weg scheut, um mögliche schmutzige Geschäfte der Rüstungsindustrie aufzudecken, ist der Pädagoge und Friedensaktivist Jürgen Grässlin, einer der Hauptredner beim Bodensee-Friedensweg in Konstanz. Er hat Prozesse gegen Heckler & Koch aus Oberndorf sowie Sig Sauer aus Eckernförde wegen illegaler Waffenexporte ins Rollen gebracht, die Geldeinzug in Millionenhöhe zur Folge hatten.

Im Stadtgarten ermunterte er, den Kampf gegen die Rüstungsindustrie aufzunehmen. Immer mehr gesellschaftliche Gruppen stellten sich hinter die Forderung, dem Waffenhandel ein Ende zu setzen. Anfangs seien es 40 gewesen, inzwischen seien es mehr als 150. Auch zum Bodensee-Friedensweg hatten mehr als 100 Organisationen aufgerufen, darunter Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Menschenrechts- und Flüchtlingsgruppen. "Unsere Kraft kommt aus dem Netzwerk", sagt Jürgen Grässlin. "Die Rüstungsindustrie hat keine Zukunft, da werden wir mithelfen."

Beispiele für Rüstungsgüter vom Bodensee in Krisenregionen

Grässlin nannte die Bodensee-Region eine einmalige Kulturlandschaft, aber auch einmalig in Europa durch die Ballung der Rüstungsbetriebe. Sie leisteten Beihilfe zu Mord, Menschenrechtsverletzungen und Zerstörung von Kulturlandschaften. Immer wieder gelangten Rüstungsgüter vom Bodensee in Krisenregionen. So habe etwa die türkische Armee den Panzer Leopard 2 gegen Kurden im syrischen Afrin eingesetzt. Der Bordcomputer des Panzerfahrzeugs komme aus der in Konstanz ansässigen ATM, einer Tochter der Panzerschmiede Krauss-Maffei-Wegmann. Ein Radpanzer der Mowag Kreuzlingen sei zuletzt in die Hände der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria gefallen. "Schlimmer geht's nimmer". Grässlin sieht gute Chancen für die Rüstungsbetriebe am See, ihre Produktion auf zivile Zukunftstechnologien wie erneuerbare Energien oder alternative Antriebe umzustellen. Er forderte Schulen auf, Kooperationen mit Firmen, die auch in der Rüstung tätig sind, zu kündigen, und neue mit Betrieben der zivilen Produktion aufzubauen.

Der Weg der Demonstranten führte auch durch die Hafenpromenade von Konstanz.
Der Weg der Demonstranten führte auch durch die Hafenpromenade von Konstanz. | Bild: Claudia Rindt

Die Stadt Konstanz habe sich schon lange der Friedensarbeit verschrieben, daran erinnerte der Stadtrat der Freien Grünen Liste, Roland Wallisch, der bei der Eröffnung den Konstanzer Oberbürgermeister als Schirmherrn des Bodensee-Friedenswegs vertrat. Auf Anregung der Konstanzer Friedensinitiatve sei die Stadt schon 1986 dem Netzwerk "Mayors for Peace" (Bürgermeister für den Frieden) beigetreten, das auf die Abschaffung von Atomwaffen drängt. Inzwischen beteiligten sich weltweit 7700 Städte. 1982 war die Initiative vom Bürgermeister von Hiroshima gegründet worden.

Teilnehmer bilden ein Friedenszeichen

Begleitet von lautstarker Trommelmusik zogen die Demonstranten durch die Konstanzer Altstadt, den Stadtgarten und die Hafenpromenade nach Kreuzlingen. Kurz vor der Grenze formten die Teilnehmer ein Friedenszeichen. Auf deutscher Seite beteiligten sich nach Schätzungen der Polizei 700 Demonstranten, insgesamt waren es nach Einschätzung der Veranstalter rund 1000. In Kreuzlingen forderten Redner ein Verbot von Atomwaffen und das Ende der Finanzierung von Rüstungsfirmen durch Schweizer Banken.

Mitorganisator erzählt von seiner Familiengeschichte

Viele Demonstranten trugen Plakate mit Appellen wie: "Christen bauen keine Waffen", "Keine Waffenexporte in Krisenregionen", "Grenzen öffnen für Menschen, Grenzen schließen für Waffen". Ein kleiner Leiterwagen wurde zum Mahnmal. Helmut Luz aus Konstanz, der sich bei der Organisation des Friedenswegs engagiert, sagte, sein Großvater aus dem Schwarzwald habe den Wagen mit eigenen Händen gebaut. Luz habe diesen Großvater aber nie kennengelernt. Er sei im Ersten Weltkrieg gefallen, sein Vater sei ohne Vater aufgewachsen und er ohne Großvater. Sein anderer Opa sei 1946 an Folgen des Zweiten Weltkriegs gestorben.