Die Baubranche boomt. Auch am Bodensee. Wer beispielsweise von der Schütz GmbH, einem Dachdeckerbetrieb mit elf Beschäftigten in Konstanz, das Dach seines Hauses neu eindecken lassen will, muss mit einiger Wartezeit rechnen. Geschäftsführer Rüdiger Fischer spricht von einer hohen betrieblichen Auslastung. Der Dachdeckermeister, der auch Obermeister der Dachdeckerinnung für die Landkreise Konstanz, Waldshut und Schwarzwald-Baar ist, könnte sich also freuen. Wenn da nicht das eine Problem wäre. Den Dachdeckern gehen die Auszubildenden aus.

"Seit drei Jahren kriegen wir so gut wie keine Bewerbungen mehr", sagt Fischer. Und wenn es doch eine Bewerbung gebe, sei sie nicht akzeptabel. "Auf dem Dach muss man schon ein bisschen was rechnen können", erläutert der Meister. Und eine gute körperliche Verfassung sei auch vonnöten. Rüdiger Fischer hätte gerne zum neuen Ausbildungsjahr einen Lehrling eingestellt. Aber er findet keinen passenden. Und mit dieser Erfahrung steht die Schütz GmbH nicht allein. Von 24 Fachbetrieben im Innungsgebiet haben diesmal nur fünf ihre Ausbildungsplätze besetzen können.

Küche, Restaurant, Hotelfach

Auf der Suche nach Auszubildenden ist auch Gabriela Ganter. Die Inhaberin des Hotel Mohren auf der Insel Reichenau und Geschäftsführerin des Hotels 47° in Konstanz würde noch zwei bis drei Bewerber nehmen: Küche, Restaurant, Hotelfach. Doch auch in Hotellerie und Gastronomie ist es schwierig mit dem Berufsnachwuchs. "Wir arbeiten, wenn andere frei haben", sagt Ganter. Da müsse man ein Herz für die angebotenen Berufe haben. Doch dieses Herzblut lassen viele Jugendliche offenbar mehr und mehr vermissen. Die Abbrecherquote sei hoch, bedauert Ganter. "Das ist echt traurig."

Allein im Raum Singen 260 freie Ausbildungsplätze

Die hier geschilderten Eindrücke aus dem Bauhandwerk und dem Gastgewerbe spiegeln sich auch in den Bilanzen der Wirtschaftskammern und der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg zum Start des Ausbildungsjahrs am 1. September. Letztere meldet für das Agenturgebiet mit den Landkreisen Konstanz, Ravensburg und Bodenseekreis noch 1550 unbesetzte Ausbildungsstellen. Allein im Bereich Singen sind 260 Lehrstellen frei, in Konstanz sind es 180. Auf der anderen Seite suchen im Bereich der Arbeitsagentur 560 Jugendliche noch einen Ausbildungsplatz. Selbst wenn die Bewerber alle noch unterkommen sollten: Am Ende blieben knapp 1000 Lehrstellen frei. Rüdiger Fischer hat eine klare Vorstellung von den Folgen des Bewerbermangels: keine Lehrlinge, keine Fachkräfte, lautet die Rechnung. Im Dachdeckerhandwerk komme nur Personal auf den Markt, wenn ein Betrieb schließe, erläutert Fischer.

Weniger Verträge im Handwerk

Die Handwerkskammer Konstanz (HWK) meldet für ihren Bezirk nach zwei Jahren mit steigenden beziehungsweise stabilen Lehrlingszahlen zum diesjährigen Ausbildungsstart einen Rückgang bei den Lehrvertragsabschlüssen. 1520 neue Lehrlinge haben bis zum 31. August einen Vertrag abgeschlossen, das sind rund sieben Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Nach Berufsgruppen sortiert, ist das Minus im Bereich Bau und Ausbau (16,5 Prozent weniger) am größten. Im Vergleich der Landkreise im HWK-Gebiet blieben Konstanz und Waldshut um rund 11 Prozent hinter dem Vorjahresergebnis zurück, der Schwarzwald-Baar-Kreis um knapp 10 Prozent. In einer Mitteilung der HWK kommentiert Kammerpräsident Gotthard Rainer die Entwicklung so: "Wir müssen jetzt erst recht vorausdenken." Es gelte nun, neue Zielgruppen, beispielsweise Studienabbrecher, für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen.

IHK meldet Zuwachs

Unterdessen informiert die Industrie- und Handelskammer Hochrhein Bodensee über einen Zuwachs bei den Azubi-Zahlen. Zum aktuellen Ausbildungsjahr wurden 2586 neue Verträge eingetragen. Das ist ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 4,9 Prozent. Dennoch werde die Wirtschaft wohl nicht alle Ausbildungsplätze besetzen können. Bewerbermangel herrscht laut IHK in der Gastronomie, im Transportgewerbe und im Handel.