Kreis Konstanz Forscherblick auf die Flüchtlingshilfe

Kreis Konstanz: Was die Ethnologin Franziska Becker und ihre Studenten in der Flüchtlingshilfe entdeckt haben. Sozialausschuss fragt nach Familienclans.

Die Volkskundlerin Franziska Becker (Universität Konstanz) hat im Kreissozialausschuss die Ergebnisse eines zweijährigen Forschungsprojekts vorgestellt. Über vier Semester (2015 bis 2017) hatte die praktizierende Mediatorin mit Schwerpunkt "Großgruppenkonflikte im öffentlichen Raum" mit einem Team von Studierenden die Flüchtlingshilfe in vier Kommunen im Landkreis Konstanz erkundet. Nun präsentierte sie das Ergebnis und zeichnete dabei ein differenziertes Bild, in dem Kritik, gute Ratschläge, aber auch Lob gebündelt waren.

Ein besonderes Interesse richtete sich gemessen an den Reaktionen im Ausschuss auf die Aussagen zu Clanstrukturen beziehungsweise geschlossenen Familienverbünden in der Flüchtlingsszene. Solche Strukturen identifiziert das Forschungsprojekt in Singen unter Migranten aus Syrien und Afghanistan. Becker erläuterte, dass die großen Familienstrukturen den Menschen in den Heimatländern das Überleben sicherten. In Deutschland könnten solche Strukturen die Integration durchaus auch hemmen. Problematisch werde es, wenn in den Familien Druck auf einzelne Mitglieder ausgeübt werde, die sich für die Integration offen zeigten. Becker riet, in der Flüchtlingshilfe den Austausch mit jungen Migrantinnen zu stärken. "Wir müssen die Kinder und Jugendlichen erreichen", betonte der CDU-Kreisrat Andreas Hoffmann. "Wie kann man Parallelstrukturen entgegenwirken", fragte Wolfgang Zoll (Freie Wähler). Auskünfte über Zahl und Größe solcher Familienverbünde gab es aus dem Forschungsprojekt in der Sitzung nicht. Eine entsprechende Frage von Zahide Sarikas (SPD) blieb unbeantwortet.

Fachfrauen in Sachen Integration: die Ethnologin Franziska Becker (links), die im Sozialausschuss über Erkundungen in der Flüchtlingshilfe referierte, im Gespräch mit Monika Brumm, der stellvertretenden Leiterin des Amts für Migration und Integration. <em>Bild: Franz Domgörgen</em>
Fachfrauen in Sachen Integration: die Ethnologin Franziska Becker (links), die im Sozialausschuss über Erkundungen in der Flüchtlingshilfe referierte, im Gespräch mit Monika Brumm, der stellvertretenden Leiterin des Amts für Migration und Integration. Bild: Franz Domgörgen

Die Leiterin des Forschungsprojekts, die in Berlin und Konstanz arbeitet, gab auch Empfehlungen zur Wohnsituation der Geflüchteten. "Die Menschen brauchen Privatsphäre", so Becker. Gemeinschaftsunterkünfte sollten sozialdurchlässig sein. Man müsse Nachbarschaftskontakte fördern und bei der Belegung die Bildung ethnischer Kolonien vermeiden. Die Untersuchung attestiert zugleich hohen Bedarf in der Nachbetreuung, wenn die Menschen aus der Gemeinschaftsunterkunft ausgezogen sind. Viele Migranten seien überfordert und kämpften mit Sprachschwierigkeiten. Mit Blick auf das Thema Islam und Integration sieht Becker eine Hauptaufgabe darin, die Belange der muslimischen Mitbürger zu berücksichtigen. Junge, gebildete Muslime sollten in die Integrationsarbeit eingebunden werden. Die Erkundung identifiziert sechs muslimische Organisationen in Singen.

Die ehrenamtlichen Helfer sieht das Forschungsprojekt als wichtige Integrationsinstanz für die Flüchtlinge, auch wenn die Zahl der Ehrenamtlichen vielerorts zurückgegangen sei. Becker empfahl, die Anerkennung für die Arbeit der Helferkreise sichtbar zu machen und Dinge nicht nur von oben zu organisieren. Darüber hinaus empfahl die Wissenschaftlerin mehr positive Sichtweise. Man müsse den Blick auf das richten, was schon geleist wurde. "Das spiegelt sich in der Zufriedenheit vieler Flüchtlinge wider", so Becker.

Der Appell

Renate Massmann (Konstanz, Save me e. V.) ), die Sprecherin der Helferkreise in der Flüchtlingshilfe, hat im Sozialausschuss weitere Anstrengungen in der Integrationsarbeit gefordert. Aus Sicht von Massmann sind mehr professionelle Deutschkurse für Migranten notwendig. Zudem sollten jungen Geflüchteten die Kosten für Fahrten zu Ausbildungsplatz und Schule erstattet werden. Massmann empfahl außerdem ein landkreisweites Projekt zur Akquise von Wohnraum.

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