Für Archäologen ist eines der merkwürdigsten Rätsel des Bodensees. Warum um alles in der Welt haben Menschen es vor sehr, sehr langer Zeit für eine gute Idee gehalten, unter immensem Aufwand riesige Steine ins Wasser zu schmeißen? 300 Meter vor dem Schweizer Seeufer zwischen Bottighofen und Romanshorn gibt es auf dem Seegrund das, was viele auch "Stonehenge im Bodensee" nennen: eine rätselhafte steinerne Hügelkette. 20 mal 15 Meter Durchmesser haben die Haufen. Ein bis zwei Meter ragen sie aus dem dort auf dem fünf bis acht Meter tiefen Seegrund in die Höhe. Auf einer Länge von etwa 20 Kilometern gibt es mehr als 100 von ihnen, in regelmäßigen Abständen wie auf einer Perlenkette aufgereiht. Das Thurgauer Amt für Archäologie will nun ein zweites Mal Taucher ins Wasser schicken, die die Hügel weiter untersuchen sollen. Und es will bohren: Tiefenbohrungen unter den Hügeln sollen wichtige Erkenntnisse liefern, ob diese von Menschenhand gemacht sind oder ob sie Gletscheraufschüttungen aus der Eiszeit sind.

Denn auch diese Theorie gibt es unter Forschern, speziell unter Geologen: Gegen Ende der Eizeit zog sich der Rheingletscher schrittweise aus dem hiesigen Gebiet zurück – und dabei könnte er regelmäßige Stein-aufschüttungen hinterlassen haben. Dagegen argumentieren die Verfechter der These, dass Menschen die Hügel aufschütteten, so: Warum sind die Steine dann alle ähnlich groß, so dass sie wie handverlesen wirken? Und warum stehen die Haufen in derart regelmäßigen Abständen?

Nun sollen Bohrungen auf dem Seegrund weiterhelfen. "Wir möchten untersuchen, worauf die Hügel genau liegen", sagt der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem. Dabei geht es um die Frage, ob die Steine auf der meterdicken Schicht von Sediment liegen, die sich in den vergangenen tausendenden von Jahren auf dem Seegrund abgelagert hat. Das würde darauf hindeuten, dass Menschen für die Entstehung der Steinhügel verantwortlich sind, sprich, dass sie Steine auf die Sedimente warfen. Falls sich die Steine aber direkt vom felsigen Untergrund unter dem Sediment her auftürmen, dürften sie natürlich entstanden sein, etwas durch Gletscherbewegungen. Der sichtbare Teil der Hügel würde dann wie die Spitze eines Eisbergs aus den Ablagerungen ragen. Es müsste davon ausgegangen werden, dass sie beim Rückzug der Gletscher am Ende der letzten Eiszeit entstanden sind. "Dieser Ansicht sind einige Geologen, wie Rückmeldungen gezeigt haben", sagt Brem.

Der ungefähre Verlauf der rätselhaften Hügelkette im Bodensee. Rund 100 Steinhaufen gibt es dort. Quelle: Maps4news/Amt für Archäologie Thurgau; SÜDKURIER-Grafik: Bernhardt
Der ungefähre Verlauf der rätselhaften Hügelkette im Bodensee. Rund 100 Steinhaufen gibt es dort. Quelle: Maps4news/Amt für Archäologie Thurgau; SÜDKURIER-Grafik: Bernhardt

Zum Beispiel der Berner Zoologe, Botaniker und Gletscherforscher Gerhart Wagner. Für ihn bestehe kein Zweifel, dass es sich beim Stonehenge vom Bodensee um sogenannte Moränenhügel handelt. Wie auf Förderbändern hätten die Rheingletscher der letzten Eiszeit auf Moränensträngen Gesteinsmaterial mitgeschoben. Als sich die Gletscher vor rund 15'000 Jahren zurückzogen, geschah dies mit Stillständen. Die Fliessbewegung des Gletschers, der Gestein vorwärts schob, blieb jedoch. Dadurch sei es bei jedem Stillstand des Schmelzprozesses am Gletscherende zu einer Aufschüttung von Steinen gekommen.

Mit solchen Bohrungen versprechen sich Wissenschaftler auch neue Erkenntnisse zum Schichtaufbau des Seegrunds. Darüber sei noch sehr wenig bekannt, sagt Brem. Sein Amt kann sich die Untersuchung leisten. Erst kürzlich ist es durch ein Erbe mit mehr als drei Millionen Franken begünstigt worden.

Wann die Bohrungen auf dem Seegrund starten, kann Brem noch nicht sagen. Ein entsprechender Auftrag müsse erst noch ausgeschrieben werden. Außerdem "sind wir noch nicht ganz sicher, wie wir methodisch vorgehen können", sagt Simone Benguerel, Archäologin beim Thurgauer Amt für Archäologie. Derartige Tiefenbohrungen in acht Meter tiefem Wasser sind alles andere als alltäglich. Hinzu kommt, dass die Steinhügel längst nicht das einzige Faszinosum im See sind, das untersucht werden will. Auch die Thurgauer Pfahlbau-Stellen sollen weiter erforscht werden. "Und die haben Priorität, weil sie von Erosionen tangiert sind", sagt Benguerel.

Doch noch in diesem Jahr sollen Taucher sich die Hügel noch einmal genauer ansehen. Wann, ist noch nicht klar, auf jeden Fall soll es vor oder nach der Sommersaison geschehen. In der warmen Jahreszeit sei auf dem See zu viel los, sagt Benguerel.

2015 hatten Geologen des deutschen Instituts für Seenforschung in Langenargen mit neuen Messtechniken die Hügel entdeckt. Taucher fanden in den Hügeln drei Hölzer. Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich konnten zwei davon der Zeit der Pfahlbauer zuordnen. Ob diese aber tatsächlich etwas mit der Entstehung dieser Steinhügel zu tun hatten, ist ungewiss. Das dritte Gehölz stammt nämlich aus dem 19. Jahrhundert.

Eine weitere Theorie besagt, dass die Hügel Treidelhilfen waren: Es könnten dort Seile befestigt gewesen sein, mit Hilfe derer Schiffsbesatzungen ihre Schiffe bei ungünstiger Strömung voranzogen (sogenanntes Treideln). Andere sagen, dass Schiffe Ballast – nämlich Steine – abgeworfen haben könnten.

 

Stonehenge

Die Bezeichnung "Stonehenge im Bodensee", mit der viele das Steinhügel-Phänomen vor dem Schweizer Ufer bezeichnen, ist eine Anspielung auf ein imposantes und rätselhaftes Gebilde im Süden Englands: Dort errichteten Menschen in der Jungsteinzeit ein mächtiges Bauwerk aus großen Steinen. Manche Forscher sehen darin eine Begräbnisstätte, andere eine Tempelanlage, wiederum andere einen Kult- und Versammlungsplatz. Für viele Archäologen scheiden all diese Zwecke für das Bodensee-Phänomen aus, denn das Gebiet liege seit mindestens etwa 10 000 Jahren unter Wasser. Seit wann genau, ist allerdings noch unklar. (ebr)