Ufermauern und die Kurs-Schifffahrt am Bodensee tragen zum Abbau des Bodens in den ökologisch besonders wertvollen Flachwasserzonen bei, dies zeigen Ergebnisse des groß angelegten Forschungsprojekts "HyMoBio Strategie". Die Umlagerung des Bodenmaterials birgt Gefahren für die Tier- und Pflanzenwelt, aber auch für die stein- und bronzezeitlichen Siedlungsreste unter Wasser, die als UNESCO-Welterbe eingestuft sind. Denn auch Schutz-Aufschüttungen an den Unterwasserdenkmälern sind nach Erkenntnissen der Wissenschaftler von den Erosionsprozessen betroffen.

Berufsschifffahrt unter die Lupe nehmen

Projektleiter Hilmar Hofmann, Spezialist für Umweltphysik am Limnologischen Institut der Universität Konstanz, regt unter anderem an, den Rahmen für die Berufsschifffahrt nochmals unter die Lupe zu nehmen, und außerhalb des städtischen Raums mehr Uferabschnitte wieder der Natur zurückzugeben, dort also keine Wege zuzulassen. "Mit dem Uferweg beginnt die Nutzung der Wasserwechselzone." Die Flachwasserzonen haben eine besondere ökologische Bedeutung: Sie sind Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten. Hier haben Fische ihren Raum zum Laichen und Wasservögel den zum Brüten.

Messungen mit modernster Technik

Für die Forschung am Seeufer kamen auch künstliche Steine mit Magnetherzen zum Einsatz. Mit ihnen lässt sich jede Positionsänderung erfassen. Die Studierenden Ramona Rogg (von links), Jens Armbruster und Christin Schmitt zeigen die Steine. Bild: Claudia Rindt
Für die Forschung am Seeufer kamen auch künstliche Steine mit Magnetherzen zum Einsatz. Mit ihnen lässt sich jede Positionsänderung erfassen. Die Studierenden Ramona Rogg (von links), Jens Armbruster und Christin Schmitt zeigen die Steine. | Bild: Rindt Claudia

Die Ergebnisse des auf 3,5 Jahre angelegten Forschungsprojekts, welches das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,2 Millionen gefördert hatte, stellten Wissenschaftler auf einer Tagung in Hegne vor. Sie zeigten auch, wie sie mit Hilfe neuer Techniken die Bodenbewegungen in den Flachwasserzonen systematisch untersucht hatten. Unter anderem kam der HydoCrawler zum Einsatz, eine neu entwickelte solarbetriebene, autonome Messplattform, die die Bodenstruktur der Flachwasserzone und Veränderungen dort erfasste. Um herauszufinden, wie sich Feststoffe aus dem Flachwasserboden bewegen, setzten die Wissenschaftler auch künstliche Steine ein, die mit Magnetkernen versehen waren. Mit deren Hilfe konnten Lageveränderungen gemessen werden. Aus dem Projekt ist ein 80-seitiger Empfehlungskatalog für Politik und Verwaltung zu einem nachhaltigeren Umgang mit den Uferzonen entstanden. Die Forscher regen etwa die Etablierung neuer Prognosemodelle und Beurteilungsverfahren für den ökologischen Zustand eines Uferabschnitts an. Bisher gebe es dazu ganz unterschiedliche Systeme, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, sagt Hofmann.

Katamaran hinterlässt seine Spuren

Nicht nur die Frage, ob das Ufer bebaut ist, sondern auch wie, spielt eine Rolle, wie Hofmann darlegt. Die Bauart einer Hafenanlage kann die Erosion in der Flachwasserzone beschleunigen, dies habe sich in Unteruhldingen gezeigt. Im Hafen von Kressbronn wiederum sei mit Hilfe der Wissenschaftler eine Schutzwand so gebaut worden, dass sie die Wucht des Wellenrückwurfs dämpft. Wie groß das Problem der Mauern am Seeufer ist, zeigen Zahlen des Biologen Wolfgang Ostendorp. Demnach ist mit 48,5 Prozent fast die Hälfte des Seeufers (132 Kilometer) mit Mauern verbaut. An verbauten und schlecht renaturierten Flachwasserzonen fehle der Strandrasen und tummelten sich nur selten Blaualgen, das legte Klaus van de Weyer vom Beratungsbüro Ianaplan während der Hegner Tagung dar. Er sagte weiter: Flora und Fauna am Ufer benötigten "Raum, Raum, Raum. Das ist durch nichts zu ersetzen." Auch die Wellen der Kurs-Schifffahrt tragen zur Erosion bei, dies zeigten Studien im Projekt.

Die größten Probleme mit der Umlagerung von Bodenmaterial seien an Anlegestellen zu erkennen. Aus Sicht des Wissenschaftlers Hofmann wäre es möglich, die Welleneffekte durch Passagierschiffe zu verringern. Sie sollten sich mit möglichst großem Abstand zum Ufer bewegen, Anlegemanöver verändern sowie günstigere Rumpfformen haben. Auch die Fahrgeschwindigkeit spiele eine Rolle. Der Katamaran, so sagt Hofmann, hinterlasse das ganze Jahr seine Spuren. Denn dieser sei auch im Winter unterwegs, wenn die Schiffe der Weißen Flotte Pause haben. In den betroffenen Abschnitten werde das Bodenmaterial stetig aufgewirbelt, und könne sich nicht verfestigen. Der nächste Sturm schwemme es dann weg.

Gefahr für Arten und Pfahlbaufunde

  • Das Projekt: Es hat einen so komplizierten und langen Titel, dass immer nur die Abkürzung HyMoBio-Strategie genannt wird. Unter dem Strich ging es darum, herauszufinden, wie sich Uferzonen verändern, welche Ursachen dahinter stehen, und was sich dagegen machen lässt. Ziel sind verbesserte Strategien zum Schutz der Flachwasserzonen.
  • Der Rahmen: Die HyMoBio-Strategie gehörte zu 15 Pilotprojekten, die vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft im Rahmen der Initiative "Regionales Wasserresourcen-Management für den nachhaltigen Gewässerschutz Deutschland" gefördert wurden. Der Leiter der HyMoBio-Strategie, Hilmar Hofmann, ist Wissenschaftler am Limnologischen Institut der Universität Konstanz, es waren aber auch viele andere Forschungseinrichtungen beteiligt, unter anderem das Fraunhofer-Institut.
  • Die Gefahren der Erosion: Die Artenvielfalt in den Flachwasserzonen nimmt ab. An den prähistorischen Pfahlbausiedlungen droht der Erdschicht die Zerstörung, in der die Hinterlassenschaften der Bewohner aus der Stein- und Bronzezeit stecken. Aus den Siedlungsabfällen lässt sich lesen, wie die Menschen damals gelebt haben. Die Archäologen sprechen deshalb von Kulturschicht. Sie zeigt, dass am Südufer des Überlinger Sees zwischen 9000 bis 5300 vor Christus jägerische Gemeinschaften siedelten.