Seit geraumer Zeit laufen Kritiker Sturm gegen die Überlegung, auf Konstanzer Seite des Überlinger Sees, am Teufelstisch vor Wallhausen, könnte im Freiwasser des Bodensees eine Pilotanlage für die Felchenzucht installiert werden. Der Vorschlag für die Standortwahl resultiert aus einer Untersuchung der baden-württembergischen Fischereiforschungsstelle in Langenargen, die bereits seit 2016 vorliegt. Eine aktuelle Positionsbestimmung der Verfechter der Aquakultur-Pläne zeigt indes, dass die Standortwahl offen ist.

Gutachten erforderlich

"Wir sind noch nicht so weit", sagte Alexander Keßler bei einem Gesprächsabend zum Thema Aquakulturen auf der Reichenau. Die Standortfrage sei völlig offen, versicherte der stellvertretende Vorsitzende der Genossenschaft Regio Bodensee Fisch (Meersburg), die das Projekt vorantreibt.

In der Untersuchung der Fischereiforschungsanstalt sei es um die rein technische Machbarkeit gegangen, stellte Keßler gegenüber dieser Zeitung klar. "Nun müssen wir das vollumfänglich prüfen und entscheiden, ob wir den nächsten Schritt gehen", so Keßler. Die Genossenschaft will für 20 000 Euro ein Gutachten in Auftrag geben. Die Mitgliederversammlung soll sich am heutigen Freitag mit dem Thema beschäftigen.

"Netzkäfige sind möglich"

Vorstandsmitglied Keßler stellte am Mittwochabend die Pläne der Regio Bodensee Fisch bei einem Podiumsgespräch auf Einladung des Konstanzer Kreisverbands der Freien Wähler vor. Dabei verspricht die Genossenschaft: keine fremden Felchenarten, keine gentechnisch modifizierten Organismen, keine Belastung für den Bodensee, keine Trinkwassergefährdung und keine intensive Massentierhaltung.

"Netzkäfige sind möglich", zeigte sich der Genossenschaftsvertreter überzeugt. Die Befürworter der Felchenzucht im Bodensee sehen ihr Projekt als gute Alternative, die Region mit dem Fisch zu versorgen, der den Berufsfischern als Wildfisch immer seltener ins Netz geht. Es könne nicht sein, dass Felchen von überall her an den Bodensee importiert würden, egal wie sie produziert seien.

Kritik an Massentierhaltung

Im Reichenauer Haus der Begegnung erntete Keßler reichlich Kritik. Auf die einleitende Frage von Moderator Stefan Schmutz gestand Podiumsteilnehmer Thomas Lang: "Meine Skepsis ist gewachsen." Der Vizepräsident des Landesfischerverbands (und Vorstandsmitglied des Konstanzer Angelsportvereins) hielt mit Blick auf den geplanten Fischbesatz in den Freigehegen fest: "Das ist für mich Massentierhaltung."

Ein Problem ist für ihn zum Beispiel der Fischfuttereintrag in den See. Die starke Strömung streue das Futter in einem größeren Radius. Lang befürchtet auch, dass über das Zuchtvorhaben Fischparasiten ins Freiwasser gelangen. Und er verwies auf Erfahrungen im Ausland: In Finnland würden keine neuen Netzkäfige genehmigt. Lang warnte: "Wir wollen einen Versuch machen im größten Biotop, das wir haben. Wenn wir da was reinkriegen, bekommen wir es nie wieder raus."

Ganz und gar nicht einer Meinung über Felchenzucht im Bodensee: Gegner Thomas Lang, Vizepräsident des Landesfischereiverbands (l.), Befürworter Alexander Keßler, zweiter Vorsitzender der Genossenschaft Regio Bodensee Fisch (r.); hier mit Heidrun Horn, Vorstandsmitglied des Kreisverbands der Freien Wähler, der die Diskussion veranstaltete. Bild: fdo
Ganz und gar nicht einer Meinung über Felchenzucht im Bodensee: Gegner Thomas Lang, Vizepräsident des Landesfischereiverbands (l.), Befürworter Alexander Keßler, zweiter Vorsitzender der Genossenschaft Regio Bodensee Fisch (r.); hier mit Heidrun Horn, Vorstandsmitglied des Kreisverbands der Freien Wähler, der die Diskussion veranstaltete. | Bild: Franz Domgörgen

Landesregierung soll handeln

Elke Dilger, Vorsitzende der Badischen Berufsfischer, stellte klar, dass mindestens 90 Prozent der Fischer die Felchenzucht im Bodensee ablehnen. "Ich fordere die Landesregierung auf, die Forschung dahin zu lenken, wie der See wieder Fisch natürlich produzieren kann", so Dilger. Der Konstanzer Kreisrat Georg Geiger zeigte politische Positionen auf: Der Kreistag wie auch der Konstanzer Gemeinderat haben sich in Resolutionen gegen Netzgehege im See ausgesprochen.

Die Konstanzer BUND-Geschäftsführerin Antje Boll verwies auf das geltende Verbot der Aquakulturen im Bodensee, verankert in der Richtlinie der Internationalen Gewässerkommission für den Bodensee. Und sie freute sich: "Umweltverbände ziehen mit Berufsfischern an einem Strang." Der Hinweis auf das Verbot von Netzgehegen veranlasste einen Besucher zur Anmerkung: "Wenn's verboten ist, warum regen wir uns dann auf?"

Gastronom gibt Rückendeckung

Ganz ohne Zuspruch blieb Fischgenossenschafter Keßler dennoch nicht. Eines der positiven Signale kam vom Konstanzer Gastronomen und Kommunalpolitiker Manfred Hölzl. "Die Gastronomie braucht den Fisch", so Hölzl. Die Option auf ein Freiwassergehege solle offen gehalten werden. Im Konstanzer Gemeinderat hatte der Pächter der Konzilgaststätten zuletzt als einziges Ratsmitglied eine Resolution gegen Netzgehege im See abgelehnt.

Am Ende machten sich die Kontrahenten Lang und Keßler mit einem kleinen Geschenk der Veranstalter auf den Heimweg. Auf einen Fisch habe man bewusst verzichtet, merkte Matthias Mende, der Kreisvorsitzende der Freien Wähler an.