Die Fischereigenossenschaft Regio-Bodenseefisch will noch vor den Sommerferien einen Antrag auf Genehmigung einer Felchenzucht in Netzgehegen im Bodensee stellen. Das sagte gestern Genossenschaftsvorsitzender Martin Meichle auf Anfrage. Eine norwegische Spezialfirma erarbeite Pläne, die hoffentlich bis Juli vorlägen. Die Genossenschaft plant im See vor Wallhausen und Dingelsdorf zwölf Gehege von jeweils 20 Metern Durchmesser und 40 Metern Tiefe. Das ganze soll als Versuchsprojekt angelegt werden, so Meichle: Wissenschaftler sollen begleitend untersuchen, ob die Gehege dem See ökologisch schaden.

Zur eh schon breiten Front der Gegner von Felchenzucht in Netzgehegen gesellt sich nun auch der Internationale Motorbootverband. Er positionierte sich bei einer Delegiertenversammlung auf der Insel Reichenau gegen die Netzgehege. Er vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von rund 3600 Bootsfahrern. Im "hochsensiblen Trinkwasserspeicher Bodensee" gebe es keinen Platz für solch "riesige Netzzylinder", heißt es in einer Presseerklärung des Verbandes. Zudem bedeuteten Aquakulturen weitere Absperrungen zulasten von Booten aller Art. Und was sei mit den Ausscheidungen der Tiere, die auf engem Raum konzentriert würden? Die Konstanzer Kreistagsfraktion der Grünen meint in einem offenen Brief: Die großen Mengen an Futter und Kot auf kleinem Raum "führen zu einer Verschlechterung der Gewässerqualität". Experten warnten vor Krankheiten und davor, dass die Felchen ihren Status als reiner Wildfisch verlieren könnten. "Nicht absehbar ist auch eine mögliche Verbreitung von Krankheitserregern." Der Bodensee als Trinkwasserspeicher für Millionen Menschen "eignet sich definitiv nicht für Experimente mit ungewissem Ausgang". Die beabsichtigte "kurze Entfernung zum Fassungsbereich der Bodenseewasserversorgung ist unverantwortlich." Die Genossenschaft wolle die Genehmigung "unter dem Deckmäntelchen eines auf zwei Jahre angelegten Pilotprojekts" erhalten.

Das Institut für Seenforschung Langenargen und der Fischgesundheitsdienst Aulendorf würden das Projekt begleiten, also "unabhängige Stellen des Landes", entgegnet Meichle. Würden schädliche Effekte auf die Umwelt festgestellt, "dann ist das Thema gestorben", verspricht er, das Netzgehege-Projekt in diesem Fall einzustampfen. "Das ist jetzt unser wirtschaftliches Risiko." Man wolle die Fische impfen – so wie bei einer Anlage in Finnland, mit der man sich befasst habe und die ohne Medikamente auskomme. Eine Genehmigung würde auch ein Medikamenten-Verbot enthalten, ist sich Meichle sicher. Er schätze, dass Gehege und Absperrungen rund 8000 Quadratmeter einnähmen: "Das sind zwei Fußballfelder." Das schränke Bootsfahrer nicht nennenswert ein.

 

Felchenzucht

  • Blauflechen: Der Bodenseeblaufelchen lebt, wächst und gedeiht nur in ganz wenigen Gewässern in Europa, das macht ihn zur Besonderheit am Bodensee. Es wurde in den 90er Jahren versucht, ihn in den bayrischen Seen anzusiedeln, dies ist aber nicht gelungen. Der Bodenseeblaufelchen besitzt muskulöses Fleisch, weil er ein ausgiebiger Schwimmer ist aber er ist auch ein sehr empfindlicher Fisch und kann somit nicht gezüchtet werden. Das macht ihn so besonders sowie einzigartig und bietet der Region und dem Tourismus am See ein Alleinstellungsmerkmal.
  • Argumente der Gegner: In den angedachten Netzgehegen sollen Sandfelchen gezüchtet werden, die es auch in anderen Gewässern gibt. Kritiker der Netzgehege sprechen von Massentierhaltung und befürchten negative ökologische Auswirkungen durch Einträge von Futtermitteln, Pestiziden, Antibiotika sowie Fischkot. Viele Berufsfischer sehen durch die Netzgehege ihren Berufsstand, die Gewässerreinheit sowie den Wildfischbestand in Gefahr, aber auch eine Störung des Landschaftsbilds und der Freizeitnutzung des Sees. Die Ausübung des Wassersports sowie der Angel- und Berufsfischerei werde durch Netzgehege und deren Sperrzonen rund um die Käfige beeinträchtigt.