Das Telefon klingelt bei einer älteren Person. Am anderen Ende ist ein Mann, der sich als Polizeibeamter ausgibt und vor einer Einbrecherbande warnt, die in der Gegend der angerufenen Person auf Beutezug sei. Sie solle doch schnell Geld und Wertgegenstände einem Kollegen geben, der es in Sicherheit bringe. Jüngeren Menschen dürfte es schwer fallen zu glauben, dass man mit dieser Masche Erfolg haben könnte. Aber sie funktioniert offenbar. "Auf über zwei Millionen Euro ist die Schadenssumme bei Betrug im Phänomenbereich Falscher Polizeibeamter angestiegen", erläuterte Thomas Föhr, Leiter der Kriminalpolizeidirektion im Polizeipräsidium Konstanz, bei der Vorstellung der Kriminalstatistik 2018. In einem Fall sollen die Betrüger sogar Geld und Wertgegenstände im Wert von einer Million Euro erbeutet haben.

Die Masche der Täter

Gerold Sigg, Polizeivizepräsident und kommissarischer Leiter des Präsidiums, sprach von einer ganz perfiden Masche. Sie verursache bei den meist älteren Opfern nicht nur materielle Schäden, sondern könne auch posttraumatische Belastungsstörungen verursachen. Und das Grundvertrauen in die Polizei werde massiv erschüttert. Nicht verwunderlich bei einem Anstieg der gemeldeten Fälle von 72 im Jahr 2017 auf 1488 im Gesamtbereich des Polizeipräsidiums. Bis zur Neustrukturierung 2020 umfasst er die Landkreise Konstanz, Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen. Allerdings hatten in 1454 Fällen die Täter keinen Erfolg. Von den erfolgreichen Taten seien 38 Prozent aufgeklärt worden.

"Auf über zwei Millionen Euro ist die Schadenssumme bei Betrug im Phänomenbereich Falscher Polizeibeamter angestiegen."Thomas Föhr, Kriminaldirektor
"Auf über zwei Millionen Euro ist die Schadenssumme bei Betrug im Phänomenbereich Falscher Polizeibeamter angestiegen." Thomas Föhr, Kriminaldirektor | Bild: Buchholz, Michael

Mittlerweile werde sogar die Polizei für solche Beutezüge missbraucht, erläuterte Thomas Föhr. Demnach melden die Betrüger selbst einen vermeintlichen Einbruch. Wenn dann eine Polizeistreife durch das angegebene Gebiet fahre, sähen das viele Anwohner. Und bei manch einem klingele wenig später das Telefon – es meldet sich ein vermeintlicher Polizeibeamter.

Wohlhabende Ruheständler locken Betrüger an

Bemerkenswert ist die Häufigkeit solcher Fälle am deutschen Bodensee. Wurden im Jahr 2018 landesweit 7777 Fälle gemeldet (2017: 2338), waren es allein im Bereich des Polizeipräsidiums Konstanz 1488 (72). Thomas Föhr hat eine einfache Erklärung: "Wir leben in einem schönen Speckgürtel. Viele wohlhabende Menschen nehmen hier ihren Altersruhesitz." Und im Telefonbuch sei ihr Alter oft gut an den Vornamen zu erraten. In Österreich und der Schweiz sei das Phänomen "Falscher Polizist" jedoch kaum vorhanden. Auch hier gebe es einen einfachen Grund: "In den Callcentern im Ausland sitzen Menschen, die ausgezeichnet Deutsch sprechen. Vor Ort holen Mittelsmänner die Beute ab. Da die Anrufer aber meist weder den österreichischen noch Schweizer Dialekt beherrschen, schöpfen die dort Angerufenen viel eher Verdacht."

Als Gegenmaßnahme empfehlen Sigg und Föhr intensive Gespräche im Familienkreis über diese Masche. Die Polizei selbst hat eine Ermittlungsgruppe Callcenter eingerichtet und werde ihre Aufklärungsarbeit fortsetzen. Dazu gehört laut Gerold Sigg auch die sogenannte Bäckertütenaktion im Landkreis Ravensburg. Dort stehen die Warnhinweise auf besagten Tüten.

"Spürbar unter dem Niveau der beiden Vorjahre liegen die Fallzahlen beim Wohnungseinbruchsdiebstahl."Gerold Sigg, Polizeivizepräsident
"Spürbar unter dem Niveau der beiden Vorjahre liegen die Fallzahlen beim Wohnungseinbruchsdiebstahl." Gerold Sigg, Polizeivizepräsident | Bild: Buchholz, Michael

Eine positive Tendenz vermelden Sigg und Föhr bei einem anderen Bereich. "Spürbar unter dem Niveau der beiden Vorjahre und mithin signifikant unter dem Zehnjahresmittelwert liegen die Fallzahlen beim Wohnungseinbruchsdiebstahl", erläutert Gerold Sigg. Zwar hätte die Zahl der Einbruchsversuche leicht zugenommen, doch in 209 Fällen (51,4 Prozent) sei es beim Versuch geblieben. Verbesserter Einbruchschutz und eine allgemein hohe Sensibilisierung sowie intensive und vernetzte Bekämpfungsmaßnahmen trügen hier laut Gerold Sigg Früchte.

Mehr Anzeigen zu Sexualdelikten nach Gesetzesänderung

Nicht immer muss eine Statistik das gesellschaftliche Geschehen präzise widerspiegeln. Beispielsweise bei den Sexualdelikten. Präsidiumsweit sind die angezeigten Fälle von 105 (2017) auf 632 angestiegen. Allerdings sei die Zahl der schweren Fälle wie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung von 78 auf 60 Delikte zurückgegangen. Ein Grund der starken Zunahme in der Statistik liege in einer Änderung im Strafgesetzbuch im November 2016. Seither sei die Zahl der "Beleidigung auf sexueller Grundlage" zurückgegangen. Dafür sei die Zahl der Delikte im Bereich "Straftaten mit Gewalt/Abhängigkeit/Belästigung" und damit bei den Sexualdelikten insgesamt angestiegen.

Gerold Sigg sieht eine Änderung im Anzeigeverhalten bei sexuellen Übergriffen. Daran lasse sich erahnen, was sich in der Gesellschaft abspiele: "Das Dunkelfeld wird zum Hellfeld." Dies deutet nach seiner Einschätzung auf eine Zunahme der Straftaten hin.

Aufklärungsquote sinkt wegen falscher Polizisten

Die Aufklärungsquote muss nach Einschätzung von Sigg und Föhr differenziert betrachtet werden. Sie ist präsidiumsweit von 64,9 auf 62,4 Prozent gesunken. Hier mache sich laut Gerold Sigg der gewaltige Anstieg der Anrufe von falschen Polizisten bemerkbar. Hinzu komme eine Einbruchsserie mit 30 Straftaten, die Ende des vergangenen Jahres geklärt worden sei. Die Aufarbeitung habe sich aber ins neue Jahr hingezogen. Trotz einiger besorgniserregender Tendenzen, wie bei den falschen Polizisten, betonen Gerold Sigg und Thomas Föhr, dass es sich in der Region sicher leben lässt.

Einflüsse auf das Sicherheitsgefühl

  • Straßenkriminalität: Das Sicherheitsgefühl der Menschen wird entscheidend von Wahrnehmungen im Umfeld beeinflusst. Dies ist die Erfahrung der Polizei. Deshalb gibt es den Sammelbegriff der Straßenkriminalität. Damit sind keine speziellen Delikte oder eine Bewertung der Schwere der Tat gemeint, sondern der Tatort in der Öffentlichkeit. Die Delikte reichen nach Ausführungen von Polizeivizepräsident Gerold Sigg vom einfachen Autokratzer über Schlägereien und Vergewaltigungen bis gegebenenfalls hin zu Mord und Totschlag. Bei der Straßenkriminalität spielt die Gruppe der bis zu 21-Jährigen eine große Rolle, da vor allem junge Menschen im öffentlichen Raum aktiv seien. Präsidiumsweit ist laut der Kriminalitätsstatistik hier die Zahl der Tatverdächtigen um sechs Prozent gegenüber 2017 zurückgegangen.
  • Ausländerrecht: Bei der Kriminalitätsstatistik werden die sogenannten Vergehen gegen das Ausländerrecht herausgerechnet. Grund ist, dass es sich dabei um Vergehen handelt, die nur von Ausländern begangen werden können. Beispielsweise sind dies fehlende Ausweispapiere bei der Einreise oder illegaler Aufenthalt. Begeht ein Ausländer in Deutschland eine Straftat, wird diese der entsprechenden Kategorie zugeordnet. Das kann nach Darstellung von Gerold Sigg der Schwede, der während der Durchreise nach Italien seine Tankrechnung nicht bezahlt, genauso sein wie ein Ausländer, der einen Mord begeht. (bub)