Launig solle eine Laudatio sein, gleichwohl solle die Lebensleistung des Geehrten gewürdigt werden, ohne dass sie wie ein Nachruf klinge, sagte der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Marian Schreier. Trotz immer wieder aufblitzenden Humors war die Heckerhut-Verleihung des SPD-Kreisverbandes im Speichersaal des Konzils aber keine Spaßveranstaltung. Mit dem ehemaligen Präsidenten und Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, wurde diesmal ein bekannter Sozialdemokrat in den Mittelpunkt gerückt, der den politischen Diskurs in Deutschland mit geprägt hat. Thierse (75) hielt ein Plädoyer für den Erhalt der in Gefahr geratenen Demokratie und des damit verbundenen Wertefundaments. Mit der Heckerhut-Verleihung ehrt die Kreis-SPD verdiente Demokraten.

Ein Motor des demokratischen Aufbruchs

Nicht nur der Vollbart sei eine Parallele zwischen Hecker und Thierse. Auch Thierse habe sich damals in der DDR nicht regimekonform verhalten und Entscheidungen getroffen, die berufliche Konsequenzen nach sich zogen, stellte Marian Schreier fest. Im wiedervereinten Deutschland habe der Geehrte "an zentraler Stelle am demokratischen Aufbruch mitgewirkt" und sei stets ein "Verfechter der parlamentarischen Demokratie" und ein "Mahner vor zu viel Bequemlichkeit" gewesen. "Dafür kämpft er mit Leidenschaft und Vehemenz", so Schreier, und zwar bis heute, wie Wolfgang Thierse mit seiner Rede über die Herausforderungen der Demokratie eindrucksvoll bewies.

Viele Gründe für Ängste und Unsicherheit

"Wir leben in einem wirtschaftlich erfolgreichen, wohlhabenden Land, in einem verlässlichen Rechtsstaat und einem einigermaßen funktionierenden Sozialstaat", sagte Wolfgang Thierse. Dennoch stecke Deutschland in einer Krise, geprägt von Vertrauens- und Werteverlust, welche sich die Rechtspopulisten zunutze machten. Es gebe viele Gründe für die Ängste und die Unsicherheiten der Bürger. Nicht nur die Migrationswelle sei hierfür verantwortlich. Dazu kämen unter anderem noch Globalisierung, unbewältigte ökologische Probleme, die rasante digitale Transformation, deren Konsequenzen nicht voll überschaubar seien, und die zunehmende soziale Ungerechtigkeit.

Die Diskrepanz zwischen diesem Tempo und der Langsamkeit der politischen Prozesse und Entscheidungen beförderte den Eindruck einer Weltunordnung. Je komplexer die Problemfülle, umso stärker wachse das Bedürfnis nach einfachen Antworten und die Sehnsucht nach starker Autorität, schlussfolgerte Thierse.

Politiker sollen sich nicht anbiedern

"Eine starke Gerechtigkeitspolitik ist notwendig, um der Zukunft der Demokratie Willen", so Wolfgang Thierse. Politiker sollten sich nicht anbiedern, sondern an den Lösungen der Probleme arbeiten. Sie sollten in "verständlich einladender Sprache erklärend debattieren", und zwar in freundlichem Streit nach den Regeln der Fairness und somit die diskursive Herrschaftsform mit Leben füllen. Ziel sei die Kompromiss- und Konsensfindung, wobei er Austausch- und Aushandlungsgebot betonte.

Ein Problem sei auch die Repräsentationslücke. Es bräuchte Menschen, die bereit sind, Mandate zu übernehmen, die darauf brennen, "ihre Haut zu Markte zu tragen", appellierte Thierse. Er stellte fest: "Die Demokratie lebt davon, dass Menschen ihr Gesicht zeigen." Gleichzeitig gelte es, das Profil der Parteien und die innerparteiliche Solidarität zu stärken. Der neue Heckerhut-Träger sprach gerade im Blick auf die SPD von einem zu erzielenden "Bild der Geschlossenheit".