Mit unermüdlicher Kraft und Ausdauer geht der Harvester seinen Weg. Schon nach wenigen Minuten liegt ein noch Minuten zuvor 20 Meter in den Waldhimmel ragender Baum in zersägten Stücken am Wegesrand.

Das Gerät heißt im Deutschen nicht von ungefähr "Vollernter". Und dabei ist es äußerst effektiv. Im Moment haben es die Forstleute im Forstbezirk Radolfzell-Liggeringen vor allem auf eine bestimmte Baumart abgesehen. Die Esche. Sie gehört zu den zehn wichtigen Baumarten, die in unseren Gefilden wachsen. Entsprechend hoch ist ihr Stellenwert. Vor allem für bestimmte Zwecke ist die Esche beinahe unersetzlich. Innerhalb eines Waldes wächst sie gerne und gut an feuchteren Standorten, wo es bei den Laubbäumen vielleicht gerade noch Eiche und Ahorn aushalten. In der Holzwirtschaft schätzt man das Holz der Esche vor allem wegen seiner Flexibilität. Es wird gerne für Spaten- und Hammerstiele benutzt, aber auch im Möbelbau findet es seine Verwendung.

Spätfolgen des Eschentriebsterbens: Das Holz im Stamminneren wird durch einen Pilz geschädigt (heller Kern mit dunklem Rand) und ist nur noch eingeschränkt nutzbar. Das Bild entstand im Dezember 2017, als im Radolfzeller Stadtwald zahlreiche Eschen gefällt werden mussten. Das Problem ist in weiten Bereichen Europas allgegenwärtig.
Spätfolgen des Eschentriebsterbens: Das Holz im Stamminneren wird durch einen Pilz geschädigt (heller Kern mit dunklem Rand) und ist nur noch eingeschränkt nutzbar. Das Bild entstand im Dezember 2017, als im Radolfzeller Stadtwald zahlreiche Eschen gefällt werden mussten. Das Problem ist in weiten Bereichen Europas allgegenwärtig. | Bild: Jarausch, Gerald

Das könnte aber bald der Vergangenheit angehören. Denn die Esche ist massiv in ihrem Bestand bedroht. Das sogenannte Eschentriebsterben (siehe Infokasten) setzt den Bäumen binnen weniger Jahre derart zu, dass diese Art praktisch in ihrer Gänze dem Niedergang geweiht ist. "Man geht davon aus, dass durch das Eschentriebsterben rund 95 bis 99 Prozent der Eschen bei uns sterben werden", sagt Bernhard Hake, Leiter des Kreisforstamtes. In seinem Arbeitsbereich sind die Eschen in den vergangenen Jahren nicht nur alle von dem Pilz befallen worden, sondern müssen nun zum großen Teil aus den Wäldern geschafft werden: "In erster Linie geht es um die Verkehrssicherung an den Wegen, weil dort Äste herabfallen können", erklärt Hake weiter. Davon sind nicht nur Erholungsuchende betroffen, sondern auch die Waldarbeiter selbst.

Auch für Laien gut erkennbar: Durch das Eschentriebsterben werden die Baumkronen dünn und ausgelichtet (Bild links). Das geschädigte Holz kann nun unkontrolliert herabfallen und gefährdet so Waldbesucher. Der Befall eines Eschentriebes (dunkler Ring im rechten Bild) mit dem Erreger und seine Folgen: Das Holz stirbt ab.
Auch für Laien gut erkennbar: Durch das Eschentriebsterben werden die Baumkronen dünn und ausgelichtet (Bild links). Das geschädigte Holz kann nun unkontrolliert herabfallen und gefährdet so Waldbesucher. Der Befall eines Eschentriebes (dunkler Ring im rechten Bild) mit dem Erreger und seine Folgen: Das Holz stirbt ab. | Bild: Gerald Jarausch

An anderen, weniger zugänglichen Stellen, werden aber auch bewusst einzelne Bäume stehen gelassen: "Wir hoffen immer noch, dass sich Resistenzen gegen den Pilz bilden und die dann weitergegeben werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt Gerhard Heizmann, Radolfzeller Revierleiter in Diensten des Kreisforstamtes. Eschen galten noch vor wenigen Jahren als sogenannte Zukunftsbäume. Mit ihnen wollte Heizmann zumindest in Teilen die vorherrschende Fichte in seinem Forstrevier ersetzen. "Da haben wir wohl auf das falsche Pferd gesetzt. Das hätte vor zehn Jahren auch niemand erwartet", sagt er jetzt desillusioniert.

Müssen derzeit viele Eschen in den heimischen Wäldern schlagen lassen. Der Radolfzeller Revierförster Gerhard Heizmann (links) und Bernhard Hake, Leiter des Kreisforstamtes Konstanz. Bild: Gerald Jarausch
Müssen derzeit viele Eschen in den heimischen Wäldern schlagen lassen. Der Radolfzeller Revierförster Gerhard Heizmann (links) und Bernhard Hake, Leiter des Kreisforstamtes Konstanz. Bild: Gerald Jarausch

Der dramatische Zustand der Eschen ist in Teilen auch der Gesamtlage geschuldet. Denn das Klima ändert sich auch am Bodensee. "Am besten wäre es, wenn es das ganze Jahr regnen würde", erklärt Gerhard Heizmann. In den vergangenen Jahren haben höhere Temperaturen und geringe Niederschläge die Lebensbedingungen für die heimischen Baumarten schwieriger gemacht. In der Folge stehen die Bäume unter Stress und sind gegen Erkrankungen und Schädlinge anfälliger. Der Revierförster wundert sich so manchen Tag darüber, warum das Aussterben der Esche bisher so wenig Reaktionen hervorgerufen hat. "Wenn man das vergleicht mit dem Waldsterben in den 1980er Jahren, das im Nachhinein weniger dramatisch war, dann erstaunt das schon", sagt Gerhard Heizmann.

Fertig für die Säge: Die Tage dieser markierten Esche sind gezählt.
Fertig für die Säge: Die Tage dieser markierten Esche sind gezählt. | Bild: Gerald Jarausch

Angesichts der angespannten Lage fürchtet er eigentlich nur noch ein weiteres Szenario: "Die Horrorvision wäre es, wenn die Buche von einem eingeschleppten Schädling befallen wird", führt er aus. Das ist durchaus eine berechtigte Sorge. Denn durch den weltweiten Handel kommen immer wieder Schädlinge nach Europa, gegen die die heimischen Pflanzen zunächst keine Abwehrmöglichkeiten besitzen.

Nach wenigen Minuten ist die Arbeit erledigt. Mit einem Vollernter (im Hintergrund) sind ausgewachsene Bäume in kürzester Zeit fachgerecht zerlegt. Anhand des dunklen Stammkerns ist die Schädigung deutlich zu erkennen.  Bild: Gerald Jarausch
Nach wenigen Minuten ist die Arbeit erledigt. Mit einem Vollernter (im Hintergrund) sind ausgewachsene Bäume in kürzester Zeit fachgerecht zerlegt. Anhand des dunklen Stammkerns ist die Schädigung deutlich zu erkennen. Bild: Gerald Jarausch

 

Ein Problem in vielen Ländern Europas

  • Eschentriebsterben: Der Pilz Hymenoscyphus pseudoalbidus befällt die Eschen an deren Triebspitzen und dünnt sie innerhalb kurzer Zeit stark aus. Der Verursacher des Eschentriebsterbens, auch Falsches Weißes Stengelbecherchen genannt, hat sich mittlerweile in über 20 Ländern Nord-, Ost- und Mitteleuropas etabliert. In der Folge werden die Äste instabil und können unkontrolliert zu Boden fallen. Erste Befunde stellten sich in der Region im Jahr 2008 ein. Massiv ist der Befall der Eschen seit 2013. Experten gehen davon aus, dass hierzulande 95 bis 99 Prozent aller Eschen dem Pilz zum Opfer fallen.
  • Folgen: Eschen können bis zu 140 Jahre alt werden. Ab 40 Zentimeter Stammdurchmesser sind sie attraktiv für die Holzwirtschaft. Das nun geschlagene Eschenholz ist mitunter nur noch als Brennholz verwendbar, da es im Stamminneren Schäden aufweist. Diese sind durch dunkle Verfärbungen auch vom Laien erkennbar. Die Esche ist der nach der Buche die zweithäufigste Laubbaumart in der Region und aufgrund ihrer Fähigkeiten nicht ohne weiteres zu ersetzen. Sie wächst vor allem gut auf feuchten Standorten.
  • Die Hiebpläne des Forstamtes werden durch den massiven Escheneinschlag nicht übermäßig belastet. Allerdings sinkt der Preis für das Holz durch das vergrößerte Angebot und lässt die Einnahmen der Forstämter sinken. Der wirtschaftliche Schaden ist damit immens. Die Eschen werden derzeit nicht gesondert geschlagen, sondern immer dort, wo ohnehin Waldpflegearbeiten stattfinden, aktuell im Bereich des "Eschenloch" auf Liggeringer Gemarkung. Teilweise werden dort ganze Flächen mit Eschen leergeräumt.