Nichts erbost den Menschen offenbar so sehr und so schnell wie die Veränderung der Parkgewohnheiten. Wenn es auf einmal etwas kostet – das Parken. Diese Erfahrung haben Stadtverwaltung und Gemeinderat in Radolfzell gemacht, als die Einführung des Mobilitätskonzeptes mehr als nur einen spitzen Schrei der Empörung auslöste und viele Leserbriefe die Sinnhaftigkeit des Ganzen in Frage stellten. Der Sinn des Ganzen: Die Stunde parken sollte genauso viel kosten wie eine Fahrt mit dem Stadtbus, genau ein Euro.

Was damit verbunden war: eine Umstellung der Lebensgewohnheiten. Denn alle Parkplätze in der Innenstadt kosten seither. Wie in Konstanz. Oder Singen. Oder Stockach. Nur mit dem Unterschied, dass Singen am Rande der Innenstadt auf großen Parkplätzen nichts verlangt, dass in Stockach der Parkdruck in der Altstadt nicht so hoch ist und die Stadt sich den Luxus erlaubt, die ersten 30 Minuten gebührenfrei zu stellen, dass es in Konstanz gefühlt seit einer Ewigkeit wie in Stuttgart oder Freiburg einen Parkplatz nur gegen Bares gibt.

Fast 46 Millionen Autos sind in Deutschland registriert, davon sind im Landkreis Konstanz 193 500 Fahrzeuge zugelassen. Grundsätzlich gilt im Kreis Konstanz wie anderswo im Bundesgebiet: Ein Grundrecht auf Parken gibt es nicht. Hauseigentümer oder Unternehmer müssen für ihre Mieter oder Mitarbeiter selbst Parkplätze zur Verfügung stellen. Eine Ausnahme macht Radolfzells Oberbürgermeister Martin Staab für solche, die nie eine Chance hatten, sich um eigene Stellplätze vor dem Haus zu kümmern. Das sei dort, "wo Fußgängerzonen geschaffen wurden oder es historische Stadtkerne gibt, bei denen vor 750 Jahren noch niemand an eine Stellplatzverpflichtung denken konnte".

Die Stadt Stockach setzt bei den Anwohnern der Oberstadt auf Eigeninitia­tive und das Parkhaus am Hägerweg, das von den Stadtwerken betrieben wird und einen Monatsmietpreis von 45 Euro verlangt. Und am Rande der Innenstadt gibt es öffentliche Parkflächen, die noch nichts kosten. Altstadt plus Fußgängerzone bieten Radolfzell und Konstanz auf. In Radolfzell können "Berechtigte" einen Dauerparkschein Altstadt bei der Stadt beantragen, der vergünstigtes Parken auf altstadtnahen Parkplätzen ermöglichen soll. Konstanz hat in den Stadtteilen Altstadt und Paradies sowie in zwei Bereichen von Petershausen neun Bewohnerparkzonen ausgewiesen. Dabei soll es nach Auskunft der Stadt nicht bleiben: Es werde untersucht, ob das Bewohnerparken nicht auf weitere Bereiche des Stadtteils Petershausen ausgeweitet werden kann.

Singen hat zwar keine klassische Altstadt, aber zwei Fußgängerzonen. Die Stadt unterm Hohentwiel verlangt im Zentrum überall etwas fürs Parken und hat nur in den Randbereichen der Innenstadt Parkquartiere für Anwohner ausgewiesen. Aber dafür listet Singen 1350 gebührenfreie Parkplätze außerhalb des Zentrums auf. Das wird im Vergleich zur Einwohnerzahl – Singen hat knapp 48 000 Einwohner – von Stockach noch getoppt: Auf rund 17 000 Einwohner kommen 700 gebührenfreie Parkplätze am Rand der Innenstadt. Ein klassisches Parkraumkonzept mit Steuerwirkung gebe es in Singen noch nicht: "Wir sind aber dabei, zu diesem Thema Daten zu erheben und zu analysieren", sagt Achim Eickhoff, Pressesprecher im Rathaus Singen.

Konstanz ist innerhalb des Altstadtrings dem Ziel einer "autofreien Stadt" nahe gekommen. Die Parkhäuser sind um den Altstadtring platziert, "deshalb ist mit einer räumlichen Ausdehnung der autofreien Bereiche auf absehbare Zeit nicht zu rechnen", glaubt der städtische Pressesprecher Walter Rügert. Das Parkkonzept verfolgt mehrere Ziele. Zum einen ist man darauf bedacht, den Suchverkehr auf die Parkhäuser zu konzentrieren, deshalb ist das Parken in den Straßen teurer als in den Parkhäusern. Zum anderen soll mit der Ausweisung von Bewohner-Parkzonen für einzelne Quartiere der Parksuchverkehr in den Wohnstraßen reduziert werden.

Die Stadt Radolfzell verfolgt mit ihrem Mobilitätskonzept ein Umdenken in der Wahrnehmung des Verkehrs. Es sollen einheitliche und verständliche Parkregelungen für alle gelten und Anreize geschaffen werden, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Die Stadt befindet sich damit im Einklang mit den Zielen der Landesregierung und dem Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin, das folgende Vorteile für die kostenpflichtige Benutzung von öffentlichen Parkflächen nennt:

  • Parksuchverkehr soll vermieden und damit die Lärm- und Abgasbelastung reduziert werden.
  • Eine Parkraumbewirtschaftung entlastet den öffentlichen Raum und verbessert die Verkehrssicherheit.
  • Durch Parkgebühren und reduzierte Parkangebote werden Autofahrer motiviert, zu Fuß zu gehen, Fahrrad zu fahren oder Busse und Bahnen zu nutzen.
  • Die Einnahmen können im Idealfall zur Finanzierung von alternativen Verkehrsangeboten genutzt werden.

In einem Punkt verfolgen Konstanz, Radolfzell, Stockach und Singen den gleichen Ansatz: Es könne nicht Aufgabe der Städte sein, für Mitarbeiter von Unternehmen Parkplätze bereit zu stellen. Walter Rügert von der Stadt Konstanz sagt: "Hierfür gibt es keine rechtliche Grundlage." Der Radolfzeller OB wird deutlich: "Ich weiß nicht, wer als Steuerzahler gerne die Herstellung und den Betrieb von Mitarbeiterparkplätzen mit seinen Steuern bezahlen möchte", sagt Martin Staab. Für ihn laufen einige Dinge in der Parkdiskussion "verquer". Das kommt davon, wenn man Gewohnheiten ändert.

 

Vier Besonderheiten der vier Städte

Vier Städte – vier Besonderheiten beim Umgang mit den Parkplätzen in der Stadt

  1. .In Konstanz mischt der Rhein mit: In diesem Fall liegt die Kreismetropole nicht am See, sondern am Fluss. Denn wer linksrheinisch in Flussrichtung parkt, zahlt mehr als derjenige, der rechts des Rheins sein Auto abstellt. Altstadt und Paradies haben eben ihren Preis. Und noch eine Besonderheit gilt in Konstanz: Es gibt keine Monatsgebühr für Anwohner, sondern eine Bewohnerparkkarte, die das ganze Jahr für die entsprechende Parkzone gilt. Sie kostet „nur“ 30,70 Euro und berechtigt zur Nutzung der ausgeschilderten Stellplätze in der Bewohnerparkzone.
  2. .In Singen herrscht Stabilität: Seit der Umstellung von Mark auf Euro im Jahr 2002 sind die Parkgebühren in Singen stabil, kein Cent Veränderung auf den öffentlichen Straßen und Plätzen. Neu in Singen ist, dass der beliebte ­Herz-Jesu-Platz in der Nähe des Finanzamts durch den Neubau einer Tiefgarage nicht mehr als Parkplatz benutzt werden kann. Wer länger als zwei Stunden parken will, muss sich einen Parkplatz in Zone zwei suchen. Parken in der Zone eins im Zentrum ist auf zwei Stunden beschränkt.
  3. .In Stockach braucht es die Parkscheibe: Die Stadt bewirtschaftet die meisten öffentlichen Stellplätze in der Innenstadt über die Zeit. Das heißt – es muss kein Geld bezahlt werden, aber die Zeit des Parkens ist auf eine Stunde, 90 Minuten oder drei Stunden begrenzt und deshalb eine Parkscheibe nötig. Mit Parkschein ist in Zone eins und zwei das Parken 30 Minuten gebührenfrei.
  4. .In Radolfzell gibt es die ­Brötchentaste: In der Parkgebührenzone „Bahnhof“ kann der Autofahrer die sonst auch als Brezeltaste bezeichnete Brötchentaste drücken und 15 Minuten gebührenfrei sein Fahrzeug abstellen. Elektroautos bleiben nach der neuen Verordnung von Parkgebühren befreit.