Bunte Pillen und weißes Pulver werden auf die Leinwand im Bodenseeforum projiziert. Das Publikum lacht verhalten. Ein ungewöhnliches Bild ist im Rahmen der Volkshochschulveranstaltung, die sich mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzt, zu sehen. Florian Schumacher, Self-Tracking-Pionier und digitaler Gesundheitsberater, muss selbst schmunzeln und erklärt: „Das sind Nahrungsergänzungsmittel, die ich täglich einnehme und auch wenn sie illegal aussehen, sie sind alle legal erhältlich.“ Schumacher misst alle seine Körperfunktionen mikroskopisch genau. Der Mann, der nur selten tierische Produkte isst, kennt sogar seine aktuellen Blutwerte und den Genomcode. „Alle 15 Minuten fotografiert mein Laptop mein Gesicht“, erläutert er. Dadurch ist es ihm langfristig möglich, seine Stimmungen anhand der Mimik zu analysieren.

Solche Möglichkeiten haben das Potenzial, das Gesundheitssystem zu revolutionieren. Bald könnten Fitness-Armbänder Vorhofflimmern frühzeitig erkennen, erklärte Schumacher in der VHS-Veranstaltung euphorisch. Der rasche technische Fortschritt und ansteigende Investitionen in Unternehmen der Gesundheitsbranche machten dies möglich. Gleichzeitig steht die Frage nach der Sicherheit der Daten, insbesondere der Gesundheitsdaten, im Raum. Mit dieser Frage beschäftigt sich Petra Grimm, Leiterin des Instituts für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Sie bewertet die Digitalisierung positiv, ist sich aber auch der Risiken bewusst. Grimm schlug im VHS-Gespräch eine werteorientierte Digitalisierung des Gesundheitssystems vor. Der Schutz von Daten sei bei der Benutzung moderner Fitness-Apps unumgänglich.

Arbeitgeber dürften nichts von diesen Daten erfahren, um möglichen Diskriminierungen vorzubeugen. Hier sind sich Grimm und Schumacher einig. Menschenschutz steht für Schumacher im Vordergrund, Daten sollten aber im Internet für Forschungs- und private Zwecke eingesehen werden können.

Jürgen Neuschwander, Professor an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz, moderierte die lebhafte Diskussion. Das Besondere an dieser VHS-Veranstaltung war, dass diese per Kamera aufgenommen und zeitgleich an rund 40 weiteren VHS-Standorten gezeigt wurde. Dortige Zuschauer sowie Zuschauer, die der Debatte im Internet folgten, konnten ebenfalls Fragen an die Fachleute stellen.

Experten und Gastgeberin (v. l.): der Konstanzer Informatik-Professor Jürgen Neuschwander, Medienforscherin Petra Grimm, Self-Tracking-Pionier Florian Schmacher und die stellvertretende VHS-Vorsitzende.
Experten und Gastgeberin (v. l.): der Konstanzer Informatik-Professor Jürgen Neuschwander, Medienforscherin Petra Grimm, Self-Tracking-Pionier Florian Schmacher und die stellvertretende VHS-Vorsitzende. | Bild: Charlotte Kurz

Die Besucher Pirmin Lutz und Jonas Budcke gingen nach der Veranstaltung angeregt nach Hause. Lutz erklärte, er habe eine gesunde Skepsis, was die Digitalisierung angeht. Die unterschiedlichen Positionsbestimmungen empfand er als sehr spannend. Jonas Budcke nutzt selbst auch ein Fitness-Armband, aber nicht den ganzen Tag. Begrüßenswert findet er die Erleichterungen durch die Digitalisierung im Alltag, zum Beispiel Licht und Heizung per Sprache zu steuern. Die Möglichkeit einer automatischen Haustür, die der Amazon-Paketbote per Strichcode aufmachen kann, lehnt Budcke aber aus Sicherheitsgründen ab.

 

Zur VHS-Reihe

Die Diskussionsrunde in Konstanz war der dritte und vorletzte Teil der Reihe „Smart Democracy“. Bundesweit veranstaltet der Deutsche Volkshochschulverband (DVV) zusammen mit dem Bundesarbeitskreis Politik, Gesellschaft, Umwelt Diskussionen, die via Internet übertragen werden werden. Die nächste Veranstaltung der VHS in Konstanz zur Digitalisierung findet am 8. November statt: „Virtuelles Geld – reale Gefahr für Staat und Gesellschaft“ lautet dann das Thema. Mehr: www.vhs-landkreis-konstanz.de.