120 Stimmberechtigte des Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen waren bei der Kandidaten-Nominierung zur Landtagswahl 2021 im katholischen Pfarrheim in Allensbach dabei. Dass der Abend spannend werden würde, war klar, denn das Grünenlager ist gespalten. Im Vorfeld der Nominierungsveranstaltung hatten Mitglieder in einem offenen Brief ihre amtierende Landtagskandidatin Nese Erikli für den Wahlkreis Konstanz-Radolfzell scharf kritisiert.

Nese Erikli (38) kämpft in ihrer Rede, um die Kreis-Grünen zu überzeugen und wieder für den Landtag kandidieren zu können.
Nese Erikli (38) kämpft in ihrer Rede, um die Kreis-Grünen zu überzeugen und wieder für den Landtag kandidieren zu können. | Bild: Scherrer, Aurelia

Kandidat mit politischer Vergangenheit

Hendrik Auhagen, in den 1980er Jahren Bundestagsabgeordneter der Grünen, hatte denn auch seine Gegenkandidatur bekannt gegeben. Die erste Überraschung: Noemi Mundhaas, die 25-jährige Physik-Studentin und Fridays-for-future-Aktivistin aus Konstanz, trat kurzfristig an. Sie unterlag mit 43 zu 76 Stimmen.

Auhagen kritisiert Erikli

Die Gemeinsamkeit der Kandidaten: Alle drei waren gespannt, nervös und standen unter Adrenalin, denn der Wahlausgang war mehr als ungewiss. Hendrik Auhagen hielt eine flammende Vorstellungsrede, sprach sich für den Klimaschutz aus, kritisierte gleichsam den „hirnlosen Innovationswahn“ und sprach von der beginnenden Globalisierungskrise. Bereits in den 1980er Jahren war er politisch aktiv. Gleichwohl kündigte der 68-Jährige an: „Meine Kandidatur dürfte die letzte sein.“ Bei der Begründung, warum er sich zur Wahl stellt, teilte er kräftig gegen Nese Erikli aus.

Dass Hendrik Auhagen, in den 1980er Jahren Grünen-Bundestagsabgeordneter, als Gegenkandidat zu Nese Erikli antreten würde, war klar. Überraschend zog er kurz vor der Wahl seine Kandidatur zu Gunsten der 25-jährigen Physik-Studentin und Fridays for Future-Aktivistin Noemi Mundhaas zurück.
Dass Hendrik Auhagen, in den 1980er Jahren Grünen-Bundestagsabgeordneter, als Gegenkandidat zu Nese Erikli antreten würde, war klar. Überraschend zog er kurz vor der Wahl seine Kandidatur zu Gunsten der 25-jährigen Physik-Studentin und Fridays for Future-Aktivistin Noemi Mundhaas zurück. | Bild: Scherrer, Aurelia

Sprache von vollendeten Tatsachen

Die Fridays-for-future-Bewegung sei motivierend. „Da ist was von der alten Ernsthaftigkeit, die ich bei der jetzigen Abgeordneten vermisse.“ Auch die „plötzlich geänderten Spielregeln“ der terminlich früh angesetzten Nominierungsveranstaltung monierte er scharf. „Es wurden dreist vollendete Tatsachen geschaffen. Da stelle ich mich auf die Hinterbeine“, so Auhagen. In der Wahlkreisarbeit wolle er offen sein für Überraschendes, „da sein, wenn es brennt, ist wichtiger als repräsentieren wie es heute passiert“. Wichtig sei es, sich „auf die Substanz zu konzentrieren“ und „nicht, wie stelle ich mich modisch dar“. Der Applaus des Auditoriums machte die Spaltung der Grünen in zwei Lager akustisch und optisch deutlich.

Abgeordnete spricht über ihre Arbeit

Nese Erikli berichtete von ihrer Landtagsarbeit, ihrem Engagement zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus und der Bleiberechtsregelung für Flüchtlinge, ihren Kampf gegen Aquakulturen im Trinkwasserspeicher Bodensee, die Sicherung biologischer Artenvielfalt und gleichzeitig der bäuerlichen Landwirtschaft als existenzielle Anliegen. Solarpflicht, flächendeckender Ausbau des ÖPNV zählen ebenfalls zu ihren Top-Themen. Sie kam sie auch auf die Punkte zu sprechen, die ihr aus eigenen Reihen angekreidet werden, darunter die Teilnahme am B33-Spatenstich.

Klare Position zu B33-Spatenstich

„Wenn der grüne Landesverkehrsminister da ist, kann und darf ich als grüne Landtagsabgeordnete nicht fehlen und das Feld den kommunalpolitischen Granden von gestern überlassen“, sagte sie deutlich. In ihrem Grußwort habe sie schließlich die „Verkehrspolitik mit grüner Handschrift“ klar positioniert. Letztlich appellierte sie in Richtung der gespaltenen Kreispartei und forderte den „Geist des Zusammenhalts“ und „der Geschlossenheit als Partei“.

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Noemi Mundhaas steht plötzlich auf

„Ich stehe hier wegen der Klimakrise“, stellte Noemi Mundhaas (25) fest. „Wir müssen kämpfen. Deswegen kandidiere ich.“ Die Fridays-for-future-Aktivistin war am Freitag aus Portugal zurückgekehrt und hatte sich einen Tag vor der Nominierungsveranstaltung für die Kandidatur entschieden, wie sie gegenüber dem SÜDKURIER sagte.

Bekommt als Nicht-Parteimitglied 43 Stimmen: die 25-jährige Noemi Mundhaas, die überraschend kandidierte.
Bekommt als Nicht-Parteimitglied 43 Stimmen: die 25-jährige Noemi Mundhaas, die überraschend kandidierte. | Bild: Scherrer, Aurelia

Kandidatur als Parteilose

Die parteilose Studierende ist überzeugt, dass die globalen Probleme nicht durch individuelle Verhaltensänderungen, sondern mittels neuer Technologien lösbar seien. „Die Lösungen sind vorhanden. Es braucht nur die politischen Rahmenbedingungen“, sagte sie in ihrer Vorstellungsrede. Keine Partei habe einen Plan; die letzten fünf Jahre seien verschlafen worden, kritisierte sie, weshalb sie „von der Straße rein ins Parlament“ möchte.

Auhagen zieht Bewerbung zurück

Die Rede hatte Hendrik Auhagen offenkundig imponiert. Spontan zog er seine Kandidatur zu Gunsten von Noemi Mundhaas zurück, so dass die Grünen die Wahl zwischen zwei jungen Frauen hatten. Der nicht absehbare Ausgang der Kampfabstimmung wurde mit Spannung erwartet. Ganz so knapp, wie manche erwartet hatten, war das Ergebnis nicht.

Ergebnis: 76 zu 43 für Erikli

Nese Erikli wurde mit 76 Stimmen nominiert; Noemi Mundhaas erhielt 43 Stimmen. Nach der Veranstaltung gratulierte Mundhaas ihrer Kontrahentin zum Wahlerfolg und überreichte ihr die Forderungen von Fridays for future Baden-Württemberg. Ob sie nun bei einer anderen Partei kandidieren wird, ließ Noemi Mundhaas offen und sagte in bestem Politiker-Jargon: „Ich werde schauen, wo ich den größten Hebel auf Landesebene sehe.“

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