Viele Rehkitze finden laut des Deutschen Tierschutzbundes in der Bundesrepublik jedes Jahr den Tod beim Mähen der Wiesen. Doch damit wollen sich in der Region Hegau-Bodensee Jäger, Tierschützer und Landwirte nicht mehr abfinden. Seit drei Jahren gibt es die Rehrettung Hegau-Bodensee. Sie bringt Hilfe aus der Luft. Drohnen mit Wärmebildkameras stöbern die Kitze auf und weisen den Helfern den Weg zu den unter Gras versteckten Tierbabys. Die Helfer arbeiten ehrenamtlich und damit kostenlos Hand in Hand mit Kreisjägervereinigungen und Landwirten.

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Dieter Prahl aus Radolfzell gehörte vor drei Jahren zu den Gründungsmitgliedern der Rehrettung. Er musste beobachten, wie ein Kitz, dessen Beine abgemäht worden waren, trotzdem versuchte, zu seiner Mutter zu kommen. Prahl: „Das ist ein Anblick, den man nicht vergisst.“ Zusammen mit Julia Muffler, ihrer Schwester Barbara Schmidle, dem Überlinger Kreisjägermeister Hartmut Kohler und einigen Helfern ist der Rehkitz-Retter an diesem Morgen unterwegs.

Kreisjägermeister Hartmut Kohler beobachtet die Schwester Anja Muffler (Bildmitte) und Barbara Schmidle bei den finalen Vorbereitungen für den Start der Drohne.
Kreisjägermeister Hartmut Kohler beobachtet die Schwester Anja Muffler (Bildmitte) und Barbara Schmidle bei den finalen Vorbereitungen für den Start der Drohne. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Es ist ein kühler Morgen kurz vor 5.30 Uhr, als sich die Gruppe vor einem großen Wiesengrundstück beim Weiler Urzenreute bei Owingen im Bodenseekreis trifft. Barbara Schmidle hat den Steuerungskasten für die Drohne umgehängt und trifft zusammen mit ihrer Schwester und Dieter Prahl die letzten Vorbereitungen für den ersten Flugeinsatz. Am Rande der Wiese wartet schon Landwirt Frank Wieland mit Traktor und Mähgerät auf die Freigabe seiner Wiese durch die Rehretter.

Drohne sendet direkt die Bilder

Die eigentliche Flugzeit ist relativ kurz. „In sieben bis acht Minuten kann bis zu einem Hektar Grasland abgesucht werden“, sagt Barbara Schmidle. Die von der Wärmebildkamera aufgenommenen Bilder werden auf einen am Boden stehenden Monitor gesendet. Dort steht Dieter Prahl. Das Bild, das er vor sich sieht, ist gewöhnungsbedürftig. Für den ungeübten Laien sieht es aus wie ein Ultraschallbild beim Arzt. Es braucht einige Übung, um die Punkte zu erkennen, an denen sich ein Rehkitz aufhalten könnte, erläutert der Radolfzeller.

Während Barbara Schmidle die Drohne steuert, beobachtet Dieter Prahl den Bildschirm und führt per Sprechfunk die Helfer zum mutmaßlichen Rehversteck.
Während Barbara Schmidle die Drohne steuert, beobachtet Dieter Prahl den Bildschirm und führt per Sprechfunk die Helfer zum mutmaßlichen Rehversteck. | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Barbara Schmidle erklärt: „Weil die Kamera auf Unterschiede in der Bodentemperatur reagiert, zeigt sie beispielsweise auch Maulwurfshaufen an, die ebenfalls wärmer sind als die Wiesenoberfläche.“ Sobald so ein Punkt gefunden ist, werden über Funksprechgeräte die am Rande der Wiese stehenden Helfer zu der Fundstelle geleitet. Ältere Kitze können vor den Menschen bereits in den benachbarten Wald fliehen. Ganz junge Kitze können das noch nicht. Barbara Schmidle: „Wenn die Kitze gefunden werden, kommen sie in einen Kartoffelsack oder in einen Umzugskarton mit Gras. Dieser wird in Sicherheit gebracht, meist in den Schatten.“ Das Material der Säcke werde so gewählt, dass das Kitz genügend Luft bekomme und sich nicht verletzen könne. Im Sack beruhigen sich die Tiere. Die Rehretter arbeiten mit Einmalhandschuhen, damit der menschliche Geruch nicht auf die Kitze übergeht und das Muttertier abschreckt. Nach dem Mähen werden die Rehkinder so schnell wie möglich freigelassen.

Dieses Kitz wurde bei einem Einsatz gerettet. Alexandra Jägle hält es vorsichtig in einem Kartoffelsack, damit ihr Geruch nicht auf das Tier übergeht.
Dieses Kitz wurde bei einem Einsatz gerettet. Alexandra Jägle hält es vorsichtig in einem Kartoffelsack, damit ihr Geruch nicht auf das Tier übergeht. | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Im Landkreis Konstanz arbeiten der Kreisjägerverein und dessen vier Sektionen, die Hegeringe, eng mit der Rehrettung zusammen. Sowohl Kreisjägermeister Kurt Kirchmann als auch Tobias Haug, Vorsitzender des Hegerings Konstanz, geben zu bedenken, dass aus juristischen Gründen vorrangig die Revierpächter die Kitze transportieren dürfen. Diese dürfen Kitze auch mit Erkennungsmarken am Ohr versehen. Der frühere Konstanzer Kreisjägermeister Karlheinz Störzer berichtet von zwei Markierungen in diesem Jahr, an denen er beteiligt war.

Ausrüstung kostet bis zu 12 000 Euro

Doch vor der Rettung steht das Aufspüren. Die Drohne ist dabei nicht das Teuerste. Die Kamera macht den Löwenanteil bei den Anschaffungskosten von rund 10 000 bis 12 000 Euro für die Drohne aus. Seit einiger Zeit stehen den Tierfreunden zwei dieser Geräte zur Verfügung. Wie schwierig die Handhabung der Drohne trotz aller Übung ist, wird am gleichen Morgen an einer anderen Einsatzstelle deutlich. Schmidle steuert das Fluggerät gerade auf die am Boden liegende Decke, als eine heftige Windbö die Drohne in einen nahen Hang weht. In diesem Fall ging alles gut, Kamera und Drohne bleiben intakt.

Es ist für Barbara Schmidle (rechts) eine Übungssache die Drohne nach dem Flug punktgenau auf der Decke zu landen.
Es ist für Barbara Schmidle (rechts) eine Übungssache die Drohne nach dem Flug punktgenau auf der Decke zu landen. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Nach einiger Zeit sind fünf Kitze aus der Wiese bei Urzenreute vertrieben. Bauer Wieland erhält grünes Licht, mit dem Mähen auf der kontrollierten Seite seiner Wiese zu beginnen. Beim Überfliegen des zweiten Wiesenbereichs tauchen Hindernisse auf: Einige Störche sind auf Frühstückssuche über der Wiese unterwegs. Damit es keine Zusammenstöße gibt, muss der Drohneneinsatz unterbrochen werden, bis die Vögel weg sind. Auf jeden Fall, so die Drohnen-Equipe, sei es wichtig, dass möglichst zeitnah gemäht werde, bevor die Jungtiere und ihre Mütter in die Wiese zurückkehrten.

„Ich arbeite in diesem Jahr zum dritten Mal mit Jägern und der Rehrettung zusammen“, sagt Frank Wieland. Kosten spielten bei dieser Aktion keine Rolle: Für ihn ist die Rettung der Rehkitze eine ethische Selbstverständlichkeit. Den Landwirten entstehen durch den Einsatz keine Kosten. Diese werden vom Verein übernommen, zu dessen Mitgliedern der Kreisjägerverein Konstanz gehört.

Landwirt Frank Wieland aus Owingen-Urzenreute wartet am Wiesenrand darauf, dass Mitglieder der Rehrettung Kitze und Geißen im hohen Gras aufspüren und vertreiben.
Landwirt Frank Wieland aus Owingen-Urzenreute wartet am Wiesenrand darauf, dass Mitglieder der Rehrettung Kitze und Geißen im hohen Gras aufspüren und vertreiben. | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Karlheinz Störzer, selbst persönliches Mitglied, ist der Ansicht: "Eigentlich müsste jeder Jagdpächter Mitglied der Rehrettung sein." Sein Nachfolger als Kreisjägermeister, Kurt Kirchmann, sieht weitere Nutzungsmöglichkeiten für die teure Ausrüstung: "Die Drohnen könnten auch in Maisfeldern zur Ermittlung von Schäden verwendet werden, die Wildschweine angerichtet haben." Das sei wesentlich präziser und sicherer, als wenn sich Menschen in die Maisfelder begeben würden. Solche Nutzungen könnten eine Möglichkeit sein, die alljährlich zunehmende Zahl der Anfragen von Landwirten bei der Rehrettung weiter zu steigern, wie der Verein es sich erhofft. Dennoch werde laut Barbara Schmidle der Verein bislang größtenteils von Jägern kontaktiert.

Die Rettung für Kitze kommt mit Hightech in Form der Drohne mit Wärmebildkamera. Gesteuert wird sie von Barbara Schmidle. Wie ihre Schwester Julia Muffler (links) opfert sie ihre Freizeit, um als Drohnenpilotin die Kitze vor dem Mähtod zu retten. Die Ausrüstung schlägt mit 10 000 bis 12 000 Euro zu Buche. Bilder: Hermann-Peter Steinmüller
Die Rettung für Kitze kommt mit Hightech in Form der Drohne mit Wärmebildkamera. Gesteuert wird sie von Barbara Schmidle. Wie ihre Schwester Julia Muffler (links) opfert sie ihre Freizeit, um als Drohnenpilotin die Kitze vor dem Mähtod zu retten. Die Ausrüstung schlägt mit 10 000 bis 12 000 Euro zu Buche. Bilder: Hermann-Peter Steinmüller | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Wie stark deren Interesse ist, zeigt der Umstand, dass der Hegering Konstanz die Gründung einer Rehrettungsgruppe auf dem Bodanrück plant, zumal ein Mitglied bereits eine Drohne besitzt. Ab der Saison 2019 soll die Gruppe an der Rehrettung mitwirken. Vorsitzender Tobias Haug verweist darauf, dass angesichts immer größerer Erntemaschinen zunehmend auch erwachsene Rehe gefährdet seien. Für deren Schutz bedürfe es aber eines guten Verhältnisses zwischen Jägern und Landwirten, denn, so Haug: "Wenn die Absprache über die Mahdtermine nicht funktioniert, gibt es auch keine Rettungsaktion."

Instinkt kann zum Verhängnis werden

  • Das Rehkitz-Problem: Rehmütter, Jäger nennen sie Geißen, gebären und verstecken ihre Kitze bevorzugt in waldnahen Wiesen. Hugo Schechter ist seit 1979 Jäger und hilft bei der Rehrettung mit. Die Rehmütter, berichtet er, verstecken ihre Kitze regelrecht im hohen Gras. Selbst wenn vor dem Mähen jemand durch die Wiese gehe, könne er nicht jedes versteckte Kitz finden. Auch ältere Kitze neigen dazu, sich bei Gefahr in Gras zu ducken.
  • Generelles Problem: Nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes werden durch das frühe Mähen, oft schon an Ostern, zahlreiche am Boden lebende Tiere wie Hasen, Schlangen, Frösche oder am Boden brütende Vögel Opfer der Mähgeräte.
  • Alternativen zum Drohnen-Einsatz: Vertreiben durch den Einsatz von Geruchsstoffen, Bewegungssignale durch Knistertüten‚ Plastikfahnen und Flatterbänder, Reflektoren. Möglich sind auch akustische Mittel wie Knallapparate oder Ultraschallquellen. Auch kann ein Jäger mit seinem Hund die Wiese vor dem Abmähen absuchen. Der Konstanzer Kreisjägermeister Kurt Kirchmann verweist auf die hochpräzisen GPS-Daten, die von den Drohnen aufgezeichnet werden. Diese könnten von modernen Landmaschinen genutzt werden, um um das versteckte Kitz herumzufahren.
  • Wieso ist der Drohneneinsatz nicht schon Standard? Gerhard Glaser vom Kreisbauernverband Biberach-Sigmaringen sieht das so: „Das Verfahren an sich ist bekannt. Aber es gibt noch zu wenige Drohnen und an der Basis braucht es noch Informationsarbeit, bevor das System wirklich in die Fläche kommt.“ Die Landwirte jedenfalls seien laut Glaser zur Mitarbeit bereit.
  • Rehrettung Hegau-Bodensee: Der Verein ist vom Hegau über Stockach, den Linzgau, den Schienerberg, Radolfzell bis im Raum Überlingen aktiv. Für besondere Einsätze fuhren die Mitglieder in diesem Jahr sogar in den Schwarzwald und an den Kaiserstuhl. Die Rehrettung Hegau-Bodensee hat laut der Vorsitzenden Barbara Schmidle in den drei Jahren ihres Bestehens rund 120 Rehkitze vor dem Mähtod gerettet. In diesem Jahr waren es 52. Dazu wurden etwa 400 Hektar überflogen. Neue Mitglieder sind im Verein stets willkommen. Kontakt: Barbara Schmidle, Rehrettung Hegau-Bodensee, Öschlestraße 57, 78315 Radolfzell, Telefon (01 62) 704 79 67, E-Mail info@rehrettung-hegau-bodensee.de, Internet: www.rehrettung-hegau-bodensee.de