Es ist heiß an dem Abend, als am Stammsitz der Handwerkskammer Konstanz (HWK) im Präsidentensaal die Stimmzettel zur Wahl der Vollversammlung ausgezählt werden. Nach stundenlanger Arbeit werden Beteiligte am Ende sagen, dass Spannung bis zum Schluss geherrscht habe.

Bedingt ist diese Spannung durch die Tatsache, dass der Handwerkskammerbezirk Konstanz der einzige unter bundesweit 53 Kammerbezirken ist, im dem sich bei der Wahl zum Parlament der Kammer zwei Listen Konkurrenz machen.

Die Verlierer sind nicht in der Vollversammlung

Während also in anderen Regionen die Handwerksbetriebe nur eine Liste präsentiert bekommen, die letztlich alternativlos ist, hat sich in Konstanz eine starke Opposition das Recht erstritten, mit einer eigenen Liste gegen die Liste der Etablierten anzutreten.

Der kleine Ansatz zu demokratischeren Strukturen endet allerdings nach der Bekanntgabe des Wahlsiegers. Denn nur Mitglieder der Gewinnerliste bilden die Vollversammlung. Die Verlierer kommen dort nicht vor.

Große Überraschung gibt es nicht

Bei den Wahlen zur Vollversammlung der HWK 2019 ist die große Sensation erneut ausgeblieben, auch wenn die Kammerkritiker wieder nah dran waren. Nach dem bekanntgemachten Wahlergebnis erhielt die Liste der etablierten Kräfte (“Starkes Handwerk – gemeinsam in die Zukunft“), angeführt von dem Radolfzeller Automobilkaufmann Hansjörg Blender, mit 1224 Stimmen die Mehrheit.

Auf die Opposition (“Freie Handwerker für Kammer ohne Zwang“) um ihren Vertrauensmann Günter Beyer-Köhler, Zimmerermeister aus Konstanz, entfielen 1024 Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag nach Angaben der HWK bei 18,4 Prozent. Das entspreche dem Wert der Kammerwahl 2014.

"Wir haben brutal gearbeitet"

Beyer-Köhler zeigte sich hernach enttäuscht, gab sich aber kämpferisch. „Wir haben brutal gearbeitet für diese Wahl“, so der Vertrauensmann der Kammerkritiker, die unter anderem die Zwangsmitgliedschaft von Handwerksbetrieben abschaffen möchten.

Es sei „bitter“, dass von rund 12 300 Betrieben im Kammerbezirk etwa 10 000 ihre Stimme gar nicht abgegeben hätten. „Wir erwarten, dass das Wahlrecht reformiert wird, und zwar nicht im stillen Kämmerlein“, sagte Beyer-Köhler. Es komme jetzt auf den Willen der Gewinner an, entsprechende Absichtserklärungen einzulösen.

Günter Beyer-Köhler, Liste „Freie Handwerker“: „Wir erwarten, dass das Wahlrecht reformiert wird.“
Günter Beyer-Köhler, Liste „Freie Handwerker“: „Wir erwarten, dass das Wahlrecht reformiert wird.“ | Bild: Franz Dorngörgen

Hansjörg Blender zeigte sich „erleichtert und stolz“ über den Wahlsieg seiner Liste. „Wir haben sachlich und ohne Polemik Wahlkampf betrieben“, bilanzierte er. Zugleich rief er zur Zusammenarbeit auf. Auch Blender hält Einheitslisten bei Kammerwahlen nicht mehr für zeitgemäß. Er werde sich einsetzen für eine Entwicklung des Wahlrechts in Richtung Verhältnis- und Persönlichkeitswahl: „Wir wollen Demokratie wagen.“

Hansjörg Blender, Liste „Starkes Handwerk“: „Wir haben sachlich und ohne Polemik Wahlkampf betrieben.“
Hansjörg Blender, Liste „Starkes Handwerk“: „Wir haben sachlich und ohne Polemik Wahlkampf betrieben.“ | Bild: privat

Verhältnis- und Persönlichkeitswahl möglich

HWK-Hauptgeschäftsführer Georg Hiltner lobte, bei den Kammerwahlen sei alles „sehr professionell, sehr fair abgelaufen“. Auch er plädiert für Veränderungen: „Hin zur Verhältnis- und Persönlichkeitswahl, das tut den Kammern gut.“

Seit Jahren versuche er, im Zentralverband des deutschen Handwerks darauf hinzuwirken. Nach Erfahrung von Hiltner war das Interesse im Verband bisher gering. Eine Angleichung der Kammerwahlen an das Verfahren bei Kommunalwahlen erfordere allerdings Gesetzesänderungen, die von der HWK allein nicht durchsetzbar seien.