Mitunter stellt sich bei einem geplanten Klinikaufenthalt wegen eines körperlichen Leidens heraus, dass der Patient noch ein anderes Problem hat: er ist alkoholabhängig. Diese Diagnose kann aber auch schon vorher vom Hausarzt gestellt worden sein. Oder: Das Trinkverhalten wird als Problem erkannt, wenn der Betroffene nach einer Schlägerei oder nach einem Autounfall medizinisch stationär behandelt werden muss. Allein das Klinikum Konstanz zählt nach Angaben der Suchtberatung Konstanz pro Jahr bis zu 600 Patienten mit einer Alkoholsuchtproblematik. Was ist zu tun?

Für diese Menschen machen das Konstanzer Klinikum, das Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) und die Suchtberatung Konstanz ein Angebot, das in Baden-Württemberg Modellcharakter hat. Offeriert wird ein sogenannter qualifizierter Entzug. Dabei halten die Betroffenen sich acht Tage stationär im Klinikum Konstanz auf. In dieser Zeit absolvieren sie begleitend ein Programm an der benachbarten suchtmedizinischen Tagesklinik für den Landkreis Konstanz, die das ZfP betreibt. An diesem Programm wirken auch Mitarbeiter der Suchtberatung Konstanz mit. Sie motivieren Patienten, das Angebot in Anspruch zu nehmen. Sie leisten soziale Beratung. Sie zeigen die Möglichkeiten in der ambulanten Anschlussbetreuung auf und machen dafür selbst Angebote. Mitarbeiter der Suchtberatung bieten auch psychotherapeutische beziehungsweise psychiatrische Beratung an. Entwöhnung kann ein langwieriger Prozess sein.

Der erst 2015 installierte qualifizierte Entzug für alkoholkranke Menschen ist inzwischen gut etabliert. Das zeigt die aktuelle Bilanz der Suchtberatung. Im Jahr 2016 wurden demnach 357 Personen mit der Erst- oder Zweitdiagnose Alkoholabhängigkeit ins Konstanzer Klinikum eingewiesen. Immerhin 129 davon, 87 Männer und 42 Frauen, nahmen am Programm des qualifizierten Entzugs teil. "Mehr als ein Drittel der Patienten haben wir mit dem Programm erreicht", sagt Reinhard Schwering, Leiter der Suchtberatung Konstanz. Das seien gute Zahlen. Sozialpädagoge und Teammitglied Dieter Puhl stellt fest: "Das Alkoholproblem ist angekommen." Er verweist auf Informationen des Statistischen Landesamts, denen zufolge in Baden-Württemberg Alkohol der häufigste Grund für eine Behandlung im Krankenhaus sei. Der qualifizierte Entzug steht Menschen aus allen Kreisgemeinden offen.

Die Suchtberatung Konstanz hebt in ihrem Jahresbericht auch das Projekt "Medien Sucht?" heraus. Ausgangspunkt der Initiative ist die Erkenntnis, dass sich mit der Nutzung des Internets vor allem bei jungen Menschen Gefahren eines Missbrauchs oder eines Missbrauchtwerdens ergeben können. Hier leistet die Suchtberatung Konstanz Erziehungsberatung und vermittelt auch Kontakte zu Fachkliniken. Wenn Kinder und Jugendliche gefangen sind im exzessiven Spielen, Surfen oder Chatten im Internet, kann das Folgen haben, warnt die Sozialpädagogin Annette Schlobinski-Duscher. Die Betroffenen ziehen sich aus dem analogen sozialen Leben zurück, es kann zu Kontrollverlusten kommen. Beispiele aus dem studentischen Publikum zeigten, dass es Betroffenen nur noch unzureichend gelinge, den eigenen Alltag zu organisieren. Das sei ein wachsendes Problem, sagt die Suchtberaterin. Sie verweist auf Untersuchungen zur Medienabhängigkeit: Etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland sei gefährdet.


Einrichtung und Arbeit

  • Die Suchtberatung Konstanz bietet Beratung und Behandlung für Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige. Sie kümmert sich auch um Menschen mit Essstörungen und um Personen, die durch einen krankhaft exzessiven PC- beziehungsweise Internet-Gebrauch oder problematisches Glücksspiel auffallen. Die Einrichtung fungiert als regionale Fachstelle für Suchtfragen im Raum Konstanz und Stockach. Das Einzugsgebiet zählt rund 120 000 Einwohner. Träger der Suchtberatung ist der Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg (AGJ). Die Arbeit der Suchtberatung wird vom Landkreis Konstanz finanziell unterstützt. So finanziert der Kreis zum Beispiel eine Personalstelle für das Projekt Mediensucht anteilig mit.
  • Sucht im Alter: In diesem Projekt geht die Suchtberatung gezielt auf ältere Menschen zu. Der Hintergrund der Initiative: Wenn Menschen aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden sind, ist die Stabilität gefährdet. Alkohol- und Tablettenmissbrauch kann die Folge sein. Das Konstanzer Konzept hat die Landesstiftung Baden-Württemberg überzeugt. Sie stellt mit Fördergeldern die Weiterführung des Projekts bis 2018 sicher.