Ein Wolf in Konstanz? Nicht allzu weit vom Kernstadtgebiet, zwischen L 221 und der Insel Mainau? Ein Spaziergänger hat dort vor etwa zehn Tagen ein Tier gesehen, das einem Wolf zumindest ähnlich sah, wie gestern bekannt wurde. Er berichtete seine Beobachtung den Behörden. Demnach war er mit seinem Hund spazieren, als am Waldrand dieses Tier auftauchte, etwa 50 Meter entfernt, fünf Sekunden lang. Experten von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) – die Forschungsanstalt der Landesforstverwaltung – haben es in letzter Zeit zunehmend öfter mit solchen Verdachtsfällen zu tun.

Fachleute sind froh über alle Meldungen

In diesem Fall halten sie es zwar nicht für ausgeschlossen, dass es sich um einen Wolf handelte; „wahrscheinlicher ist aber, dass es ein wolfsähnlicher Hund war“, sagt Johannes Erretkamps von der Abteilung Wildtierökologie im FVA. Denn der Hund des Spaziergängers bewegte sich auf das Tier zu – bei einem Wolf hätte er eingeschüchtert reagiert. Auch die Nähe zur Stadt und die Uhrzeit – 11 Uhr – spricht für die Hund-These. Tschechoslowakische Wolfshunde etwa sehen Wölfen täuschend ähnlich.

Trotzdem: Die FVA-Fachleute sind froh über alle Meldungen. Je mehr sie erfahren, desto besser können sie sich ein Bild davon machen, wie sich die Wolfspopulation entwickelt. Klar ist: In Baden-Württemberg gibt es noch kein Rudel. Aber viele Einzeltiere, die umherstreifen auf der Suche nach einem Partner, um ein Rudel zu gründen. Neueste Beispiele: In Ostrach im südlichen Kreis Sigmaringen filmte gerade ein Autofahrer einen Wolf; bei Salem gab es Schafsrisse, derzeit laufen noch DNA-Untersuchungen zur Frage, ob es ein Wolf war; und im Sommer 2017 fotografierte ein SÜDKURIER-Leser einen Wolf an der B 14 nördlich von Stockach.

„Es gibt 60 Rudel und 700 Wölfe in Deutschland. Die brauchen langsam Platz“, sagt Kurt Kirchmann, Kreisjägermeister im Kreis Konstanz. Viele Tiere drängten von Norden und Osten her in Richtung Südbaden, zudem welche aus Italien. Wenn sich ältere Jungtiere ein Revier suchen, müssen sie feststellen, dass bestehende Rudel ihr Gebiet verteidigen. Es dürfte also eine Frage der Zeit sein, bis sie nach Baden-Württemberg ausgewichen sind.

Wölfe bevorzugen große, ruhige Flächen. Gehen sie also eher in den Schwarzwald als in den Kreis Konstanz oder den Bodenseekreis? Experten meinen: Nein, auch hier dürften sie heimisch werden. „Natürlich sind große Waldgebiete interessanter als stark zersiedelte Gebiete“, sagt der Salemer Wildtierschützer und Jäger Wolfgang Gerstenhauer, „aber der Wolf ist auch ein Kulturfolger, er kommt sogar in urbane Gebiete“, sprich er geht dorthin, wo er Fressen findet. Ralph Manz vom Wildtier-Forschungsinstitut Kora nahe Bern stimmt zu: „Junge Wölfe überqueren ja auch Autobahnen oder nähern sich städtischen Gebieten im Verlaufe ihrer Abwanderung aus dem elterlichen Rudel. So ist im städtischen Gebiet von Zürich Mitte Juni 2014 ein Jungwolf von einem Zug erfasst und getötet worden.“

Gerstenhauer und Kirchmann sind sauer auf Soldaten, die auf niedersächsischen Truppenübungsplätzen Wölfe gefüttert haben sollen. So verlören Wölfe die Scheu vor Menschen. Wenn es von denen dann aber nichts zu fressen gebe, drohten am ehesten brenzlige Situationen. Gerstenhauer verweist auf ein Youtube-Video, das einen Wolf – laut des Youtube-Nutzers einer aus Niedersachsen – zeigt, der einen im Auto sitzenden Mann um Futter anbettelt. Doch will Gerstenhauer nicht den Teufel an die Wand malen. Auch Erretkamps meint: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Jungwölfe neugierig sind. Bisher gab es in Deutschland noch keine einzige gefährliche Situation.“

Rüde taucht unter

Sein Name ist schmucklos: M 75 tauften die Schweizer Wildtierbiologen den Wolf, der vor einem Jahr im Thurgau eine Spur gerissener Schafe hinterließ. M für männlich und 75 für den 75. in der Schweiz registrierten Wolf. Er war möglicherweise nach 150 Jahren der erste, der eine Pfote in den Kreis Konstanz setzte: Die Rekonstruktion seines Streifzugs legte für Fachleute nahe, dass er auch im Bereich Gailingen und Öhningen unterwegs gewesen und den Rhein durchschwommen haben könnte. Im März 2017 gab es Spuren von ihm in der Nähe von Arosa – seitdem ist M 75 verschwunden. (ebr)