Manchmal macht der Konstanzer Obstbauer Thomas Romer ein kleines Experiment. Dann platziert er am Morgen ganz oben in den Kisten mit den rot leuchtenden Äpfeln, die in seinem Hofladen für die Kundschaft bereitstehen, einige nicht ganz makellose Bioäpfel. Und wenn er dann am Abend nachschaut, ist ein Gutteil des Angebots verkauft, aber die Äpfel mit den kleinen optischen Fehlern liegen noch da.

„Die Augen sind vorne, das Gehirn ist hinten“

Das Verhalten der Käufer beschreibt am Dienstagabend Romers Berufskollege Bruno Bohner bei der vom SÜDKURIER veranstalteten Podiumsdiskussion zum baden-württembergischen Volksbegehren Artenschutz – Rettet die Bienen so: „Die Augen sind vorne, das Gehirn ist hinten“.

Ein Thema, das zündet: Die Podiumsdiskussion Im Konstanzer Konzil zum Volksbegehren Artenschutz ist ein Publikumsmagnet.
Ein Thema, das zündet: Die Podiumsdiskussion Im Konstanzer Konzil zum Volksbegehren Artenschutz ist ein Publikumsmagnet. | Bild: Scherrer, Aurelia

Ob die Konsumenten bei Bio-Äpfeln und -Erdbeeren ebenso zugreifen, wie bei der vielleicht besser ausschauenden Ware aus konventionellem Anbau, könnte bald eine wichtige Frage werden. Geht es nach dem Gesetzentwurf, den die Initiatoren des Volksbegehrens eingebracht haben, soll der Flächenanteil des Ökolandbaus deutlich ausgeweitet werden. Das bedeutet für die Bauern höheren Aufwand und geringeren Ertrag.

Und was nützt der Einsatz, wenn der Kunde nicht zugreift? Das beklagt an diesem Abend auch der Obst- und Gemüsevermarkter Jürgen Riedlinger (Fruchthof Konstanz). Viele Konsumenten sprächen sich zwar für Bioprodukte aus, die konkrete Kaufentscheidung sehe dann aber anders aus.

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Am 24. September ist das Volksbegehren an den Start gegangen. Am Abend des 10. Oktober zeigt sich in Konstanz, dass das Thema des Abends Bauern und Naturschützer ebenso mobilisiert wie Menschen, die einfach nur gute und gesunde Lebensmittel kaufen wollen. Und die nicht wissen, ob sie ihre Unterschrift für das Volksbegehren leisten sollen. Rund 450 Besucher drängen sich im unteren Saal des Konstanzer Konzils, als Johannes Enssle, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes und Vertreter des Artenschutzbündnisses Pro Biene, zu seiner Lagebeschreibung ansetzt.

Volksbegehren als wichtiger Impuls

Enssle verweist auf den dramatischen Artenschwund bei Insekten. Wenn es um die Ursachen gehe, müsse auch der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft betrachtet werden. „Lebensmittelproduktion und Erhalt der Artenvielfalt müssen zusammengehen“, sagt Enssle. Das Volksbegehren sei ein Impuls für wichtige Veränderungen, auch wenn der Gesetzentwurf Schwächen habe.

Der Bauernverband BLHV leugnet nicht den Artenschwund bei den Insekten, lehnt aber den nicht veränderbaren Gesetzentwurf des Volksbegehrens ab, wie Präsident Werner Räpple deutlich machte. Der Landwirtschaft allein werde die Schuld für den Artenschwund zugeschoben, der Pflanzenschutz werde verteufelt. Räpple sagt: „Wir wollen einen besseren Weg gehen.“

Besonders besorgt sind viele Obstbauern, weil nach dem Gesetzentwurf des Volksbegehrens der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten ganz verboten werden soll. Das träfe besonders die Bauern auf dem Bodanrück, aber auch zum Beispiel den Bio-Winzerbetrieb Vollmayer in Hilzingen, wie Beate Vollmayer ausführt: „Wenn das Volksbegehren durchgeht, können wir aufhören.“ Denn auch der Öko-Landbau könne auf Pflanzenschutzmittel nicht verzichten. Obstbauer Heinrich Fuchs (Dingelsdorf), der an diesem Abend ebenso Podiumsteilnehmer ist, sorgt sich auch. Ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten würde seinen Betrieb hart treffen.

Ausnahmen vom Pestizidverbot sind möglich

Seit vielen Jahren sei man um das biologische Gleichgewicht bemüht und setze nur ein Minimum an Pestiziden ein. Nabu-Chef Enssle verweist auf die Möglichkeit, Ausnahmen von dem Pestizidverbot zuzulassen. Beifall aus dem Publikum erntet Moderator Jörg-Peter Rau, Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion, auf folgende Frage: „Warum sollen wir den Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel mehr trauen als den Zulassungsverfahren für Dieselmotoren?“ Hier bleibt die Position zweier Fachleute kontrovers.

Christian Scheer, Pflanzenschutzexperte am Kompetenzzentrum Obstbau Bavendorf, verweist auf Kontrollen und auf Anstrengungen, Pflanzenschutzprodukte ständig zu verbessern und immer gezielter einzusetzen. Artenschutz-Fachmann Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell überzeugt das nicht: Die Wirkungsweisen von Pestiziden seien weit größer als dargestellt.

Frieder Thomas, Landesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die das Volksbegehren unterstützt, sieht immerhin das erste Ziel schon erreicht. Es werde geredet über den Strukturwandel in der Landwirtschaft. Und der Konstanzer Imker Martin Schröpel stellt fest, die Honigbiene werde gehätschelt, der gehe es gut, anders als der Wildbiene. Die Honigbiene leidet weniger an der Landwirtschaft als an der Varoamilbe.