Kreis Konstanz Das Rätseln um das Bodensee-Stonehenge geht weiter: Forscher grübeln, warum die Urzeitmenschen sich diese Plackerei angetan haben

Für die Forscher geht das Rätsel der Steinhügel auf dem Seegrund jetzt in die nächste Runde. Die Urzeitmenschen haben geschuftet wie die Wahnsinnigen, um Tausende große Steine in den See zu werfen – aber warum nur?

Jens Hornung kam an den Bodensee, um ein Geheimnis zu lüften: Das Rätsel vom sogenannten Stonehenge im Bodensee. Sind die Steinhügel vor dem Schweizer Ufer natürlich entstanden oder von Menschen aufgeschüttet worden? Der Wissenschafter der Technischen Universität Darmstadt nahm dafür den selber entwickelten Prototypen eines unter Wasser funktionierenden Georadargeräts mit. „Das ist der weltweit erste Einsatz eines solchen Geräts“, sagt er. Mit hochfrequenten elektromagnetischen Impulsen erfasst es Zentimeter um Zentimeter den Seegrund um und unter den Steinhügeln. Nach tagelanger Auswertung der Daten erhält der Forscher ein Bild von der Begebenheit der Schichten unter dem Seegrund. Und nun konnte Hornung eine Aussage machen. Deshalb lud er zusammen mit dem Thurgauer Amt für Archäologie auf das Forschungsschiff des Instituts für Seenforschung in Langenargen, das vor Uttwil am Thurgauer Seeufer anlegte.

Vor Mittelalter und Römerzeit

„Die Steinhügel sind menschengemacht“, sagt Urs Leuzinger vom Amt für Archäologie des Kantons Thurgau. Dort gab man die Untersuchungen in Auftrag. Seit deutsche Forscher im Jahr 2015 bei Vermessungen des Seegrunds die rund hundert Steinhaufen vor dem Ufer zwischen Bottighofen und Romanshorn etwa fünf Meter unter dem Wasserspiegel entdeckten, rätseln sie, wie die auf einer Linie angeordneten Hügel entstanden sein könnten. 

Unterwasseraufnahme von Hügel Nummer 5 bei Uttwil. gut erkennbar ist, dass alle Steine eine vergleichbare Größe haben – offenbar waren sie von den Urzeitmenschen genau handverlesen.
Unterwasseraufnahme von Hügel Nummer 5 bei Uttwil. gut erkennbar ist, dass alle Steine eine vergleichbare Größe haben – offenbar waren sie von den Urzeitmenschen genau handverlesen. | Bild: Matthias Schnyder/Amt für Archäologie des Kantons Thurgau

Die Georadarmessungen von Jens Hornung zeigen nun, dass die handverlesen wirkenden, weil einander sehr ähnlichen rund 40 Zentimeter grossen Steine auf Schichten von Seesediment und nicht auf der Moräne darunter liegen. Somit ist wissenschaftlich belegt, dass die Hügel nicht vor mehr als 10 000 Jahren durch den Rheingletscher natürlich entstanden, sondern erst später aufgeschüttet worden sind. Und das kann dann nur von Menschen erledigt worden sein, nicht von geologischen Phänomenen.

„Die Vermessungen haben auch gezeigt, dass zwischen der Eiszeit und den Sedimentsablagerungen, auf denen die Steine liegen, einige tausend Jahre vergangen sind“, sagt Leuzinger. „Und es kann auch gesagt werden, dass nach der Aufschüttung der Steine weitere tausend Jahre vergingen.“ Diese Information verraten die über die Zeit abgelagerten Rückstände ebenfalls.

Die Steine sind laut Leuzinger somit in prähistorischer Zeit aufgeschüttet worden: „Mit großer Wahrscheinlichkeit sind die Hügel vor dem Mittelalter und auch vor der Römerzeit entstanden.“ In den Hügeln geborgene Hölzer konnte die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich mit einer Analyse auf 3600 bis 3300 Jahre vor Christus datieren und somit der Jungsteinzeit zuordnen. Ein direkter Zusammenhang zwischen den Steinen und diesen Hölzern ist aber nicht nachgewiesen. Letztere können auch angeschwemmt worden sein.

Warum rackerte man sich dafür ab?

Martin Wessels, Geologe am Institut für Seenforschung in Langenargen, bezweifelt, dass die Hügel im Trockenen angelegt worden sind. „Es ist unvorstellbar, dass der Seespiegel einst so tief war.“ Das hätte Spuren hinterlassen. Doch entsprechende Hinweise beim Abfluss des Sees in Konstanz fehlen.

Mit ihren Erkenntnissen, dass diese Hügel mit ihren Durchmessern von rund 20 Metern nicht natürlich entstanden sind, spielen die Geologen den Ball zurück an die Archäologen. Diese wollen nun zeitlich genauer eingrenzen, wann Menschen diese Steine aufgeschütteten und zu welchem Zweck sie das getan haben. Weil im Sommer zu viel Betrieb auf dem See herrscht, sind die nächsten Schritte erst im kommenden Winter vorgesehen. Mit Grabungen unter Wasser plant das Amt für Archäologie dann weitere Untersuchungen. Die Analyse von Seekreide oder Kalk unter einem Hügel könnten Erkenntnisse für genauere zeitliche Eingrenzungen liefern. „Wir haben auch die Hoffnung, unter den Hügeln Gegenstände zu finden“, sagt Leuzinger. Solche könnten Hinweise liefern, zu welchem Zweck die Steinhaufen angelegt worden sind. Sind es Gräber? Dienten sie dem Fischfang? Sind es Fundamente von Pfahlbauten? Waren an ihnen Seile befestigt, an denen Besatzungen Schiffe gegen den Strom vorwärts zogen? „Es muss einen Hintergrund haben. Menschen schütten nicht einfach so Steine aufeinander“, sagt Leuzinger.

Schwerstarbeit

Urzeit-Menschen waren körperliche Arbeit gewöhnt, aber dieser muss auch ihnen der Schweiß geronnen haben wie nur selten: Die Urzeit-Menschen, die vor tausenden von Jahren die Steinhügel vor dem Schweizer See-Ufer aufschütteten, haben mächtig viel Schwerstarbeit verrichtet. sie haben UNmengen großer Steine auf Boote getragen, um sie dann an gezielten Stellen ins Wasser zu werfen. So entstanden auf einer Länge von etwa 20 Kilometern zwischen Bottighofen und Romanshorn, etwa 300 Meter vom Ufer entfernt, etwa 100 Steinhügel, mit jeweils rund 20 mal 15 Metern Durchmesser. (ebr)

 

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