Martin Schmeding hat sich im Singener Bistro Chez Leon zentral positioniert. Von hier aus hat er den Überblick. Doch sein Blick ist gerade auf seinen Tablet-Computer gerichtet. Das Gerät ist sein ständiger Begleiter und soll im Laufe dieses Gespräches noch mehrfach zum Einsatz kommen. Martin Schmeding ist Bundestagskandidat von Bündnis 90/Die Grünen für den Wahlkreis 287 – Konstanz. Seinen Wahlkampf will der Singener nicht nur mündlich und in gedruckter Form führen; er will verstärkt soziale Medien wie Facebook und Twitter nutzen. Dafür sind Smartphone und Tablet unverzichtbar. Hier ist auch sein Wahlkampfvideo abrufbar. Mit dieser Strategie ist er bei einem Vergleich unter den Bundestagskandidaten, was die Nutzung von Twitter angeht, unter den Top Ten auf Platz 3 gelandet. Dass er Renate Künast (Platz 10) mit seinen Kurznachrichten abgehängt hat, macht ihn stolz.

Als er die Bewegung an der Bistro-Tür bemerkt, schnellt sein Kopf hoch und ein strahlendes Lächeln verbreitet sich über das ganze Gesicht. Seine wachen, grau-blauen Augen signalisieren gespannte Aufmerksamkeit, denn dieses Gespräch bietet Chancen und Risiken. Es soll ausloten, wie der Kandidat denkt, was er im Falle der Wahl für die Region bewirken will, welche Themen ihm jenseits der Parteilinie wichtig sind und wie er überhaupt in seinem Wahlkreis verankert ist. Martin Schmeding ist kein Vereinsmensch. Dafür hat er wegen seines Berufes gar keine Zeit. Nach zahlreichen beruflichen Stationen in seinem 46-jährigen Leben ist er in der Erwachsenenbildung gelandet und arbeitet dann, wenn andere Freizeit haben. 

"Wissen Sie, ich bin Freelancer", sagt er und schiebt die Erklärung gleich hinterher. "Ich unterrichte Wirtschaft und Spanisch an drei Akademien in der Schweiz und an zwei Dualen Hochschulen in Deutschland. Das sind Lörrach und Ravensburg." Und weil sich die meisten Erwachsenen nach der Arbeit weiterbilden, finden seine Kurse oft am Abend oder an Samstagen statt.

Dass er in Singen nach längerer politischer Pause doch wieder in die aktive Politik zurückgekehrt ist, hat er eigentlich dem Hamburger Konzern ECE zu verdanken, der in Singen ein großes Einkaufszentrum mit 16 000 Quadratmetern Verkaufsfläche bauen wird. Dagegen hatte sich früh eine Initiative gegründet, die den Bau verhindern wollte. Einzelhändler, Kommunalpolitiker und zahlreiche Bürger protestierten gegen die Pläne. Unter ihnen auch Martin Schmeding. Seit 2003 hatte sich Schmeding nicht mehr um Politik gekümmert. Zu Beginn des Jahres 2015 war für ihn der Zeitpunkt gekommen, wieder Farbe zu bekennen. Die damalige Vorsitzende des Grünen-Ortsvereins, Karin Leyhe-Schröpfer, hatte einen Köder ausgeworfen und Schmeding biss an. Der Appetit auf Politik war wieder geweckt. Schon mit 19 kandidierte Schmeding in seiner Heimat als Genosse für den Gemeinderat. 1993 trat er aus der SPD aus und wechselte zu den Grünen in Göttingen, wo er von 1991 bis 1997 Wirtschaftspädagogik und Spanisch studierte. 1996 trat er bei der Kommunalwahl für die Grünen an und wurde als einer von zehn Stadträten gewählt.

Martin Schmeding hat sichtlich Freude an seiner Lebensgeschichte. So, wie er sie erzählt, wie er die Episoden und Jahreszahlen präsent hat, hat er sie schon 100 Mal erzählt. So auch, dass er als Diplom-Handelslehrer nie im Schuldienst war, weil ihn zuvor ein hauptberufliches Angebot der Grünen aus Hannover als Referent für Wirtschaft und Finanzen ereilte. "Doch diese Aufgabe und das Mandat in Göttingen haben mich physisch und psychisch so stark beansprucht, dass ich 1999 einen Schnitt machen musste", erzählt er. Von nun an kümmerte er sich als Assistent fünf Jahre um den Vorstand der Allgemeinen Hypothekenbank und hatte unter anderem das Vorstandskasino zu betreuen.

Als auch diese Zeit vorbei war, entdeckte er bei einer Zugfahrt eine Anzeige, die ihn im März 2004 nach Singen führte. Hier wurde in der ehemaligen Marktpassage ein Nachfolger für das Feinkostgeschäft "Mein Fass" gesucht. Schmeding stieg ein und blieb wiederum fünf Jahre. Nebenbei unterrichtete er an der Hohentwiel-Gewerbeschule Spanisch und Wirtschaft. Seit 2011 hat er sich ganz der Erwachsenenbildung verschrieben und unterrichtet zu 70 Prozent in der Schweiz.

Seine Lehrtätigkeit hat er jetzt auf die Hälfte reduziert, um Zeit für den Wahlkampf zu haben. Ein Thema dafür hat er aus seinem persönlichen Alltag mitgebracht: "Als Bahn-Vielfahrer kann ich sagen, dass der Bahnverkehr eine Katastrophe ist. Das regt mich unwahrscheinlich auf." Jetzt redet sich Schmeding in Rage, schildert zahlreiche Mängel und Verbesserungsmöglichkeiten. Ein Auto besitzt er nicht mehr. "Die Verkehrswende geht nur, wenn wir den Menschen ein glaubwürdiges Angebot machen können", sagt er.

Jetzt ist Martin Schmeding in Fahrt gekommen. Massentierhaltung, Steuerflucht großer Konzerne, das Bildungssystem, die Auswertung von Maut-Daten bringen ihn auf die Palme. Konflikte mit der eigenen Partei, die sich ohnehin bei vielen Themen nicht einig ist, scheut er nicht. Für ihn zählt nur: "Ich stehe zu meinen Überzeugungen."

Martin Schmeding und seine Ziele

Unter vier Bewerbern um die Bundestagskandidatur haben Bündnis 90/Die Grünen den Singener Martin Schmeding ausgewählt. Er kämpft bei der Wahl am 24. September im Wahlkreis 287 (Konstanz) um das Bundestagsmandat.

  • Die Person: Martin Schmeding (46) kommt aus Bückeburg, wo er mit vier Geschwistern in einem sozialdemokratisch orientierten Haushalt aufwuchs. Heute lebt er im Singener Süden. Früh engagierte er sich politisch. 1993 ging er zu den Grünen in Göttingen, legte eine 15-jährige politische Pause ein und engagiert sich seit Anfang 2015 wieder bei den Grünen im Ortsverein Singen und seit Jahresbeginn 2017 bei den Kreis-Grünen. Martin Schmeding hat keine Kinder. Er lebt seit einem Jahr in Trennung von seiner zweiten Frau.
  • Der Wahlkampf: „Die Schöpfung bewahren“ lautet das Motto auf dem Wahlplakat, das Martin Schmeding vor grünem Hintergrund zeigt. Neben gedruckten Programmen setzt Schmeding sehr stark auf elektronische Medien. Seine Homepage will er mehrmals wöchentlich erneuern. Sie enthält auch ein Video mit den beiden wichtigsten Botschaften. In einer Positionsbestimmung wendet Schmeding sich gegen Massentierhaltung, in einer anderen setzt er sich für eine deutliche Verbesserung des Bahnverkehrs ein. Weitere Themen sind die Energiewende, das Bildungssystem, der Kiesabbau und die Arbeit und der Fluglärm in der Bodenseeregion. Schmeding will für seinen Wahlkampf auch den Kurznachrichtendienst Twitter intensiv nutzen. Hausbesuche zieht Martin Schmeding nicht in Betracht. Diese Art des Wahlkampfes sei zu zeitaufwendig, sagt er.
  • Die Finanzierung: Für den Wahlkampf hat der Kreisverband der Grünen 25 000 Euro zur Verfügung gestellt. Alle weiteren Ausgaben müssen über Spenden finanziert werden. An mobilen Großwerbeflächen beteiligen sich der Bundes- und der Landesverband der Grünen. Das Wahlkampfteam von Martin Schmeding besteht aus 15 Mitgliedern. Eine Wahlkampfmanagerin ist für sechs Monate bei den Grünen angestellt worden.
  • Die Aktionen: An fünf Podiumsdiskussionen will der Grüne Bundestagskandidat Martin Schmeding teilnehmen. Seit dem 26. August ist er mit Ständen auf Wochenmärkten und in den Innenstädten präsent. Bei gutem Wetter besucht Schmeding Schwimmbäder auf seiner Wahlkampftour. Am Abend will er mit seinem Wahlkampfteam auch schon mal in Kneipen in Singen, Konstanz und Radolfzell Kontakt mit den Wählern suchen. Am 5. September erhält Schmeding Unterstützung von einem Parteifreund aus der baden-württembergischen Regierungsmannschaft: Sozialminister Manne Lucha kommt an den Bodensee. Am 15. September wird Katrin Göring-Eckardt in Konstanz erwartet. Sie ist Spitzenkandidatin der Grünen bei der Bundestagswahl am 24. September.