Tassilo Richter hört zu. Er kennt die Region. Seit acht Jahren arbeitet er in Singen und lebt inzwischen mit Frau und Kind im Stadtteil Hausen. Er kennt das politische Geschäft. Seit beinahe 15 Jahren ist er bei den Liberalen aktiv. Was er noch nicht in allen Einzelheiten kennt, sind die Sorgen und Nöte der Menschen vor Ort. Deshalb ist er aufmerksam. Tassilo Richter bewirbt sich als Kandidat für die FDP im Wahlkreis Konstanz zur Bundestagswahl am Sonntag, 24. September. "Berlin braucht ein Update", sagt der 33-jährige Koch und Kaufmann kämpferisch im Jargon der Partei, die in diesem Jahr mit flotten Sprüchen bei fortschrittlichen Wählern punkten will, nachdem die Partei bei der vergangenen Wahl den Sprung ins Parlament verpasst hat.

Dass sein persönlicher Einzug in den Bundestag in diesem Jahr dennoch ungewiss ist, ficht ihn nicht an. Er weiß, dass zur Demokratie auch gehört, dass nicht alle gewinnen können. Sein Ziel: Die liberale Idee bestmöglich zu stärken, auch ohne sicheren Listenplatz. Seine Motivation: Deutlich machen, dass die AfD eben gerade keine Alternative für Deutschland darstellt. "Die erschreckenden Wahlergebnisse im vergangenen Jahr haben bei mir den Ausschlag gegeben", sagt er. 

Winzer und Landwirte, Eltern und Einzelhändler, Beschäftigte und Unternehmer – Richter sucht sie auf und sucht das Gespräch, um genau hinzuhören. Zum Beispiel auf dem Bauernhof, um die Probleme und Chancen einer modernen Landwirtschaft in Nachbarschaft zur Schweiz zu erörtern. "In vielen Gesprächen höre ich, dass die FDP vermisst wird", lautet seine erste Erkenntnis. Seine zweite: Er kann noch viel dazu lernen. Liberale Politik lautet für ihn, die Stimme der Vernunft zu erheben. Da freut es ihn beispielsweise, wenn Bauern aktiv werden und statt reiner Nahrungsmittelproduktion auf Nischen und Weiterverarbeitung setzen – wie Stefan Leichenauer. Der begegnet der Konkurrenz mit den staatlich besser unterstützten Schweizer Bauern durch den Anbau alter Getreidesorten wie Dinkel und Emmer und dem Verkauf ab Hof von daraus selbst gebackenem Brot. "Genau das entspricht der Einstellung der Liberalen: Chancen suchen und mit Mut die Zukunft gestalten", betont Tassilo Richter. Politik müsse passende Rahmenbedingungen dafür schaffen. Freilich ist Landwirtschaft nicht sein Fachbereich. "Das Thema ist für mich neu, aber wichtig", weiß Richter.

Tassilo Richter (links) hört mit dem FDP-Landtagsabgeordneten Jürgen Keck den Ausführungen von Winzer Hubert Böttcher von der Konstanzer Spitalkellerei zu.
Tassilo Richter (links) hört mit dem FDP-Landtagsabgeordneten Jürgen Keck den Ausführungen von Winzer Hubert Böttcher von der Konstanzer Spitalkellerei zu. | Bild: Matthias Biehler



Nachhilfe hat er sich bei Gesine Meißner gesichert. Die Tochter eines Landwirts macht sich heute für die FDP im Europaparlament für den ländlichen Raum stark. Wie Richter ist sie der Überzeugung, dass Landwirte wie alle Unternehmer immer die betriebswirtschaftliche Seite vor Augen haben müssen. "Vor jeder Neuausrichtung und Investition gilt es genau abzuwägen, ob diese sich lohnt. Nur so können sie den Bestand der Betriebe für ihre Familie sichern und sich erfolgreich dem internationalen Wettbewerb stellen." Wirtschaftspolitik sei eben auch für Bauern existenziell. Und Wirtschaftspolitik ist das Feld, auf dem die FDP ernten will.

Doch vor der Ernte muss geackert werden. Es geht um die Investitionen in die Zukunft. Für die Liberalen zählt dazu vor allem das Zukunftsthema Digitalisierung. Nicht nur in der Verwaltung sollen die Möglichkeiten von Internet und Rechenzentren optimal genutzt werden, auch Gesellschaft und Wirtschaft müssen erreicht werden. Ein eigenes Digitalministerium sei dazu unerlässlich – so Richter. "Unsere Partei will zudem eine flächendeckende Glasfaser-Infrastruktur schaffen. Das Geld für den Netz-Ausbau kann durch den Verkauf von Staatsbeteiligungen, etwa an der Deutschen Post, erzielt werden", erläutert Richter und weiß, dass er auch dabei die Bauern auf seiner Seite haben dürfte. Gerade im ländlichen Bereich ist der Breitband-Ausbau mangelhaft. Nicht zu kurz kommen, dürfe dabei aber der Datenschutz.
 

Erik Schweickert und Tassilo Richter (FDP) mit Winzer Stephan Düringer (v.l.) im Weinkeller der Spitalkellerei Konstanz.
Erik Schweickert und Tassilo Richter (FDP) mit Winzer Stephan Düringer (v.l.) im Weinkeller der Spitalkellerei Konstanz. | Bild: Matthias Biehler

Mangelhaft ist aus Richters Blickwinkel auch die Bildungspolitik. "um wieder an die Weltspitze zu kommen, müssen die Ausgaben erhöht werden", ist der Vater eines zweieinhalbjährigen Sohnes überzeugt und er weiß, dass es sich dabei um ein Langfristprojekt handelt. Auch der Bildungsföderalismus sollte reformiert werden und Schulen mehr Eigenständigkeit erhalten. "Denken wir neu", zitiert Richter liberale Leitgedanken. Das heißt, Ausbildungsförderung müsse elternunabhängig finanziert und Ausbildung nicht nur auf akademische Ziele ausgerichtet werden. "Experten müssen nicht von der Uni kommen", so Richter. Vielmehr sei es an der Zeit, die duale Ausbildung weiter zu entwickeln. Auch den Umweltschutz will er nicht ausblenden: "Wenn wir nicht nur weniger wegwerfen, sondern auch mehr wiederverwenden, können wir Klima, Umwelt und Ressourcen intelligent schützen." Doch das gelinge nur, wenn Forschung gefördert und internationaler Wissenstransfer unterstützt wird.

Tassilo Richter, FDP: seine Person, sein Leben, seine Ziele

Auf dem Stimmzettel für die Bundestagswahl am 24. September im Wahlkreis 287 Konstanz steht Tassilo Richter auf Platz vier. Der Singener tritt für die FDP an 

  • Der Werdegang: Geboren wurde Tassilo Richter (33) am 29. November 1983 in Wetzlar. Aufgewachsen ist er im hessischen Herborn und arbeitet seit acht Jahren bei PVS Mefa Reiss. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Vergangenes Jahr hat er einen Abschluss an der Universität St. Gallen absolviert und das Diploma of Advanced Studies in General Management erworben. Bei der FDP ist er seit 2003 aktiv, zunächst bei den Julis. 2011 übernahm er den Vorsitz der FDP in Konstanz.
  • Das Privatleben: Beruflich ist heute das Gesundheitswesen sein Themenfeld, das Kochen ist für den gelernten Koch heute private Leidenschaft. Außerdem engagiert er sich beim Lions-Club und nutzt die freie Zeit, um beim Joggen den inneren Schweinehund zu überwinden. Richter liebt das Golfspiel. Doch dafür bleibt im Bundestagswahlkampf keine Zeit. Geflüchtet ist er vergangenes Jahr aus dem Konstanzer Paradies. Inzwischen lebt er im Singener Stadtteil Hausen. "Hier sind wir angekommen", sagt Richter.
  • Die Positionen: Richter setzt auf den Ausbau des Bildungsangebots. Hier sollten die Ausgaben deutlich erhöht werden. Senkungen seien bei den Steuern angesagt: Von den erwarteten 110 Milliarden Euro Steuermehreinnahmen bis zum Jahr 2021 sollen die Bürger um mindestens 30 Milliarden Euro entlastet werden. Die FDP will den Einkommensteuertarif ändern und den Solidaritätszuschlag abschaffen. Zur Migrationsproblematik sagt Richter, dass es an der Zeit sei, dass Deutschland sich dauerhafte Einwanderer selbst aussucht. "Dazu soll unter anderem ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild geschaffen werden. Das Grundrecht auf Asyl für politisch Verfolgte ist für uns unantastbar. Flüchtlinge aus Kriegsgebieten sollen aber nur einen vorübergehenden humanitären Schutz erhalten, der auf die Dauer des jeweiligen Krieges begrenzt ist. Zu guter Letzt setzt er auf Europa, fordert aber Reformen für mehr Transparenz und Effizienz in der EU sowie ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten.