Das Leben eines 25-Jährigen ist ja schon kompliziert genug. Das Studium gut zu Ende bringen, den Berufseinstieg hinbekommen, die Liebe fürs Leben finden, den Platz zum Bleiben entdecken. Und dann noch über das Wesen des Populismus nachdenken und erklären, warum auch linke Ideologien davor nie immun waren, aber heute eine Gegenbewegung zu den allzu einfachen Weltbildern sind? Eine Aussage treffen, ob man für einen Stopp der Rüstungsexporte auch Arbeitsplätze hier in der Region opfern würde? Erklären, warum es gerecht ist, jedem, der nicht arbeiten kann oder will, bedingungslos 1050 Euro im Monat zu geben?

Vielleicht liegt es einfach daran, dass Simon Pschorr kurz nach seinem 25. Geburtstag die naheliegenden Fragen schon beantwortet hat. Das erste Staatsexamen in Jura hat er mit hervorragendem Ergebnis gemeistert und kann sich berechtigte Hoffnungen machen, die Richterlaufbahn einschlagen zu können. Wo ihn das Land Baden-Württemberg hinschickt, weiß er noch nicht. Geheiratet hat er gerade. Vielleicht ist es aber auch so, dass dieser Simon Pschorr einfach die Herausforderung für den Kopf braucht. Auch Menschen, die der Partei Die Linke gewiss nicht nahestehen, sagen über den Bundestagskandidaten, dass seine Argumentation oft überlegen ist. 


Tatsächlich sagt Pschorr Sätze wie: "Jede undifferenzierte Antwort geht mit einer Lüge einher." Oder: "Wenn Sie den Gegensatz Arbeitsplätze gegen Moral aufbauen, kann ich nicht anders als sagen, es gibt unverhandelbare Grundsätze." Und bei dem jungen Politiker sind das nicht gut gelernte Sprüche aus dem Jurastudium. Wer ihn länger kennt, der weiß: Simon Pschorr ist so. Abwägend, kontrolliert, manchmal belehrend. Und er misstraut dem, was er selbst mit Gesten in Anführungszeichen setzt: "Wahrheiten". Ideologien, sagt er, sind ihm suspekt, weil sie auf das Glauben statt auf das Verstehen setzen. Parteiprogramme findet er gut, weil sie aus ausverhandelten Elementen bestehen, die einen Handlungsrahmen abstecken.

Und warum ist so einer dann ausgerechnet bei der Linken gelandet? Bei einer Partei, die im Sozialismus, also in einer Ideologie, wurzelt? Mit einer Kandidatur aus einer Nominierungsversammlung in AfD-Manier unter Ausschluss der Öffentlichkeit? Pschorr lässt sich nicht provozieren. Die Linke, sagt er, sei "ein guter Platz für überzeugungsgesteuerten Pragmatismus". Will heißen: Ideale sind das Fundament für sinnvolle Sachentscheidungen. Und Ideale spielen für den 25-Jährigen eine große Rolle. Es ist sein dritter Wahlkampf, der ohne ein Mandat enden wird, denn auf die Landesliste hat ihn seine Partei erst gar nicht gesetzt. Für den Ausschluss der Presse von der Nominierung entschuldigt sich die Linke später. Pschorr nimmt eine Podiumsdiskussion nach der anderen wahr, stellt sich beim Gassenfreitag in der Konstanzer Niederburg den Bummelnden in den Weg, schreckt vor spitz formulierten öffentlichen Erklärungen nicht zurück. Warum? "Ich will die Welt besser machen", sagt Simon Pschorr.

Was sich nach romantischem Politikverständnis anhört, hat bei dem gebürtigen Regensburger einen durchdachten Hintergrund. Im Abitursjahr, erzählt er, wurde ihm klar, dass sich Menschen politisch engagieren müssen, wenn sie das Zeug dazu haben. Von Letzterem war er für sich selbst, und auch das ist typisch für ihn, damals schon überzeugt. Für ersteres studierte er Parteiprogramme und fand bei der Linken die größte Schnittmenge mit seinen Idealen. Und er wusste: Sein Talent liegt im Nachdenken, Herleiten, Begründen. Wenn andere Seevögel vor der Ölpest retten, argumentiert er gegen die politischen Ursachen an. "Wir können nicht einfach zuschauen", das ist der Anspruch, den er nach eigenem Bekunden an sein Leben stellt.

Für nicht alle ist das einfach nachzuvollziehen. Simon Pschorr wird gerne grundsätzlich. "Ich weiß nicht, ob man Idealismus lernen kann", beginnt er einen längeren Gedankengang über das Wesen des Menschen und das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Er wird schlussfolgern, dass Menschen so gepolt sind, dass sie eine funktionierende Gemeinschaft wollen, denn "ein Optimum für den Einzelnen birgt ein Verteilungs- und ein Verlustrisiko". Kapiert? "Ich muss mich bemühen, für die richtigen Menschen die richtige Sprache zu wählen", sagt der Kandidat. Nicht trotzdem, sondern deshalb bereitet ihm dieser Wahlkampf Freude. Demokratie, sagt er, ist nicht das Ende eines politischen Prozesses, sondern ein beständiger Auftrag, Werte zu verteidigen.

Und gibt es etwas, wovor Simon Pschorr Angst hat? "Ich habe eigentlich vor Angst ziemlich viel Angst", entgegnet er. Ihm scheint nichts zu kompliziert zu sein. Das Herz schlägt links, sagt man nicht nur in seinen Kreisen. Bei Simon Pschorr ist es so, dass auch der Kopf links denkt.

Simon Pschorr, Die Linke: seine Person, sein Leben, seine Ziele

Auf Platz 6 auf dem Stimmzettel im Wahlkreis Konstanz steht für die Partei Die Linke bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 Simon Pschorr aus Konstanz.

  • Der Werdegang: Simon Pschorr wurde 1992 in Regensburg geboren und begann in seiner Heimatstadt auch das Studium der Rechtswissenschaften. 2012 wechselte er nach Konstanz, wo er mehrere Stipendien erhielt und zuerst als studentischer und dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Jura-Professor Hans-Christian Röhl arbeitete. 2016 macht er sein erstes Staatsexamen und durchläuft derzeit das zweijährige Referendariat am Landgerichtsbezirk Konstanz. Zu juristischen Themen hat er bereits eine umfassende Liste an wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
  • Das Privatleben: Simon Pschorr ist seit kurzem verheiratet, er lebt im Konstanzer Stadtteil Paradies. Er engagiert sich ehrenamtlich bei der studentischen Rechtsberatung Law and Lake (Gesetz und See), die innerhalb klar gezogener Grenzen Menschen unterstützt, die nicht zum Rechtsanwalt gehen können oder wollen. Für die Partei Die Linke ist er 2014 bei der Gemeinderatswahl Konstanz (mit 2742 Stimmen Fünfter auf der Liste, Mandat klar verfehlt) und 2016 bei der Landtagswahl (3,7 Prozent im Wahlkreis) angetreten. In der Freizeit beschäftigt er sich mit strategischen Simulationsspielen und bastelt dafür auch das Material selbst.
  • Die Positionen: Als wichtige Ziele nennt der Bundestagskandidat Simon Pschorr einen sicheren Lohn mit zwölf Euro Mindestlohn und eine auskömmliche Rente von wenigstens 1050 Euro pro Monat. Er will eine solidarische Krankenversicherung ohne Unterscheidung zwischen Kassen- und Privatpatienten sowie eine bedingungslose Grundsicherung. Waffenexporte sind für Pschorr tabu, er ist gegen die Freihandelsverträge TTIP, Tisa und Ceta. Pschorr kritisiert die Folgen der Globalisierung, bekennt sich aber zu einem starken und demokratischen Europa. In der Region hat sich Simon Pschorr mehrfach sehr deutlich gegen rechte Umtriebe und für einen großzügigen Umgang mit Flüchtlingen positioniert. Sein Motto lautet: „Für ein gutes Leben! Hartnäckig und widerständig.“