Die neue, hochpräzise Vermessung des Bodenseebeckens im Rahmen des Projekts Tiefenschärfe des Instituts für Seenforschung in Langenargen (ISF) hat der Wissenschaft viele neue Erkenntnisse gebracht. So stießen die Forscher dank Echolot und Unterwasser-Videokamera zum Beispiel in 200 Meter Tiefe auf den 1933 versenkten schweizerischen Raddampfer Helvetia III. Die detaillierte Kartierung des Seebodens in den Jahren 2013 bis 2015 hat dem ISF und seinen Schweizer Kooperationspartnern aber zumindest ein Rätsel beschert, das sich als harte Nuss erweist. Es geht um eine Unterwasser-Hügelkette in der Flachwasserzone, etwa 300 Meter vom Ufer entfernt, die sich von Bottighofen bis nach Romanshorn zieht. Sind diese etwa 20 mal 15 Meter großen Steinhaufen menschliche Bauwerke oder eine Laune der Natur? Dieser Frage geht seit 2015 das Amt für Archäologie des Kanton Thurgau nach, das jetzt über neue Forschungserkenntnisse informierte.

Nach Angaben des Thurgauer Kantonsarchäologen Hansjörg Brem hat die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich inzwischen das Alter von einigen Hölzern bestimmt, die Taucher aus den Steinhügeln zu Tage befördert hatten. Es handelt sich um zwei Eschenstämmchen und ein Stück Erle. Die Fachleute der ETH wendeten an den Holzproben das 14C-Verfahren an, das auf der Halbwertszeit von bestimmten Isotopen des von Pflanzen verbauten Kohlenstoffes beruht, wie Brem erläutert. Die Eschen müssen demnach zwischen 3650 und 3350 vor Christus geschlagen worden sein. Das Erlenpfählchen dürfte indes aus dem 19. Jahrhundert nach Christus stammen.

Hügel unter Wasser: Die Kette zeigt sich hier im grün-gelben Farbfeld; oben der blaue Tiefwasserbereich, unten das Ufer. Für das Bild wurden Messdaten eines Fächerecholots und eines Laserscanners kombiniert. (Archivbild)
Hügel unter Wasser: Die Kette zeigt sich hier im grün-gelben Farbfeld; oben der blaue Tiefwasserbereich, unten das Ufer. Für das Bild wurden Messdaten eines Fächerecholots und eines Laserscanners kombiniert. (Archivbild) | Bild: IGKB-Projekt Tiefenschärfe / N. Brückner, Uni Bremen

"Ein datierter Zusammenhang zwischen den Hügeln und den Hölzern ist damit nicht gegeben, da ein direkter konstruktiver Zusammenhang zwischen den Hügeln und den Hölzern nicht festgestellt werden konnte", heißt es in einer Stellungnahme des Thurgauer Amts für Archäologie. Somit lassen sich mit den Ergebnissen der Holzuntersuchungen grundsätzliche Fragen noch nicht beantworten. Wachsen die Steinhaufen aus dem vom Gletscher geprägten Untergrund auf? Oder wurde Geröll aufgeschüttet. Wenn ja, dann wären es Tausende von Kubikmetern gewesen. Hansjörg Brem erinnerte im Gespräch mit dieser Zeitung an die These von der mittelalterlichen Treidelhilfe für Schiffe entlang des südlichen Oberseeufers. Aber wie wurden die riesigen Mengen von Geröll aufgeschüttet? Auch Martin Wessels, der Leiter des Vermessungsprojekts am Institut für Seenforschung, vermutet, dass die Hügel menschengemacht sind. Das sagte Wessels bereits bei der Vorstellung von Ergebnissen aus der Aktion Tiefenschärfe Anfang des vergangenen Jahres.

Die Unterwasserhügel zwischen Bottighofen und Romanshorn, die auch schon mal als Stonehenge von Bodensee bezeichnet wurden, werden die Archäologen noch geraume Zeit beschäftigen. Das Rätsel ist noch nicht gelöst. Die Geschichte geht weiter. "Wir müssen uns das nochmals unter Wasser genau anschauen", sagt Hansjörg Brem. Taucher der Vereinigung Global Underwater Explorers Switzerland sollen sich im Herbst ans Werk machen.

Projekt Tiefenschärfe

Experten des Instituts für Seenforschung Langenargen (ISF) haben den Bodenseegrund innerhalb von zwei Jahren (bis 2015) mit modernster Technik neu vermessen und kartiert. Bei dem Projekt Tiefenschärfe entstand ein detailgenaues 3D-Modell des Seebeckens. Laut ISF ist die Datendichte beim dem Projekt hundert- bis tausendfach höher als bei der letzten Vermessung des Bodensees im Jahr 1990. Eine erste Aufbereitung des Daten zeigte dann unter anderem die rätselhafte Hügelkette vor dem Schweizer Ufer zwischen Bottighofen und Romanshorn.

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