Der Besuch von Annette Widmann-Mauz entsprach einer Standortbestimmung. Dafür verlegte die Staatsministerin den Standort ihres Rednerpults erstmal auf Augenhöhe ihrer Parteifreunde und der Gäste, die den Frühjahrsempfang des CDU-Kreisverbands Konstanz im Scheffelhof Radolfzell besuchten. So komme man auf Betriebstemperatur, um über Nähe zu sprechen. Und um Nähe ging es ihr nicht nur im Sinne ihres Fachgebiets, sie ist im Kanzleramt Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und einzige Vertreterin aus Baden-Württemberg am Kabinettstisch. Widmann-Mauz streifte alle Standpunkte einer CDU-Politik und zeichnete das Bild einer Partei, die aus dem Verlust von Wählerstimmen gelernt haben und verstärkt die Bürgernähe suchen will.

Die Entwicklung seiner Partei hat Rudolf Gerspacher besonders lange verfolgt. Er wurde am Abend für seine 65-jährige CDU-Mitgliedschaft geehrt – und hatte versprochen, nichts zu sagen, auch wenn ihm Einiges auf der Zunge liege. Wem er dieses Versprechen gab, blieb unbekannt. Anders seine Vita: Der heute 86-Jährige trat 1953 in die CDU ein und bekleidete zahlreiche Ämter im Konstanzer Gemeinderat, im Kreistag, im Kreisseniorenrat und in der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. CDU-Kreisvorsitzender Willi Streit bezeichnete Gerspacher als Glücksfall für den Kreisverband, wie er später auch Widmann-Mauz als Glücksfall bezeichnete: Er habe nach ihren Worten das Gefühl, sie seien auf einem guten Weg. Zuvor hatte er plädiert: "Wir müssen wegkommen von der stetigen Nörgelei."

Genörgelt hat Widmann-Mauz nicht, vielmehr analysiert. Dabei gab sie sich eingangs fast selbstkritisch: Der Brexit und die Flüchtlingskrise seien vielleicht ein Weckruf, um zu fragen, ob die CDU alles richtig gemacht habe. Nun sei es Chance und Pflicht zugleich, sich neu aufzustellen. "Und das gelingt uns", befand sie. Zusammenhalt war dabei der Begriff, auf den sich der Koalitionsvertrag laut der Staatsministerin zusammenfassen lasse. Beim Frühjahrsempfang sorgte allerdings gerade bei ihrem Schwerpunktthema Integration dieser Zusammenhalt für Fragen. Hansjörg Blender aus Radolfzell erinnerte daran, dass Betriebe für gelungene Integration auch Sicherheit brauchen. Er sprach die Straßenbau-Firma Storz an, die drei Afrikaner ausbildet und nun deren Abschiebung fürchtet. Widmann-Mauz gab zu: "Wir müssen da mit einer anderen Denke rangehen", derzeit werde an einer Lösung gearbeitet. Beim Thema Fachkräfteeinwanderungsgesetz habe man mit ihr eine Mitstreiterin, wie sie versicherte.

Auf einen anderen Einwand fand Widmann-Mauz klare Worte: "Wir dürfen weder dramatisieren noch beschwichtigen." Allerdings müsse man differenzieren: "Den einen Moslem gibt es nicht." Anton Kohler aus Rielasingen hatte zuvor behauptet, dass Integration hauptsächlich Probleme bringe, und dabei das fremde Weltbild der Muslime angesprochen. "Jetzt müssen wir zeigen, dass wir auch Integration können", sagte die Staatsministerin. Dabei gehe es nicht nur um 1,5 Millionen Flüchtlinge, sondern auch um 18,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Integration betreffe alle Menschen in diesem Land, sofern sie nicht neben- sondern miteinander leben wollen. "Wir haben da viel vor uns", sagte sie. Doch ihr Standpunkt war deutlich: Deutschland und die CDU schaffen das.

Zur Person

Annette Widmann-Mauz wurde 1966 in Tübingen geboren und studierte dort Politik- und Rechtswissenschaften. Sie schloss das Studium nicht ab, weil sie sich nach eigener Aussage vollkommen der Politik zuwandte. Seit 1984 ist sie Mitglied der CDU, damals trat sie auch der Jungen Union bei. 1995 übernahm sie den Vorsitz der Frauen-Union Baden-Württemberg, heute ist sie Bundesvorsitzende. 1998 wurde sie über die Landesliste zur Bundestagsabgeordneten gewählt und seit 2002 erhielt sie stets das Direktmandat im Wahlkreis Tübingen-Hechingen. Bevor sie im März zur Integrationsbeauftragten berufen wurde, arbeitete Widmann-Mauz als parlamentarische Staatssekretärin für den Bundesminister für Gesundheit.