Die Deutsche Bahn (DB) hat auf den Streckenabschnitten zwischen Schaffhausen, Singen und Konstanz einiges investiert in diesem Jahr. Für rund 45 Millionen Euro wurden Gleisanlagen und Weichen erneuert. Über Wochen blieb die Verbindung zwischen Radolfzell und Konstanz komplett gesperrt. Da staute sich bei Reisenden auch Ärger über beschwerliche Ersatzverkehre auf. Doch mit den Baumaßnahmen ist der Sanierungsstau in der Infrastruktur für den Schienenverkehr längst nicht aufgelöst. Die Modernisierung von Bahnhaltepunkten und Bahnhöfen steht beispielsweise noch aus. Wer wissen will, wie groß diese Herausforderung in den nächsten Jahren noch werden könnte, muss nur den Konstanzer Bahnhof in Augenschein nehmen. Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bekräftigte am vergangenen Wochenende bei einer Tagung in Konstanz das Interesse der Landesregierung, dass die Verhältnisse im Bahnverkehr am Bodensee weiter verbessert werden müssen. Bezogen auf das deutsche Nordufer bezeichnete Hermann die Verhältnisse gar als "Katastrophe".

Angesichts dieser Gemengelage trifft es sich, dass auch im Schweizer Kanton Thurgau in den Schienenverkehr investiert wird – allerdings in einer anderen Dimension als die DB es 2016 am westlichen Bodensee getan hat. Für 300 Millionen Franken (rund 278 Millionen Euro) modernisieren die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) das Streckennetz im Thurgau. Beim Baustart im Juni in Berg war vom größten Ausbau der Eisenbahninfrastruktur im Kanton seit der Elektrifizierung der Bahnlinien die Rede. Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt. Für die Bahnkunden im Thurgau soll der Bahnausbau ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2018 kürzere Fahrzeiten, verbesserte Anschlüsse und einige neue Verbindungen bringen. Im Regionalverkehr soll es beispielsweise einen durchgehenden Halbstundentakt auf allen Linien geben.

Bei einem Vor-Ort-Termin in Steckborn am Untersee informierten Vertreter von Schweizer Bahn und Kanton am Mittwoch darüber, dass es 2017 auch zu Totalsperrungen einzelner Streckenabschnitte kommen werde. Damit könnten die Arbeiten in kürzerer Zeit, höherer Qualität und bis zu 30 Prozent günstiger realisiert werden, so hieß es. In einer Präsentation zeigte die SBB die Vorteile einer Totalsperrung am Beispiel der geplanten Arbeiten auf der wichtigen Verbindung Weinfelden-Frauenfeld auf, über die Konstanz an Zürich angebunden ist (siehe Beitrag unten). Werner Müller, Abteilungsleiter für Verkehr und Tourismus in der Thurgauer Kantonsverwaltung, sagt: "Natürlich sind die Sperrungen nicht schön, aber sie müssen sein." Müllers Chef Walter Schönholzer, Regierungsrat für Inneres und Volkswirtschaft, lobte die Bedingungen in der Schweiz und verwies auf die baden-württembergischen Nachbarn, die hart kämpfen müssten, bevor Bundesmittel aus Berlin in den Südwesten fließen.

Um effizient zu bauen, sperren die SBB einige Strecken abends und nachts, andere an Wochenenden oder über mehrere Wochen. Dabei sollen die Vollsperrungen in der Ferienzeit stattfinden, wie Werner Müller bestätigt. Man setze alles daran, verlässliche Ersatzkonzepte für die Kunden anzubieten, so informierten die Eisenbahngesellschaften. Der Service soll sich nicht auf Aushänge an Haltestellen oder Hinweise auf digitale Informationsmöglichkeiten beschränken. "Wo nötig werden Kundenlenker eingesetzt, welche bei der Wegführung unterstützen", heißt es einer Mitteilung der SBB. Wer zuletzt auf der Seehas-Strecke Konstanz-Singen Erfahrungen mit Schienersatzverkehren der DB gemacht hat, könnte 2017 die Schweizer Verhältnisse in vergleichbarer Situation testen. Die Bauherren haben vorsichtshalber um Verständnis für gewisse Erschwernisse gebeten.

Wo 150 Arbeiter in drei Schichten im Einsatz sind

  • Projekte und Finanzierung: Mit dem Bahnausbau im Thurgau reagieren das Schweizer Bundesamt für Verkehr, die Eisenbahngesellschaften und der Kanton auf die gestiegene Nachfrage im öffentlichen Verkehr. Fahrpläne müssen angepasst werden, dafür sind Verbesserungen der Infrastruktur notwendig. In dem 300 Millionen Franken teuren Bahnausbau werden Maßnahmen der Eisenbahnunternehmen SBB, Thurbo, Südostbahn und der Frauenfeld-Wil-Bahn gebündelt. Zu den Maßnahmen zählen etwa ein 4,7 Kilometer langer Doppelspurausbau, der Bau neuer Kreuzungsstationen, die Anpassung von Gleisen und Signalanlagen und der Um- und Ausbau von fünf Bahnhöfen, um einen stufenfreien Zugang zu Bahnsteigen zu schaffen. Streckensperrungen werden nach SBB-Angaben zudem für reguläre Unterhaltsarbeiten genutzt. Die Investitionen werden laut SBB zum überwiegenden Teil aus dem Bahninfrastrukturfonds des Bundes finanziert.
  • Nachbarn profitieren: Ab Ende 2018 verkehren alle Thurgauer S-Bahnlinien montags bis freitags im Halbstundentakt. Eine neue S-Bahn verbindet Weinfelden und Romanshorn im Stundentakt. Die Anschlüsse in Schaffhausen, Kreuzlingen, Romanshorn und Rorschach werden verbessert. Die deutschen Nachbarn profitieren vom Regionalexpress, der stündlich zwischen Konstanz und St. Gallen verkehrt, und anderen grenzüberschreitenden Verbindungen.
  • Vollsperrung spart Geld: Am Beispiel der Baumaßnahme im Abschnitt Weinfelden-Frauenfeld erläutern die SBB den Vorteil der Vollsperrung: Für die Arbeiten wären bei nächtlichem Einspurbetrieb 600 Arbeits-Nachtintervalle nötig. Dank der Vollsperrung können bis zu 150 Arbeiter in bis zu drei Arbeitsschichten die Arbeit in zehn Tagen und Nächten erledigen. Das bringe Einsparungen von mehr als fünf Millionen Franken für die Öffentliche Hand.