Menschen im Kreis Konstanz haben mitunter das Gefühl, abgehängt zu sein von den schnellen Verkehrsverbindungen. Große Infrastrukturprojekte auf Schiene und Straße (Gäubahn, Bundesstraße 33) kommen gar nicht oder schleppend voran. Aber den Praxistest dafür, was es wirklich heißt, abgehängt zu sein, liefert die Deutsche Bahn (DB) in den nächsten Wochen im Regionalverkehr. Vom 9. September bis 22. Oktober müssen Bahnreisende auf der Strecke zwischen Konstanz und Singen massive Einschränkungen hinnehmen, weil die DB Schienen und Gleise erneuert und Schotter austauscht. 24 Tage lang bleibt die Schienenstrecke zwischen Allensbach und Radolfzell komplett gesperrt. Der Abschnitt wird für die wichtige Verbindung im Personennahverkehr zum toten Gleis. Betroffen sind alle Zugangebote: der Seehas, die Schwarzwaldbahn und die IC-Fernverbindung.

Allein 15 000 Pendler und Reisende sind täglich zwischen Konstanz und Engen in den Seehas-Zügen der deutschen SBB GmbH unterwegs. Sie werden sich ab dem kommenden Wochenende umorientieren müssen. Patrick Altenburger, der Geschäftsführer der deutschen SBB GmbH, wirbt einerseits um Verständnis für das Sanierungsprogramm der DB: „Es braucht leider Geduld, damit wir eine modernisierte Infrastruktur erhalten, die den Ansprüchen unserer Kunden genügt.“ Andererseits steht für ihn fest: „Das wird eine Durststrecke für alle Beteiligten.“ Und: „Ich bin selber gespannt, wie sich die Kunden verhalten.“ Zwar machen DB und Seehas-Betreiber Bahnkunden ein Ersatzangebot für die ausfallenden Züge. Reisende können stattdessen in Busse steigen.

Aber Altenburger weiß, dass die gebotenen Möglichkeiten nicht komfortabel sind. Wer ab dem kommenden Wochenende vom Konstanzer Bahnhof aus auf Reisen geht oder seinen Arbeitsplatz zum Beispiel in Singen ansteuert, kann an Werktagen tagsüber mit dem Seehas stündlich bis Allensbach fahren. Dort muss er in den Bus umsteigen. In Radolfzell geht‘s zurück in den Seehas. Hier starten auch die Regionalzüge der DB. Der Umstieg in Fernverkehrszüge ist erst ab Singen möglich.

„Es ist unsere Sorge, dass der Bus im Stau steht wie das Auto“, sagt der SBB-Geschäftsführer. Er geht davon aus, dass Pendler sich ersatzweise andere Mitfahrgelegenheiten suchen und dass die Einnahmen des Verkehrsverbunds Hegau-Bodensee (VHB) leiden werden. Da die VHB-Tickets eine wichtige Finanzierungsquelle für den S-Bahn-Betrieb sind, habe das Verkehrsunternehmen am Ende weniger Geld in der Kasse. Zudem erhöht sich für die Dauer der Vollsperrung zwischen Allensbach und Radolfzell der logistische Aufwand für die SBB. So kann ein Teil der Zugflotte den Weg zur Wartungsstation in Oberwinterthur (Kanton Zürich) nicht mehr direkt über Konstanz/Kreuzlingen anfahren. Mitte Juli hatte der Kreisverband der Grünen noch versucht, die absehbaren Erschwernisse für die Reisenden in der Bauphase abzumildern und gefordert, zur Berufsverkehrszeit wenigstens stundenweise die Vollsperrung aufzuheben. Vergebens. Auf Anfrage der Landtagsabgeordneten Dorothea Wehinger (Grüne) wertete der ebenfalls grüne baden-württembergische Verkehrsminister Hermann es als Erfolg, dass es gelungen sei, den Schienenersatzverkehr auf den Abschnitt Allensbach-Radolfzell zu beschränken.

Die Arbeiten, die Einschränkungen

  • Auf der Bahnstrecke zwischen Radolfzell und Konstanz-Petershausen werden vom 9. September bis 22. Oktober Gleisarbeiten ausgeführt.
  • Der Gleisabschnitt zwischen Radolfzell und Allensbach ist vom 9. September (19 Uhr) bis zum 3. Oktober (6 Uhr) komplett gesperrt. Für Reisende wird laut DB und SBB ein Busverkehr eingerichtet. In dieser Zeit pendelt der Seehas von montags bis freitags tagsüber im Stundentakt zwischen Konstanz und Allensbach.
  • In der Zeit vom 4. bis zum 21. Oktober verkehrt der Seehas zwischen Radolfzell und Konstanz montags bis freitags tagsüber im Stundentakt.
  • An Wochenenden und Feiertagen in der Bauphase sind zwischen Radolfzell und Konstanz gar keine Zugfahrten möglich. Dann wird das zweite Gleis für die Baustellenlogistik gebraucht.
  • Die Regionalzüge der DB aus Richtung Karlsruhe, Offenburg, Villingen fahren während der Gleisarbeiten nur bis Radolfzell. Im Fernverkehr fahren IC-Züge in dieser Zeit nur bis beziehungsweise ab Singen.
  • Informationen bietet die SBB GmbH unter Telefon (0 75 31) 915 109, die DB unter der Rufnummer (0 711) 20 92 70 87. Infos im Internet: www.sbb-deutschland.de und www.bahn.de/bauarbeiten