Konstanz – In den Hauptraum der 45-Quadratmeter-Wohnungen mit Fußbodenheizung fällt viel Licht, die Terrasse ist großzügig geschnitten und die künftigen Bewohner sind hellauf begeistert: „So viel Wohnraum hatte ich noch nie“, sagt einer. Er und zwei andere freuen sich darauf, ihre neuen Unterkünfte einzurichten. Für sie ist dies etwas Besonderes, denn für sie ist es nicht selbstverständlich, selbstständig zu leben. Alle drei sind betroffen von psychischen Erkrankungen. Sie kommen aus betreuten Lebensformen, beispielsweise Wohngemeinschaften oder Gastfamilien, und sie bereiten sich auf weitere Selbstständigkeit vor. Die Woge, der gemeinnützige Konstanzer Verein zur Unterstützung psychisch Kranker, hat in sechs gemieteten Wohnungen im Konstanzer Stadtteil Wollmatingen ein neues Angebot geschaffen, das zwischen dem ambulant betreuten Alleinwohnen und dem Wohnen in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft liegt. In den Apartments kann jeder mit zeitweiser fachlicher Hilfe für sich allein leben, und doch bei Bedarf Kontakt zu Mitbetroffenen suchen. Die neuen Wohnungen ergänzen die vielfältigen Wohnangebote auch anderer Sozialverbände, die psychisch Erkrankten den Weg zurück ins selbstständige Leben ebnen sollen. Die ersten Schritte dazu beginnen für viele schon in der Klinik. Die größte Hürde aber für viele ist es, Vorurteile und Misstrauen zu überwinden – vor allem bei privaten Vermietern.

Für drei der neuen Apartment-Bewohner in Konstanz ist der Einzug ein großer Schritt. „In einer WG, da muss man nicht ganz so selbstständig sein“, sagt eine Bewohnerin. Eine andere, sie habe lange überlegt, ob sie den Herausforderungen der Haushaltsführung gewachsen sei, andererseits habe sie es auch gereizt, nun ihr eigener Herr zu sein. Die drei Erstbezieher machen sich jetzt schon ein wenig Sorgen, was in drei Jahren sein wird. Denn bis dahin sollten die Bewohner ganz eigene Wohnwege einschlagen. Doch die Suche auf dem Konstanzer Wohnungsmarkt haben schon einige aus der Gruppe als aussichtslos erlebt. „Manche Mieter nehmen einen nur, wenn man am ersten Arbeitsmarkt tätig ist“, sagt die Jüngste der Betroffenen. Eine andere Frau berichtet, sobald sie erwähne, dass sie aus der psychiatrischen Klinik komme, würden ihre Chancen auf einen Erfolg bei der Wohnungssuche auf Null sinken. Sie wolle dies aber auch nicht verschweigen. Sie wolle für klare Verhältnisse sorgen. Doch viele Menschen hätten wenig Wissen über psychische Erkrankungen und Berührungsängste. Dabei spiele sich vieles vor allem im Inneren der Betroffenen ab: „Wenn es mir schlecht geht, dann habe ich Probleme mit mir selbst.“ Manche igeln sich dann in der Wohnung ein. Eine Mitbewohnerin ergänzt: Manche dächten, sie simuliere nur, oder müsse sich eben einfach ein wenig zusammenreißen. Doch so einfach sei das eben bei einer psychischen Erkrankung nicht. Sie reiße einen aus dem normalen Leben, in einem Fall während der Ausbildung.

Iris Köhler-Veit, die als Psychologin bei der Woge die Bewohner bei Alltagsproblemen begleitet, kennt die Schwierigkeiten der Betroffenen, wenn sie ihre Krankheit offenbaren: „Oft hat man gar keine andere Wahl, als zu sagen, was ist. Und es ist auch glaubwürdiger, wenn man es sagt und offensiv damit umgeht.“ Winfried Klimm, Leiter der Abteilung Therapie und Kultur am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Reichenau sowie Vorstandsvorsitzender des Hilfsvereins für seelische Gesundheit, weiß, dass psychisch Kranke noch immer mit Misstrauen kämpfen müssen. Die wenigen Fälle, in denen Erkrankte zu Straftätern wurden, prägten das Bild. Dabei seien diese Menschen im Maßregelvollzug mit besonderen Sicherheitsabteilungen untergebracht. Bei den anderen Betroffenen spielten sich die Probleme im Inneren der Person ab. Nach außen seien sie manchmal eher misstrauisch, zurückhaltend, manchmal verhielten sie sich auch anders als erwartet, redeten beispielsweise laut vor sich hin. Dass das Zusammenleben dennoch unproblematisch sein kann, weiß Klimm, der seit fast 30 Jahren in der Psychiatrie arbeitet, von bestimmten stationären Wohngruppen des Hilfsvereins und des ZfP, die bewusst in allgemeinen Wohngegenden liegen. Bei keiner der Wohnungen gebe es Schwierigkeiten mit den Nachbarn. Klimm weist darauf hin, dass auch das Areal des Zentrums für Psychiatrie Reichenau offen gestaltet ist, und sich dieses Konzept seit Jahrzehnten bewähre. „Jeder kann hier durchfahren. Da gehen auch Schüler zur Schule durch. “ Das ZfP lade auch zu Filmabenden und anderen kulturellen Veranstaltungen, die Gäste und Patienten gemeinsam besuchen. Klimm berichtet, wie der Hilfsverein vor zwei Jahren mit sieben Bewohnern nach Italien fuhr, die Reisenden dort Kontakte knüpften, die bis heute andauerten. Mit Blick auf die Patienten kommt er zum Schluss „Wir trauen den Menschen oft viel zu wenig zu.“

Dabei gehöre das Vorbereiten des Patienten auf die Zeit nach dem Klinikaufenthalt zum kleinen Einmaleins der Psychiatrie. Über den gemeindepsychiatrischen Verbund im Landkreis seien alle Akteure dieses Feldes vernetzt und planten gemeinsam bedarfsgerechte Angebote. Klimm spricht von durchschnittlich 20 Tagen, die ein Patient in einer psychiatrischen Klinik verbringe. Was danach passiert, werde nicht dem Zufall überlassen. Das abgestuft betreute Wohnangebot spiele eine ebenso große Rolle wie das Training der Alltagsfähigkeiten, der Aufbau einer Tagesstruktur und die Wiedereingliederung in die Arbeit, sei es in einer Werkstatt oder auf dem freien Markt. Klimm hofft, dass der größere Bekanntheitsgrad psychischer Erkrankungen die Haltung gegenüber den Menschen verändert: „Es gibt kaum noch jemanden, der nicht jemanden mit einer psychischen Erkrankung kennt.“ Verbesserte Diagnosemöglichkeiten spielten dabei eine große Rolle.

Fit werden für Alltag und Beruf

Für psychisch Kranke gibt es ein breites Netzwerk an Angeboten, um nach einem Klinikaufenthalt wieder ins selbstständige Leben zu finden. In Baden-Württemberg sind nach Angaben des Familienministeriums rund 100 000 Menschen in psychiatrischer Behandlung.

  • Die verschiedenen Wohnformen: Im Landkreis Konstanz habt eine Reihe von Verbänden ambulante und stationäre Wohnangebote für psychisch Kranke. Der Verein Woge bietet nur ambulant betreute Wohnformen an: in Familien, in Wohngemeinschaften, in Apartments und in einzelnen Wohnungen. Weitere ambulante und stationäre Angebote haben die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Hilfsverein für seelische Gesundheit, die Diakonie, die paritätischen Sozialdienste und neben dem Klinikum auch das Zentrum für Psychiatrie Reichenau. Im gesamten Landkreis gibt es rund 150 ambulant betreute Plätze. Die Woge hat im Landkreis 23 Gastfamilien, die psychisch Kranke aufgenommen haben, keine einzige davon aber in Konstanz. Möglicherweise hängt das mit der schwierigen Lage auf dem Wohnungsmarkt dort zusammen.
  • Die Tagesstätten: In Konstanz und Singen bieten Arbeiterwohlfahrt, paritätische Sozialdienste, Caritas sowie Diakonie betreute Räume für den Tagesaufenthalt von psychisch Kranken an. Sie können dort Fähigkeiten erproben, ihre Freizeit gestalten und bekommen Unterstützung bei weiteren Lebenschritten. Die paritätischen Sozialdienste haben ein Spezialangebot für psychisch kranke Senioren. Das ZfP unterhält verschiedene Tageskliniken, in denen sich Patienten tagsüber aufhalten und abends wieder nach Hause gehen. Es handelt sich um ein Bindeglied zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.
  • Die Wiedereingliederung in die Arbeit: Die Caritas hat in Konstanz und Radolfzell Werkstätten zur beruflichen Rehabilitation, die Integrationsfirma Indigo unterhält in Konstanz einen Bügelservice, eine Radwerkstatt und einen Pflanzenverleih, in denen sie auch psychisch Kranke beschäftigt. Das Zentrum für Psychiatrie Reichenau erprobt mit dem Pilotprojekt der unterstützten Beschäftigung (supported employment) eine neue Form der Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt. Diese sieht vor, für den Erkrankten erst eine Arbeitsstelle auf dem regulären Markt zu sichern, um ihn dann für die konkrete Tätigkeit fit zu machen. Das Prinzip nennt sich platzieren vor qualifizieren. Im Fokus dieses Konzepts stehen vor allem junge Erkrankte, die aus dem Studium, einer Ausbildung oder aus der ersten Berufsstelle gekommen sind. (rin)