Einst waren Pferde Nutztiere und in Stadt und Land weit verbreitet. Heute sind praktisch alle Pferde im Landkreis Konstanz Haustiere. Doch die Faszination der Tiere ist ungebrochen, die Reiterszene hat einen großen Stellenwert im Landkreis. 313 Betriebe mit Pferden verzeichnet die Tierseuchenkasse Baden-Württemberg, bei der Pferde gemeldet werden müssen, in diesem Jahr, die Zahl der Pferde liegt bei 3009.

Doch die Szene ist auch im Umbruch. Zwei traditionsreiche Betriebe schließen in diesem Jahr ihre Pforten. Erst am Freitag hat der Stockfelderhof bei Orsingen geschlossen. Am Abend sollten die letzten Schulpferde an die neue Wirkungsstätte transportiert werden, erzählt Markus Lämmle, der den Stockfelderhof elf Jahre lang betrieben hat. Ein Investitionsstau in mindestens siebenstelliger Höhe wird als Grund dafür genannt, weshalb die Eigentümerfamilie Douglas den Reitbetrieb nicht fortführen will. Doch Lämmle hat Glück: Er beginnt eine neue Tätigkeit als Gestütsleiter in Albführen. Auch der neuen Wirkungsstätte, im Landkreis Waldshut im Jestetter Zipfel an der Grenze zur Schweiz gelegen, eilt in Reiterkreisen ein gewaltiger Ruf voraus.

Ende Oktober beendet auch der Bodenseereiter in Radolfzell seinen Betrieb. Dann ende der Mietvertrag mit der Stadt, berichtet Sarah Bischof, Vorsitzende des Vereins Bodenseereiter, der auf der gleichnamigen Reitanlage angesiedelt ist. Durch das Ende der beiden Betriebe mussten alle, deren Pferde dort in Boxen standen, nun ein neues Zuhause für ihre Tiere suchen. Jettweiler und Laubegg bei Stockach, Aach oder Eigeltingen sind Ortsnamen, die fallen, wenn man mit Lämmle und Bischof über dieses Thema spricht. Schon recht bald nachdem die Schließung eines Betriebes bekannt wird, würden sich die Einsteller nach einer neuen Lösung umsehen, sagt Bischof. Denn wer beispielsweise mit dem Pferd Sport treibe, für den müssten in der Nähe des Stalls Reitmöglichkeiten für das tägliche Training vorhanden sein.

"Ein Reiter hat einen Partner." Heinz Matuschik, Vorsitzender des Bodensee-Reiterrings, über die Faszination des Reitsports
"Ein Reiter hat einen Partner." Heinz Matuschik, Vorsitzender des Bodensee-Reiterrings, über die Faszination des Reitsports | Bild: Freißmann, Stephan

Durch die Schließung der beiden Betriebe fallen auch Turniere und andere Veranstaltungen für die Reiterszene weg. Das bedauert Heinz Matuschik, Vorsitzender des Bodensee-Reiterrings, in dem 33 Vereine organisiert sind. Die Faszination dieses Hobbys erklärt er so: "Ein Pferd ist etwas ganz Besonderes." Denn es gehe auch um die Beziehung zum Tier: "Ein Reiter hat einen Partner." Und im Reitsport hätten Männer und Frauen die gleichen Chancen, auch mit seinen 63 Jahren könne er im Amateurbereich international dabei sein.

Doch viele wollen das Reiten weniger als Sport sehen, sondern eher einmal in der Woche mit ihrem Pferd ausreiten. Die Tiere würden sich in der übrigen Zeit bei einem Landwirt selbst auf der Weide bewegen und müssten daher nicht täglich geritten und gepflegt werden – wesentlich weniger Aufwand für den Reiter. Viele Pferdeinteressierte hätten nicht die Zeit, das Geld oder die Motivation für das Sportreiten. Und viele Menschen würden heute das Vereinsleben nicht mehr wollen, die Mitgliederzahl sei zurückgegangen, wenn auch wieder stabil. Auch mit Nachmittagsunterricht an Schulen habe man zu kämpfen, denn dadurch können Schüler erst zur selben Zeit auf die Reitanlage wie Berufstätige.

Ein weiteres Problem aus Matuschiks Sicht: Die Vereine sind größtenteils für den Reitunterricht zuständig. Und in der Regel sei ein Verein auf einer privat geführten Reitanlage angesiedelt, sagt Sarah Bischof. Denn für eine eigene Anlage sei sehr viel Kapital nötig – unerschwinglich für einen Verein. Auch für den Verein Bodenseereiter schließt sie diese Möglichkeit aus. Dennoch sei ihr Ziel, bis zum Ende ihrer Amtszeit 2020 eine neue Lösung zu finden. Der Bedarf an Reitanlagen mit Schulbetrieb sei groß, mit entsprechenden Wartezeiten, sagen Bischof und Lämmle. Durch die Schließung der beiden großen Betriebe dürfte es noch knapper werden.

"Mein Eindruck ist, dass der Freizeitsektor wächst – etwa bei Menschen, die Wanderreiten betreiben." Christiane Stehle, auf Pferde spezialisierte Tierärztin
"Mein Eindruck ist, dass der Freizeitsektor wächst – etwa bei Menschen, die Wanderreiten betreiben." Christiane Stehle, auf Pferde spezialisierte Tierärztin | Bild: Freißmann, Stephan

Während Vereine mit den vereinstypischen Problemen zu kämpfen haben, wächst das Interesse am Reiten allgemein. Das ist die Beobachtung von Christiane Stehle. Sie praktiziert als Tierärztin mit Sitz bei Steißlingen, ist auf Pferde spezialisiert. Sie und ihr Team behandeln Tiere im Umkreis von etwa 50 Kilometern, erzählt sie. Sie beobachtet einen Trend zum Breitensport. Und: "Mein Eindruck ist, dass der Freizeitsektor wächst – etwa bei Menschen, die Wanderreiten betreiben."

Wer sind nun die Menschen, die das Hobby Reiten betreiben? Ganz günstig ist es nicht, wie Matuschik vom Reiterring aufzählt: Um das Pferd unterzustellen, müsse man mit Kosten von 250 bis 500 Euro im Monat rechnen, je nach Betrieb. Ein ausgebildetes Pferd koste etwa ab 8000 Euro, ein Freizeitpferd etwa 3000 Euro. Ein sehr guter Sattel schlage mit 2000 Euro zu Buche. Und wer sein Pferd transportieren will, braucht ein starkes Auto und einen Anhänger für mehrere tausend Euro. Zu ihren Kunden gehören dennoch Angehörige aller Gesellschaftsschichten, vom Industriearbeiter bis zum Professor, erzählt Tierärztin Stehle. Auch Lämmle sagt, dass auf dem Stockfelderhof nicht unbedingt klassische reiche Leute vertreten gewesen seien. Dabei seien auch Lehrer und Angestellte gewesen, aber etwa auch ein Postbote. Sie alle haben Freude am Haustier Pferd.

Zahlen und Verband

  • Zahlen: Nach den Daten der Tierseuchenkasse Baden-Württemberg gibt es derzeit 3009 Pferde im Landkreis Konstanz. Seit 2013 gab es ein leichtes Wachstum: Damals lag die Zahl der Pferde zu Jahresbeginn bei 2989. Die Zahl der Betriebe mit Pferden hat demnach allerdings abgenommen: Waren es zu Jahresbeginn 2013 noch 342, sind es jetzt nur noch 313. Diese Betriebe bewirtschaften im Schnitt knapp 40 Hektar, zeigt die Statistik des Landratsamtes. Daraus lasse sich, so Markus Porm vom Landwirtschaftsamt des Landkreises, aber nicht errechnen, wie viel Fläche ein Pferd verbraucht. Denn die meisten Betriebe hätten neben den Pferden weitere Standbeine.
  • Verband: Der Bodensee-Reiterring ist die Dachorganisation für Reiter, die im Bodenseeraum mit ihren Tieren Sport treiben wollen. 3300 Mitglieder seien darin organisiert, so der Vorsitzende Heinz Matuschik. Hinzu kommen nach seiner Schätzung 5000 bis 6000 Menschen im Landkreis, die von Zeit zu Zeit reiten gehen und nicht im Verein organisiert sind. (eph)