Konstanz Auf Streife: Warum die Polizei Bahnreisende zur Vorsicht mahnt

Das Auftreten aggressiver Bettler in Seehas-Zügen hat die Bundespolizei zum Handeln veranlasst. Streifen halten nicht nur nach den Bettlern Ausschau, sie informieren Fahrgäste auch über die Tricks von Taschendieben und erklären, wie man sich als Unbeteiligter bei Schlägereien verhalten sollte.

Weiße Schirmmütze mit Emblem. Dicker, blauer Reißverschlusspullover mit Aufnäher, darüber eine kugelsichere Funktionsweste mit Aufnäher, beides in dunklem Blau: Die Kleidung weist diesen Mann als Polizisten aus. Thomas Heim, Polizeihauptmeister bei der Bundespolizeiinspektion Konstanz, von dem hier die Rede ist, lässt am Montagmorgen den Blick noch einmal kurz über den Bahnsteig wandern, als er am Haltepunkt Wollmatingen aus dem Zug Richtung Engen nach draußen schaut. Hier kamen vor ein paar Tagen eine Handvoll Fahrgäste in den Wagen, die man beim Linienbetreiber SBB nicht so gerne sieht und die später von Heim und dessen Kollegen angetroffen und kontrolliert wurden.

In den vergangenen Wochen sind auf der Seehas-Linie Menschen durch aggressives Betteln aufgefallen. Reisende fühlten sich bedrängt und beschwerten sich bei der Betriebsgesellschaft. Die SBB warnt nun auf Plakaten vor den zudringlichen Gestalten, die Polizei wurde eingeschaltet. Den Ermittlungen zufolge gehören die Bettler meist gut organisierten Gruppen aus Osteuropa an. Inzwischen klebt auf jeder Zugtür ein Warnplakat. Betteln an und für sich ist nicht verboten, aggressives Betteln aber schon. Die Bundespolizei, die für die Sicherheit in Zügen verantwortlich ist, hat den Auftritt der Bettler zum Anlass für ein kleines Projekt genommen und ihren Präventionsbeauftragten Thomas Heim auf den Weg geschickt. Heim und seine Kollegen auf Streife haben den Auftrag, gezielt Aufklärung zu betreiben: Über die Tricks von Taschendieben zum Beispiel und über allerlei Gefahren, die im Bahnverkehr lauern.

Am Montagmorgen ist Thomas Heim gemeinsam mit seiner Kollegin Marion Schmider unterwegs. Die 32-Jährige gehört der Mobilen Kontroll- und Überwachungseinheit (MKÜ) der Bundespolizei an, die in Radolfzell stationiert ist. Ihre Erfahrung: Uniformierte Polizisten werden von Reisenden gerne zu allen möglichen Dingen befragt, auch Fahrplanauskünfte sind erwünscht. "In Uniform ist man oft der Infopoint", sagt Schmider. 16 Haltestellen, 44 Kilometer, 50 Minuten Fahrzeit: Das ist der Rahmen für eine Seehas-Fahrt von Konstanz nach Engen. Thomas Heim füllt die Tour unter anderem mit kleinen Experimenten, wie er es nennt. Er fragt Reisende, was sie tun würden, wenn es vor ihren Augen zu einer Schlägerei käme. "Ich würde dazwischen gehen", sagt ein junger Mann. Eine Frau merkt an, vielleicht sei es sinnvoller, jemanden zu Hilfe zu holen. Regel Nummer eins laut Heim: Erst einen Notruf absetzen. Zeugen müssten sich nicht selbst in Gefahr bringen, aber sich hinterher um das Opfer der Schlägerei kümmern, bis professionelle Helfer eingetroffen seien. Marion Schmider hat solche Opfer schon gespielt bei Präventionsaktionen für Schulklassen. In der Kulisse eines Seehas auf dem Abstellgleis wurden Schüler und Lehrer mit der Situation konfrontiert.

Aufklärung über das richtige Verhalten tut not. Viele Menschen hätten Angst, als Beobachter von Gewaltszenen etwas falsch zu machen, weiß Präventionsfachmann Heim. Eine Frau, mit der Heim und Schmider am Montag ins Gespräch gekommen sind, bedankt sich für die Aufklärungsarbeit: "Ich finde es gut, dass Sie so etwas machen. Konstanz-Engen, Engen-Konstanz: Einmal schaltet die Polizeistreife von freundlicher Beratung auf Kontrolle um. Ein Mann fällt beim Einsteigen dadurch auf, dass er bei der Suche nach einem Sitzplatz die Richtung wechselt, als er die Polizisten erblickt. Er wird gebeten, sich auszuweisen. Die Abfrage in der Polizeizentrale ergibt, dass der Fahrgast schon einmal mit der Polizei in Konflikt geraten war. Jetzt gibt es aber keine weitere Beanstandung. Als Heim und Schmider später noch einmal Richtung Engen starten, werden auch drei Bettler gemeldet. Zu einer Kontrolle kommt es indes nicht. Die mutmaßlich Verdächtigen sind frühzeitig ausgestiegen. Am 26. November ist der Präventionsbeauftragte wieder auf der Strecke unterwegs. Er freut sich, wenn Reisende ihn befragen. "Ich bin ansprechbar", sagt Heim.

Streckennetz und Straftaten

Die Bundespolizeiinspektion Konstanz ist zuständig für die Sicherheit in einem 549 Kilometer langen Streckennetz in sechs Landkreisen mit 104 Bahnhöfen und Haltepunkten sowie den Flughafen Friedrichshafen. Im Jahr 2017 wurden laut Bundespolizei bisher 682 Straftaten festgestellt: von der unerlaubten Einreise bis zum Verstoß gegen das Waffengesetz. Der Anteil von Schwarz-Fahrern an der Zahl der Delikte liegt nach Polizeiangaben bei 50 Prozent. Seit Jahresbeginn wurden 25 Handgepäck- beziehungsweise Taschendiebstähle gemeldet.

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