Alle drei Monate geht es für Heike Rawitzer um eine Menge Geld. Dann nämlich, wenn sie dem deutschen Finanzamt die Steuern für ein ganzes Quartal im Voraus überweisen muss. „Das ist ein Aspekt, der viele Grenzgänger erst einmal überraschend trifft“, sagt sie.

Seit 2012 arbeitet Rawitzer als Professorin für Marketing und Kommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im schweizerischen Winterthur und fährt jeden Tag von Konstanz dorthin und wieder zurück. Aber trotz der höheren Steuerlast in Deutschland sei für sie ein Wegzug auf die andere Seite der Grenze nie in Frage gekommen, wie sie betont.

„Ich schätze die Mentalität der Schweizer"

Das habe vor allem emotionale Gründe: „Wenn man in Konstanz wohnt und hier seinen Lebensmittelpunkt hat, dann finde ich es auch fair, hier die Steuern zu bezahlen. Schließlich profitiere ich und meine Familie vom gesamten Umfeld hier“, sagt Rawitzer. Auch wenn es rein rechnerisch natürlich verlockend sei, wenn ihre Schweizer Kollegen ihre Steuern für ein ganzes Jahr beinahe mit dem 13. Monatsgehalt begleichen könnten. „Ich schätze die Mentalität der Schweizer sehr und arbeite gerne da, aber aus Konstanz wegzuziehen war für mich deswegen nie ein Thema“, erklärt sie.

Kinderbetreuung in der Schweiz extrem teuer

Ohnehin wäre es nicht sicher, ob der Wegzug in die Schweiz in finanzieller Hinsicht sinnvoll gewesen wäre, so die Konstanzer Steuerberaterin Sybille Kern. „Für Alleinstehende lohnt es sich fast immer, den Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Bei Familien mit Kindern sieht es aber anders aus: Weil die Kindertagesbetreuung dort sehr teuer ist, kann diese schnell das ganze Monatsgehalt eines Elternteils aufbrauchen.“

Denn während Kindertagesstätten in Deutschland öffentlich finanziert und organisiert seien, müssten in der Schweiz die Eltern für sämtliche Kosten aufkommen. Zwar sind die Tagessätze einkommensabhängig, aber bei mittleren und höheren Einkommen können so umgerechnet bis zu 120 Euro pro Tag und Kind anfallen.

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Ein anderer Punkt, den Grenzgänger häufig ausblendeten, seien die Urlaubs- und Feiertage in der Schweiz, bemerkt Heike Rawitzer. Im Kanton Zürich, in dem sie arbeitet, gebe es beispielsweise zwei gesetzliche Feiertage weniger als in Baden-Württemberg, und ein bis zwei Wochen weniger Urlaub seien ebenfalls durchaus üblich. „Dazu kommt eine höhere Wochenarbeitszeit. Ich kenne fast niemanden, der nur 40 Stunden in der Woche oder gar noch weniger arbeitet“, sagt sie.

Ihr Rat: Nicht von Behörden abschrecken lassen

Und schließlich ist da noch der Wechselkurs: Je nachdem, ob der Wert des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro gerade steige oder sinke, zahle sie entsprechend mehr oder weniger Steuern. „Das sind Unsicherheiten, mit denen man umgehen muss. Als etwa die Bindung des Frankens an den Euro aufgehoben wurde, schnellte dieser fast 20 Prozent in die Höhe und ich bekam deswegen keine Gehaltserhöhung“, erzählt Rawitzer. Denn umgerechnet in Euro habe sie dann ja faktisch mehr bekommen.

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Trotz solcher Unwegsamkeiten rät sie Grenzgängern, sich weder von Behörden noch von Steuerfragen abschrecken zu lassen: „Das ist alles weniger spektakulär, als es sich anhört. Es ist vielmehr eine Frage, wie sehr man auf Experten für Steuern und Versicherungen verlassen will. Damit habe ich zumindest sehr gute Erfahrungen gemacht." Und auch die Höhe der quartalsweisen Steuervorauszahlungen seien vom Finanzamt stets gewissenhaft ermittelt worden, so ihr Eindruck.

Deutsche sollten auf kulturelle Unterschiede achten

Nicht unterschätzen sollte man hingegen die kulturellen Unterschiede, gerade im geschäftlichen Alltag, mahnt sie. "Als Grenzgänger muss man die Schweiz lernen, und zwar mit allen Facetten wie der Sprache, dem Auftreten und der Verständigung. Uns Deutschen fehlt das häufig, weil wir glauben, dass die Schweizer Kultur so ähnlich sei, dass wir nichts mehr darüber lernen müssten. Das ist ein Irrtum, der zu Missverständnissen führt."

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Schweizer seien im Umgang viel stärker auf Konsens und Rücksichtnahme ausgerichtet, als dies bei Deutschen meist der Fall sei, sagt Rawitzer. Sie, die vor ihrer Zeit an der ZHAW bei einer schweizerischen Großbank gearbeitet hat, habe dabei auch die Gesprächskultur neu kennen gelernt – und das in einer ganz besonderen Form: "Es gibt in der Schweiz zu jedem erdenklichen Anlass einen Apéro. Als künftiger Grenzgänger sollte man sich also schon einmal das Weißweintrinken angewöhnen."