Die Akademie Berlingen hatte sie alle: Wissenschaftler, Künstler und Literaten, Politiker und Kirchenleute. Die Liste der Referenten versammelt über fast 25 Jahre viele herausragende Persönlichkeiten. In der kleinen Tagungsstätte der Bildungseinrichtung am Schweizer Unterseeufer sprach der Philosoph Jürgen Mittelstrass ebenso wie der Schriftsteller Martin Walser und der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer. Auch deutsche Politiker zog dieser Veranstaltungsort an. Der streitbare Linke Gregor Gysi war da und der ebenso streitbare Christdemokrat Heiner Geißler. Guido Wolff, derzeit Justizminister in Baden-Württemberg, referierte hier über Humor.

Sie alle waren Teil eines Programms, das stets mehr sein sollte als nur ein Vortragsangebot und das die Stiftung, die Träger der Akademie ist, so umschrieb: "Mit einem anspruchsvollen Programm informieren wir über wichtige Fragen unseres Lebens und regen zu eigenem Tun und Denken an. Wir ermöglichen Begegnungen mit bedeutenden Persönlichkeiten . . . als Zuhörer und im Rahmen von ausgiebigen Diskussionen." Da ging es im vergangenen Halbjahr zum Beispiel um die Veränderungen in Europa und in der Welt, um die Kunst der Prognose und um Glaube im Jahr des Reformationsjubiläums. Die Namen, die Begegnungen: All dies wird es im nächsten Jahr so nicht mehr geben. Die Akademie Berlingen stellt mit dem zu Ende gehenden Jahr 2017 ihre Vortragstätigkeit aus wirtschaftlichen Grünen ein. Das hat der Stiftungsrat beschlossen und in einer von den Präsidenten René Künzli (Stiftungsrat) und Jürg Krebser (Vorstand) gezeichneten Erklärung bekannt gemacht.

Grund für das Aus sind die stark rückläufigen Besucherzahlen. 2017 sei nur noch ein Besucherdurchschnitt von knapp 30 Teilnehmern pro Veranstaltung erreicht worden. "Die Einnahmen aus den Teilnehmergebühren fielen damit auf ein so tiefes Niveau, dass die laufenden Kosten auch mit den Beiträgen des Fördervereins nicht mehr gedeckt werden konnten", heißt es in einem Rundbrief der Akademie. Und weiter: "Zur Enttäuschung aller haben wir keine tragbare Lösung gefunden."

Die 1993 als Seniorenakademie Berlingen gegründete Einrichtung war stets auch ein grenzübergreifendes Projekt. Das zeigt nicht nur die starke Beteiligung von Referenten aus Deutschland, sondern auch der Zuspruch von Publikum aus dem deutschen Südwesten. Mit dem früheren Engener Bürgermeister Manfred Sailer gehört bis heute ein Vertreter aus dem Landkreis Konstanz dem siebenköpfigen Stiftungsrat der Akademie an. Sailer hatte vor fünf Jahren in dieser Zeitung über optimistische Pläne informiert. Damals wurde aus der Seniorenakademie die Akademie Berlingen und mit der Namensänderung wurde eine Öffnung des Angebots für jüngere Menschen angepeilt. Doch die Hoffnung auf ein Publikumshoch erfüllte sich nicht.